Salzkörner

Montag, 5. November 2012

Christen und Muslime – Partner in der pluralistischen Gesellschaft

Eine Erklärung des Gesprächskreises "Christen und Muslime"

Der Gesprächskreis "Christen und Muslime" beim ZdK hat ein Plädoyer für das gemeinsame Handeln von Christen und Muslimen in unserer Gesellschaft vorgelegt.

Aktuelle Themen in der Debatte um den Islam in Deutschland sind zahlreich. So stellte Hamburg im August einen Entwurf für Verträge mit muslimischen Verbänden vor, die unter  anderem die Weiterentwicklung des Hamburger Modells mit dem Ziel gemischtkonfessionellen Religionsunterrichts mit muslimischer Beteiligung vorsehen. In Bremen wurde inzwischen ebenfalls ein ähnlicher Entwurf in die Beratung der Bürgerschaft eingebracht. Das Kölner Beschneidungs-Urteil hat kontroverse Diskussionen ausgelöst, die mit hoher Emotionalität und in oft unsachlicher und verunglimpfender Weise geführt wurden. Verfassungsschützer warnen regelmäßig vor dem Salafismus als am stärksten wachsende islamische Bewegung. Die in diesem Zusammenhang vom Bundesinnenministerium initiierte Plakatkampagne "Vermisst", die islamistischer Radikalisierung von jungen Menschen entgegentreten sollte, rief allerdings erhebliche Kritik hervor. Die Muslime in Deutschland sahen sich wieder einmal unter Generalverdacht gestellt.

Die Beispiele zeigen das Bemühen und Engagement, das Zusammenleben von Christen und Muslimen in unserer Gesellschaft zu gestalten, aber auch, wie viel gegenseitige Fremdheit und Unkenntnis nach wie vor existiert. Sie unterstreichen, wie unabdingbar der christlich-muslimische Dialog ist.

Gemeinsame Erklärung

Der Gesprächskreis "Christen und Muslime" beim ZdK hat mit seiner Erklärung "Christen und Muslime – Partner in der pluralistischen Gesellschaft. Eine gemeinsame Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen" nun ein Plädoyer vorgelegt für das gemeinsame Handeln von Christen und Muslimen in unserer Gesellschaft. Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Muslimen werden herausgearbeitet, ohne bestehende Unterschiede zu leugnen, und Handlungsfelder dargestellt, in denen Kooperation möglich ist und auszubauen ist.

Verbundenheit im Glauben an den einen Gott und im Menschenbild

Das Bekenntnis von Christen und Muslimen zu dem einen barmherzigen und gerechten Gott trägt wesentlich den christlich-muslimischen Dialog und damit auch gemeinsames gesellschaftliches Engagement. So heißt es im Koran in Sure 29: "Unser Gott und euer Gott ist einer. Und wir sind ihm ergeben." Lumen Gentium stellt fest: "Der Heilswille umfasst aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten." Gemeinsam ist Christen und Muslimen auch das Verständnis des Menschen als Gottes Geschöpf, geschaffen als freies Wesen, dem eine unveräußerliche Würde zukommt.

Partnerschaft im Rahmen des Pluralismus

Insbesondere die gegenseitige Anerkennung gottgewollter menschlicher Freiheit und damit auch die Anerkennung der Religionsfreiheit sind unverzichtbare Grundlage für einen gelingenden Dialog. Christen und Muslime stehen gleichermaßen in dem Lernprozess, mit dem Pluralismus innerhalb ihrer Gemeinschaft und in der Gesellschaft umzugehen. Beide können nicht eine eigene, isolierte Sonderwelt abseits der restlichen Gesellschaft bilden. Sie müssen vielmehr offen gegenüber Andersgläubigen und nicht religiösen Menschen sein. Nur wenn Christentum und Islam innere Deutungsvielfalt akzeptieren und die Vielfalt als Chance sehen und nutzen, können sie in kon-struktiver Auseinandersetzung mit dem Pluralismus in unserer Gesellschaft bestehen.

Allerdings bedarf es in pluralistischen Gesellschaften selbstverständlich eines vertrauensvollen Grundkonsenses, um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Die religiös-weltanschauliche Neutralität des Grundgesetzes stellt hierfür den angemessenen Rahmen, der von allen, unabhängig von ihrer Religion oder Weltanschauung, zu bejahen ist. Pluralismus bedeutet aber auch die Herausforderung für gesellschaftliche Gruppen, Organisationen und auch Religionsgemeinschaften, dass sie auf Partner angewiesen sind, wenn sie in öffentlichen Debatten Gehör finden und mit ihren Anliegen durchdringen wollen. Für Christen und Muslime bietet sich die Chance zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit in gesellschaftspolitischen Fragestellungen.

Die Kirchen haben zunächst für die Muslime in Deutschland häufig die Rolle einer Anwaltschaft übernommen. Diese Asymmetrien im christlich-muslimischen Dialog haben deutlich abgenommen. Die Entwicklung von der Anwaltschaft zur Partnerschaft, bei der die Partner in vielfacher Hinsicht verschieden bleiben werden, gilt es weiter zu verstetigen. Dabei wird die Suche nach gemeinsamen Antworten auf die gesellschaftlichen, sozialen und ethischen Fragen unserer Zeit immer auch die anstrengende Suche nach Konsens und Kompromiss sein.

Handlungsfelder christlich-muslimischer Partnerschaft

Der Gesprächskreis skizziert in seiner Erklärung einige Handlungsfelder, in denen gemeinsames Agieren möglich ist und bereits geschieht:

Gegen Extremismus und Fremdenfeindlichkeit
Christen und Muslime wenden sich in gemeinsamen Aktionen wie Friedensgebeten, Stadtteilfesten o. ä. gegen jegliche Form menschenverachtender Ideologien, seien sie politisch oder religiös motiviert.

Stellungnahmen zu ethischen Fragestellungen
Durch neue Entwicklungen in der Biotechnologie und Medizin, aber auch in den Bereichen Wirtschaft/Finanzen, Familie, Medien und Umwelt werden christliche und islamische Ethik gleichermaßen herausgefordert. Auch wenn teils unterschiedliche Ansätze bestehen, können Christen und Muslime verstärkt gemeinsam agieren, um ethischen Fragestellungen mehr Gewicht in den gesellschaftlichen Debatten zu verleihen.

Gemeinsamer Einsatz für Bildung
In sozial benachteiligten und bildungsfernen Gruppen bestehen Bildungsdefizite, auch wenn in den nachfolgenden Generationen ein Bildungsaufstieg zu verzeichnen ist. Vielerorts sind gemeinsam Hausaufgabenbetreuung, Bildungspatenschaften, Leseprojekte, interkulturelle Jugendbildungsprojekte initiiert worden, um den Bildungserfolg zu unterstützen.

Kooperation in der Seniorenarbeit
Gerade in der ersten Generation muslimischer Einwanderer tritt durch oft schwere körperliche Arbeit Pflegebedürftigkeit früher und häufiger auf. Die Kooperation in der Seniorenarbeit und Altenpflege zielt auf kultursensible Ausbildung von Pflegepersonal und häusliche Hilfsangebote.

Notfallbegleitung und -seelsorge
Im Islam ist die institutionalisierte Seelsorge, wie die christlichen Kirchen sie entwickelt haben, unbekannt. Vielerorts sind dennoch inzwischen Kooperationsprojekte entstanden, in denen die Kirchen ihre praktische Erfahrung zur Ausbildung von Muslimen für die Notfallseelsorge, Telefon-, Krankenhaus-, Gefängnisseelsorge u. a. einbringen.

Internationale Entwicklungsarbeit
In anderen Erdteilen, darunter auch konfliktreichen Regionen, ist gemeinsames Handeln teils weiter entwickelt als in Deutschland. Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit setzen sich Christen und Muslime gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden, Religionsfreiheit und bessere Lebensbedingungen ein. Die Beispiele der Partnerschaft können und sollten für den christlich-muslimischen Dialog in Deutschland fruchtbar gemacht werden.

Weitere vielfältige Möglichkeiten der Kooperation ergeben sich aus der konkreten Situation und den Partnern vor Ort. Der Gesprächskreis möchte dazu aufrufen, die gemeinsamen Chancen christlich-muslimischer Partnerschaft weiter auszuloten und zu nutzen, für ein friedliches zukunftsfähiges Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft.

 

 

 

Autor: Gabriele Erpenbeck Vorsitzende des Gesprächskreises, Sprecherin für den Sachbereich Integration/Migration Sigrid Schraml Geschäftsführerin des Gesprächskreises

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