Salzkörner

Mittwoch, 31. August 2016

Christliches Menschenbild und abendländische Kultur

Acht Thesen aus theologisch-ethischer Sicht

Der Begriff "Das christliche Menschenbild" ist in seinem Singular eine Vereinfachung, die leicht über die großen Differenzen in unterschiedlichen Jahrhunderten, Konfessionen und kulturellen Kontexten hinwegtäuscht. Der folgende Artikel beleuchtet die Kraft, die dem christlichen Menschenbild innewohnt.

1. Wertschätzung von Vielfalt

Man kann das Gottesgebot "Du sollst dir kein Bildnis machen" auch auf den Menschen anwenden: Du sollst dir kein Bildnis vom Menschen machen. Die Achtung des Menschen als ein nie restlos bekanntes und deshalb auch nie vollständig verfügbares Geheimnis ist ein Gebot der Achtung von Menschenwürde. Zugleich ist es eine Voraussetzung für Liebe, denn wenn der Nächste vollständig berechenbar wäre, könnten wir ihn nicht lieben. Eine offene Gesellschaft, die Vorurteile wegen Herkunft, Rasse und Geschlecht vermeidet, ist die Konsequenz dieses Menschenbildes und wesentlicher Bestandteil der abendländischen Kultur.

2. Die revolutionäre Kraft der Gott-Ebenbildlichkeit

Der in der ägyptischen Königstheologie bekannte Topos der Gott-Ebenbildichkeit wird in der Bibel demokratisiert und auf alle Menschen angewendet (Gen 1,27). Diese sozialtheologische Revolution hat bis heute nichts von ihrer gesellschaftskritisch-befreienden Kraft eingebüßt. Die ethisch-politische Konsequenz der Gottebenbildlichkeit ist die unbedingte Würde des Menschen, auf der nicht nur die deutsche Verfassung, sondern die moderne Rechtskultur insgesamt beruht. Die Sicherung der Menschenwürde kann nach christlicher Auffassung nicht allein durch das Recht gesichert werden, sondern braucht das Zeugnis gelebter Solidarität in Grenzsituationen von Leid, Armut, Fremdheit, Behinderung sowie am Anfang und Ende des Lebens. Sie ist Schutzgut und Anspruch zugleich.

3. Die Anerkennung der Personalität konkretisiert sich in den Menschenrechten

Die unbedingte Würde des Menschen wird meist mit dem Personbegriff verknüpft. Der Begriff kommt vom persischen "Maske", was auch der griechisch-römischen Tradition entspricht: Person, von per-sonare hindurchtönen, bezeichnet die Trichteröffnung der Schauspielermaske. Person ist demnach die äußere Erscheinung. Dies ist die entscheidende Pointe bei der Karriere des Begriffs im Kontext der Trinitätstheologie: Der eine Gott kann uns in verschiedenen Erscheinungsformen gegenübertreten. Auch für Kant ist die Person gerade nicht die Substanz, an der Subjektsein und Würde aufgehängt ist, sondern eher eine Art "Behälter". So formuliert er den kategorischen Imperativ als Postulat, "die Menschheit in der Person zu achten". Dies geschieht durch die Übereinstimmung mit dem allgemeinen Sittengesetz als Grundlage von Freiheit, Autonomie und Würde. Wenn sich der individuelle Mensch jedoch als dieses Subjekt der Würde erfahren und entfalten soll, müssen die dafür nötigen soziokulturellen Bedingungen beachtet und anerkannt werden. Dies eröffnet den Weg von einem ethisch-politisch stumpfen Personalismus zur Entfaltung seiner Konsequenzen für individuelle Freiheits-, soziale Anspruchs- und politische Mitwirkungsrechte.

4. Humanität braucht Distanz gegenüber dem Bild des perfekten Menschen

Lebenslang sind wir unterwegs zu uns selbst, zu unserer Identität. Das Gebot der Bergpredigt "Seid vollkommen" (Mt 5,48) kann man präziser übersetzen mit: "Seid ganz, nicht innerlich gespalten". Es meint nicht fehlerlose Perfektheit, sondern Authentizität. Heutige Moraltheologie beachtet stärker den humanwissenschaftlichen Befund, dass die Einheit des Individuums mit sich selbst eine fragile Größe ist und Biographien häufig von tiefen Brüchen geprägt sind. Das hat enorme ethische Konsequenzen, beispielsweise für die Ehemoral und das Eherecht. Im Blick auf das Verhältnis zum eigenen Körper geht christliche Anthropologie auf Distanz gegenüber einem auf Leistung und verallgemeinerbare Standards bezogenen Perfektionismus. Individualität zeigt sich gerade auch im nicht Perfekten. Auch Menschen mit Behinderung oder in Armut, Knechtschaft oder Schuld verlieren nichts von ihrer Würde. Die Bibel interessiert sich besonders für Menschen in schwierigen Situationen und sagt ihnen besondere Gottesnähe zu.

5. Der Mensch ist Beziehungswesen

Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe sind biblisch keine Alternativen, sondern drei Dimensionen, die sich wechselseitig ergänzen und ermöglichen. Als Beziehungswesen hat der Mensch ein Recht auf Inklusion sowie auf kulturelle und ökologische Beheimatung. In seiner theologischen Anthropologie verbindet der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas die Anthropologie der Beziehung mit dem Verantwortungsbegriff: Er spricht von der "Anarchie der Verantwortung". Sie ist "an-archisch", "ohne Anfang" im Individuum, da sie ihren Ursprung in der Begegnung mit dem Nächsten hat, der uns zur Verantwortung ruft. Das Sich-auf-den-Nächsten-hin-Überschreiten versteht Levinas als immanente Transzendenz, als Ursprung des Personseins, in dem Selbst-, Sozial- und Gottesbeziehung als Einheit gedacht sind. Freiheit ist demnach nicht Axiom, sondern Folge praktizierter Verantwortung. Sie bleibt wesentliche Zielgröße, ist aber nicht der quasi metaphysische, ganz ins Subjekt verlagerte Ausgangspunkt des gesamten Moral- und Gesellschaftsverständnisses.

6. Ohne Transzendenz wird der Gedanke der Würde des Menschen fragil

Ohne Transzendenz wird auch der Gedanke der unbedingten Würde des Menschen sehr fragil. Unüberbietbar hat dies bereits Nietzsche zum Ausdruck gebracht: Der Tod Gottes hat den Tod des Menschen zur Folge. Die Ambivalenz des säkularen Personalismus zeigt sich heute in unterschiedlichen Kontexten: Ökologisch wird er als anthropozentrischer Speziezismus kritisiert (W. Singer). Bewusstseinsphilosophisch zeigt Derek Parfit, wie fragil das Konstrukt personaler Identität als absolut gesetzter Ausgangspunkt der transzendentalphilosophischen Ethik ist. Interkulturell steht die "Wende zum Subjekt" in der abendländischen Moderne unter dem Verdacht eines gemeinschaftsfeindlichen Individualismus und Egoismus. Ohne theozentrische Rückbindung ist das anthropozentrische Weltbild nicht zu halten.

7. Der Mensch ist auf Vergebung angewiesen

Der Mensch entdeckt sich erst im Angesicht verpasster Freiheit und damit von Schuld oder Differenz gegenüber seinen besseren Möglichkeiten. Erst dann wird sich das Individuum selbst zur Frage. Der Religionsphilosoph Richard Schäffler macht den Unterschied zwischen philosophischer und theologischer Ethik daran fest, dass Philosophie die Freiheit als Axiom voraussetze, während Theologie angesichts verpasster Freiheit nach der Bedingung ihrer Möglichkeit frage. Freiheit und Verantwortung können wir letztlich nur aushalten, wenn wir auf die Möglichkeit der Vergebung und der Barmherzigkeit vertrauen. Ein Menschenbild und eine Moral ohne Barmherzigkeit werden inhuman. Nicht wenige Elemente des moralischen Rigorismus und Systemdenkens in der christlichen Tradition selbst sind dafür ein Negativbeispiel. Ohne das Vertrauen in die Barmherzigkeit läuft die gesamte Ethik letztlich auf den Versuch hinaus, über andere zu Gericht zu sitzen und für uns selbst nachzuweisen, dass wir nicht belangbar sind.

8. Humanität braucht Einfachheit und die Anerkennung von Grenzen

Die befreiende und humanisierende Kraft des christlichen Menschenbildes liegt wesentlich darin, dass es den Menschen sowohl in seiner Neigung zu Bequemlichkeit, Schuld und Gewalt als auch in seiner Möglichkeit zu Freiheit, Verantwortung und Hingabe sieht. Es sieht die Schwächen, nicht um zu verurteilen, sondern um aufzurichten. Zugleich blickt es auf die Stärken, nicht aus Naivität, sondern aus solidarisch liebender Ermöglichung von Freiheit. Humanität gründet in Demut und der Anerkennung von Grenzen. Solche Einfachheit und Demut als Existenzial gelingenden Menschseins wurde nirgendwo so konsequent vergessen wie in der europäischen Moderne. Ihre Wiederentdeckung ist heute ein Überlebensprogramm, das einen grundlegenden Kulturwandel voraussetzt und eine große gesellschaftliche Transformation zur Folge hat. Vorschläge hierfür finden sich in der Enzyklika Laudato si‘ unter dem Leitbegriff "gutes Leben" und in Bruno Latours "Existenzweisen".

 

 

 

 

 

Autor: Prof. Dr. Markus Vogt | Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians Universität München

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