Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Dagmar Mensink, Berlin


Jesus war Jude. Diese schlichte Tatsache wurde im Laufe der Kirchengeschichte beschwiegen, verleugnet und bekämpft – und mit ihm die Menschen, die sich zum Gott Israels bekannten. Erst nach 1945 hat sich die Kirche mit Erschrecken und zum Teil widerwillig der damit verbundenen Schuld gestellt. Das schuf die Voraussetzungen für die Metanoia von Nostra Aetate und für ein jüdisch-christliches Gespräch auf Augenhöhe.
Doch für die meisten Christen, darunter auch den Großteil der Pfarrer und Religionslehrer/innen in Deutschland, ist die Neubestimmung des jüdisch-christlichen Verhältnisses bis heute abstrakt geblieben – in Predigten und Religionsbüchern kommen Jüdinnen und Juden immer noch fast ausschließlich als Zeitgenossen Jesu in den Blick.
Der Umstand, dass das gegenwärtige Judentum weiter "vergessen" wird, ist nicht nur mangelnden Begegnungsmöglichkeiten im Alltag geschuldet. Mir scheint, dass der Grund viel mehr in tief empfundenen Kränkungen liegt, die für Christen mit der Anerkennung des Judentums verbunden sind. Sie sind bis heute nicht überwunden, auch weil sie als solche kaum thematisiert werden.

Da ist zuerst die Scham, daran erinnert zu werden, dass der Antijudaismus ein Identitätsmerkmal des christlichen Glaubens war – mit allen Folgen bis hin zur Blindheit gegenüber der millionenfachen Ermordung jüdischer Menschen in der Schoa. Noch mehr aber kränkt offensichtlich die Einsicht, dass das Neue des Neuen Bundes keinen Bruch mit dem Alten bedeutet, geschweige denn, dass das Neue das Alte ersetzt. Plötzlich hat das Christentum nicht mehr allein den Schlüssel zum Heil. Gegen eine solche Konsequenz sperren sich übrigens nicht nur dogmatische Hardliner. Auch die feministische Theologie musste schmerzlich lernen, dass sie Jesus nicht als den ersten neuen Mann feiern kann, der sich von den Fesseln des alttestamentlichen Patriarchats löst, um vor diesem dunklen Hintergrund um so heller zu erstrahlen.
Es mag heute vielleicht lockerer über die Lippen oder auf das Papier kommen, dass die Hebräische Bibel eine zweifache Nachgeschichte hat – wirklich verarbeitet ist diese Erkenntnis noch nicht. Es geht ja nicht um die bloße Feststellung, dass es bis heute jüdischen Glauben gibt, sondern um die theologische Anerkennung, dass die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel weiter geht. Wie lange wurde lehramtlich der Satz bekämpft, der Bund mit Israel sei ungekündigt! Oder wie erbittert reagieren kirchliche Autoritäten bis heute auf jeden Versuch, den Weg Israels zum Heil als einen eigenen zu begreifen!
Dass die Weggemeinschaft von Juden und Christen kein Verlust, sondern ein Gewinn ist, dass sie tiefere Horizonte des Verstehens auch des je eigenen Glaubens erschließen kann – das kann man nicht einfach als Lehre verordnen. Man muss es erfahren. Genau einen solchen Erfahrungsort zu schaffen, ist für mich die Aufgabe und das große Geschenk des jüdisch-christlichen Gesprächs, jenseits aller theologischen Begründungen.

Ich selbst durfte den Dialog zuerst und vor allem als intensive Begegnung mit wunderbaren Menschen erleben. Mit beeindruckenden Lehrerinnen und Lehrern im Rahmen eines Studienjahres an der Hebräischen Universität Jerusalem. Mit Kommilitoninnen und Kommilitonen, mit denen ich bis in die Nacht hinein diskutieren konnte. Vor allem aber seit 1997 in intensiven Diskussionen des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim ZdK, in dem sich beide Seiten in gegenseitigem Respekt auch unterschiedliche Perspektiven zumuten – etwa bezüglich der Rede über Schuld, Leid und Versöhnung, im Blick auf ein Kreuz und Kloster in Auschwitz oder angesichts der Wiederzulassung der alten Karfreitagsfürbitte für den außerordentlichen Ritus durch Papst Benedikt XVI. Hanspeter Heinz und Ernst Ludwig Ehrlich seligen Angedenkens waren Visionäre, indem sie das Gespräch zwischen Juden und Christen als notwendigen Teil der theologischen Erneuerung erkannt und im Gesprächskreis vorangetrieben haben. Das Arbeitspapier "Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs"1 von 1979 bleibt für mich seine Magna Charta. Mögen manche Formulierungen inzwischen Patina haben – gültig bleibt die Grundbotschaft: dass der Dialog zu allererst auf eine bestimmte Haltung und nicht auf eine bestimmte Agenda abzielt: Er ist ein Gespräch, das sich getragen weiß vom
"Auftrag zum gemeinsamen Handeln und Zeugnis-Geben in der Welt". Dieses Gespräch lebt von der Überzeugung, dass es "Juden und Christen grundsätzlich verwehrt" ist, "den anderen zur Untreue gegenüber dem an ihn ergangenen Ruf Gottes bewegen zu wollen"; es ist vielmehr umgekehrt motiviert von der Hoffnung, dass im gegenseitigen Zeugnis "die Treue zu dem (…) ergangenen Ruf Gottes wachsen und das gegenseitige Verstehen vertieft werden" kann.
Damit weist das jüdisch-christliche Gespräch jede allzu selbstgewisse Theologie in ihre Schranken. Schon Paulus hatte ja seinen Zeitgenossen eingeschärft, dass wir die Wahrheit nur in irdenen Gefäßen haben (2Kor 4,7). Alles Sprechen, auch das des Lehramts und des Katechismus, bleibt Annäherung. Deus semper maior. Indem das jüdisch-christliche Gespräch im praktischen Vollzug genau auf diesem Grundsatz besteht, erhebt es zugleich entschiedenen Einspruch gegen alle fundamentalistischen Überhöhungen eines einzigen Glaubens. Und es fordert dazu auf, Pluralität zu denken, ohne das eigene Bekenntnis zu verwässern. Eine eminent politische Botschaft in einer Welt, in der an vielen Orten erbittert um ein gutes Miteinander von Menschen verschiedener Religionen gerungen wird.


1    Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs. Arbeitspapier des Gesprächskreises "Juden und Christen" des ZdK vom 8. Mai 1979 http://www.zdk.de/veroeffentlichungen/erklaerungen/detail/Theologische- Schwerpunkte-des-juedisch-christlichen-Gespraechs-23C/.

 

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