Salzkörner

Montag, 25. Oktober 1999

DONUM VITAE

Sich neu orientieren und neue Kräfte freisetzen

Katholische Männer und Frauen, aus den Reihen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und darüber hinaus, haben am 24. September 1999 in Fulda den Verein DONUM VITAE gegründet. Ziel dieses Vereins ist die Fortführung der gesetzlich geregelten Schwangerschaftskonfliktberatung auf der Grundlage der bisherigen bischöflichen Richtlinien und der von den katholischen Beratungsstellen geübten Praxis.

Mit der Gründung von DONUM VITAE reagierten die Initiatoren auf die vatikanische Entscheidung, die deutschen Bischöfe anzuweisen, aus der bisher – bis auf eine Ausnahme – einhellig mitgetragenen und nachweislich wirksamen gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung auszusteigen. Sie sind der Überzeugung, dass sie auch nach der römischen und den hieraus resultierenden Entscheidungen deutscher Bischöfe in der Pflicht stehen, sich weiterhin an der lebensschützenden Beratung im Konfliktfall zu beteiligen, um so Frauen in Not beizustehen und sie für ihr Kind zu gewinnen.

Dabei geht es im Kern nicht – wie manche immer wieder behaupten – um die Ausstellung eines Scheines. Es geht vielmehr um die Beratung selbst – und um das damit angestrebte Ziel: Den Frauen, die sich in einer Konfliktsituation befinden und eine Abtreibung erwägen, Mut zuzusprechen, Perspektiven zu eröffnen, Hilfe anzubieten und auf diese Weise das bedrohte ungeborene Leben zu schützen. Es geht um ein aktives Zeugnis katholischer Christen im Kampf gegen eine "Kultur des Todes" und für eine "Kultur des Lebens".

Worum es den Initiatoren trotz aller gegenteiligen Behauptungen nicht geht

Es ist erschreckend und macht betroffen, in welcher Weise sich die Kritiker eines Verbleibs im Beratungssystem den zentralen Argumenten widersetzen und diese mit verleumderischen Unterstellungen und öffentlichkeitswirksamen Wortkeulen zu diskreditieren versuchen. Immer wieder hat die überwiegende Mehrheit der deutschen Bischöfe ihre Beteiligung am gesetzlich geregelten System der Schwangerschaftskonfliktberatung in fundierten, auch moraltheologischen Gutachten begründet und abgesichert, zuletzt noch mit einem über ein Jahr lang sorgfältig von einer qualifizierten Arbeitsgruppe erstellten Bericht, der der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen im Frühjahr dieses Jahres vorlag.

Alle seither vorgetragenen Argumente gegen die Fortsetzung der lebensrettenden Beteiligung am Beratungssystem sind Neuauflagen alter Positionen und fallen sogar hinter das dort Vorgetragene zurück. Der Dialog wird verweigert, stattdessen werden alte Argumente lediglich in neuer Polemik formuliert. Gegen solche Blockaden lässt sich zwar schwer angehen – aber die Initiatoren von DONUM VITAE geben dennoch ihre Gesprächs- bereitschaft nicht auf.

Es geht nicht um den sogenannten Schein; es geht nicht um eine Verdunkelung des Zeugnisses; es geht nicht um eine Billigung oder Inkaufnahme der Abtreibung; es geht nicht darum, sich dem Heiligen Vater in einer zentralen ethischen Position zu widersetzen; es geht nicht darum, mitschuldig zu werden; es geht nicht darum, "Ergebnisoffenheit" mit "Wertneutralität" gleichzusetzen; es geht nicht um "Anpassung", "Zweideutigkeit" oder den fehlenden Mut, gefährlichen Tendenzen in der Gesellschaft zu widerstehen.

Die Stellungnahmen der Theologen sind klar und deutlich

In den vergangenen Wochen trafen viele ermutigende Stellungnahmen im Generalsekretariat des ZdK ein. Drei davon möchte ich als beispielhaft wiedergeben:

1. Die Internationale Vereinigung deutschsprachiger Moraltheologen schreibt: "Aus theologisch-ethischer Sicht halten wir fest, dass eine solche Beratung einschließlich der schriftlichen Bestätigung des stattgefundenen Beratungsgesprächs eine wichtige Form des Schutzes des ungeborenen Kindes und der Mutter ist. Auch nach traditionellen moraltheologischen Kriterien kann diese nicht als moralisch unzulässige Mitwirkung' gelten."

2. Die deutsche Sektion der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie erklärt: "Wir weisen mit Nachdruck die Behauptungen zurück, das kirchliche Engagement im staatlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung verdunkle die Eindeutigkeit des Zeugnisses für das Leben... Der Verbleib im staatlichen Beratungssystem bietet die Chance, wirklich viele Frauen zu erreichen. Der ausgestellte Schein bestätigt die vom Bundesverfassungsgericht geforderte Beratung zu Gunsten des Lebens, nichts sonst. Beratung und Beratungsbestätigung stellen nach traditionellen moraltheologischen Kriterien keine moralisch unzulässige Mitwirkung an einer eventuellen Abtreibung dar."

3. Die Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen betont: "Die im gesetzlichen Beratungssystem vorgesehene Beratungsbescheinigung, an der sich der Konflikt entzündete, ist gerade nicht Ausdruck dafür, dass die ausstellende Instanz Abtreibungen akzeptieren würde. Sie ist vielmehr selbst ein wichtiges Element der Rahmenbedingungen, die eine eigenständig, tragfähige und positiv motivierte Entscheidung einer Frau für ihr Kind ermöglichen sollen. Der Ausstieg der Kirche aus dem gesetzlichen Beratungssystem wäre also keine alternative Form von Hilfe, sondern deren faktische Verhinderung."

Gewissensentscheidungen muss jede Seite akzeptieren

Der Druck der Gegner des Verbleibens in der bisher praktizierten Beratung wirft die Frage auf: Wie halte ich es mit der Gewissensentscheidung des anderen? Das ZdK hat in den vergangenen Jahren wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass man die Gewissensentscheidung derer, die davon überzeugt sind, sich nicht länger an der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung beteiligen zu können, respektieren muss. Das gilt aber auch umgekehrt, nämlich für diejenigen, die für den Verbleib in der Beratung eintreten.

Seitens des höchsten Lehramts ist nie erklärt worden, dass es sich beim Streit um die deutsche Regelung der Schwangerschaftskonfliktberatung um eine Glaubensfrage handelt. Wenn es aber im Kern um eine pastorale Frage geht, dann sind auch verschiedene Lösungswege denkbar. Das war schon in der Vergangenheit so – das muss auch für die Zukunft der Schwangerenberatung und damit für die Initiative DONUM VITAE gelten.

Es ist Zeit, sich neu zu orientieren und neue Kräfte freizusetzen. Die Auseinandersetzung mit den Gegnern des Verbleibs im Beratungssystem darf, so wichtig sie ist, uns nicht hindern, voller Elan Zukunftsperspektiven zu entwickeln und zu verwirklichen. Dabei ermutigt uns die Gewissheit um unser eindeutiges ethisches Fundament, um die Chancen, die der Beratungsansatz beinhaltet, um die Erfolge, die im konsequenten Engagement sowohl für die Frauen in Not als auch für das noch ungeborene Leben liegen.

Dem Zeugnis mit Taten unzweifel haften Ausdruck geben

Das eindeutige Zeugnis der Kirche für den Schutz des ungeborenen Lebens und gegen eine Akzeptanz der Abtreibung in Deutschland ermutigt alle, die sich im ZdK oder bei DONUM VITAE engagieren. "Darüber", so ZdK-Präsident Meyer in Fulda, "kann es zwischen Katholiken keinen Streit geben, und darüber gibt es auch keinen Streit." Der unbedingte Respekt vor dem Wert und der Würde jedes Menschen, auch den noch nicht geborenen, aber gezeugten, wachsenden und darum lebenden Menschen ist für katholische Christen fester Bestandteil ihrer Glaubensüberzeugung und ihres praktischen Einsatzes für eine "Kultur des Lebens".

Hier liegt der innere Motor, sich für die gesetzliche Schwangerschaftskonfliktberatung zu engagieren. Und "niemand hat einen Anlass oder gar das Recht, katholischen Christen abzusprechen, das Leben zu schützen, weil sie Wege suchen und nutzen wollen, um dem Bekenntnis zum Schutz des ungeborenen Lebens auch wirksame Taten folgen zu lassen. Die höchste Wirkung des Zeugnisses für den Schutz des Lebens ist die Rettung von Leben."

Alles, was das ZdK im Einvernehmen mit der Deutschen Bischofskonferenz zum Schutz des ungeborenen Lebens gesagt und getan hat und alles was DONUM VITAE tun will, basiert auf diesem Grundsatz.

Beratung dient ausschließlich dem Schutz des ungeborenen Lebens

Von diesem Fundament aus stellt sich die Frage, was Katholiken in einem konkreten Umfeld und unter den tatsächlichen politischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt gesetzlichen Rahmenbedingungen tun können um das Leben ungeborener Kinder zu schützen und zu retten. Es ist festzustellen, dass für weite Teile der modernen Gesellschaft der Schutz des ungeborenen Lebens kein unbedingter Wert mehr ist. Weithin haben Gesetzgeber – auch in traditionell katholischen Ländern – Fristenlösungen eingeführt.

In Deutschland konnte dies durch den langjährigen, aktiven Einsatz besonders der Christen bisher verhindert werden. Hier gilt seit 1995 ein Gesetz, das nicht länger in einer Strafandrohung, sondern in der Beratung einen Weg sieht, um die Mutter für ihr Kind zu gewinnen und so das ungeborene Leben besser zu schützen.

Die Entscheidung für diesen Weg beruht auf der abgesicherten Erfahrung, dass sich der Schutz des ungeborenen Lebens durch eine Strafandrohung, zu deren praktischer Umsetzung es faktisch nicht mehr gekommen ist, als unwirksam erwiesen hat.

An die Stelle der Strafandrohung ist die Beratung der Frau in einer Konfliktsituation getreten. Das Gesetz schreibt vor, dass diese Beratung dem Schutz des ungeborenen Lebens zu dienen hat: "Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen: Sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen." Grundsätzlich schreibt das Gesetz fest, dass Abtreibung auch wenn sie durch Wahrnehmung der Beratung straffrei bleibt, Unrecht ist.

Die bisherige Beratung hat tausendfach Leben erhalten

Auf dieser Grundlage können nach Überzeugung der Initiatoren von DONUM VITAE Katholiken die Beratung nutzen, um Frauen für ihr Kind zu gewinnen. Dieser Überzeugung war bisher auch die große Mehrheit der deutschen Bischöfe. Die Beratung ist – wie jede Beratung – ergebnisoffen, sie ist aber alles andere als wertneutral, sondern in höchstem Maße wertbezogen! Viele Frauenärzte haben gerade aus diesem Grund ihre schwangeren Patientinnen im Konfliktfall sehr bewusst auf katholische Beratungsstellen hinweisen.

Konfliktberatung für das Leben stellt sich der Situation, die den Schwangerschaftskonflikt ausmacht: Frauen fühlen sich überfordert, allein gelassen und von verschiedenen Seiten – nicht selten von ihrem Partner – unter Druck gesetzt. Manche sehen den einzigen Ausweg darin, die Schwangerschaft abzubrechen. In dieser Konfliktsituation kommt es auf das vertrauensvolle Gespräch zwischen der ratsuchenden Frau und der Beraterin an. Es hat im wahrsten Sinne des Wortes eine "lebensnotwendige" Bedeutung.

Die Beratung kann der Frau helfen, Ängste und Zweifel zu überwinden und trotz der oft ausweglos erscheinenden Situation Vertrauen in die eigene Kraft und in die Hilfsangebote zu schaffen. Vielen Frauen hilft es auch, von anderen zu hören, die mit ihrer Entscheidung für das Kind glücklich sind.

Statistische Daten machen offenkundig, dass durch die Beratung im gesetzlich geregelten System Tausende von Kindern gerettet werden konnten, während eine Beratung außerhalb des Gesetzes Frauen in Konfliktschwangerschaften nicht erreicht. Von den 20 097 Frauen, die in ihrer Konfliktsituation in kirchliche Beratungsstellen gekommen sind, ist bekannt, dass mindestens 25 Prozent von ihnen sich für das Kind entschieden haben. Diese und andere Zahlen belegen, dass der Einsatz für das ungeborene Leben im Rahmen der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung nachweislich eine reale Erfolgschance hat.

DONUM VITAE braucht für seine Arbeit eine breite Unterstützung

Die neue Situation macht es erforderlich, veränderte Trägerstrukturen für die Schwangerschaftskonfliktberatung einzurichten. Ziel von DONUM VITAE ist, daran mitzuwirken, dass ein flächendeckendes Angebot in Anlehnung an den bisherigen Beratungs- und Hilfeplan den Rat suchenden Frauen zur Verfügung steht.

Vertreter von DONUM VITAE werden in der nächsten Zeit Gespräche mit staatlichen und kirchlichen Stellen, aber auch mit den bisherigen Trägern der katholischen Beratungsstellen suchen um auszuloten, in welcher Weise sichergestellt werden kann, dass die katholische Beratung im beschriebenen Sinne und innerhalb der gesetzlichen Bestimmungen weitergeführt werden kann.

Die Initiatoren von DONUM VITAE sind auf die breite Unterstützung durch die deutschen Katholiken angewiesen. In der nächsten Zeit wird DONUM VITAE auf Verbände, Initiativen und Räte, auf Laien, Priester und Ordensleute zugehen mit der Bitte, die Arbeit durch Mitgliedschaft oder Spenden zu unterstützen. Wie gesagt: Es ist Zeit, sich neu zu orientieren und neue Kräfte freizusetzen.

Autor: Dr. Stefan Vesper, Generalsekretär des ZdK

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