Salzkörner

Samstag, 27. Februar 2010

Damit wir Hoffnung haben – Christsein für die Gesellschaft

Gesellschaftspolitische Verantwortung als Thema des 2. Ökumenischen Kirchentages
Der 2 Ökumenische Kirchentag steht vor der Tür. "Christsein in der Gesellschaft" und "Christsein für die Gesellschaft" sind die Fragen, um die es geht. Ganz offensichtlich Fragen der Selbstvergewisserung, Identitätsfragen. Keineswegs zufällig, keineswegs banal. Zu Recht hebt die "Orientierungshilfe des Gemeinsamen Präsidiums" zur Vorbereitung des ÖKT hervor, dass eine merkwürdige Spannung besteht zwischen der Tatsache, dass sich einerseits zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland als Christen verstehen, sich gleichzeitig aber die "Selbstverständlichkeiten einer christlich geprägten Gesellschaft" verflüchtigen.

"Christsein in der Gesellschaft" – das lässt sich also nicht mehr dadurch leben und erleben, dass man sich einfach an "Selbstverständlichkeiten einer christlich geprägten Gesellschaft" orientiert, so wie das in meiner Kindheit und vielleicht auch der meiner Kinder im katholischen Rheinland vor 15 Jahren noch möglich war. Damals wie heute sind Christen und Christinnen unauffällige Vertreter der Mehrheit, mit dem Unterschied, dass daran heute keine irgendwie gearteten besonderen Anforderungen an öffentlich erfahrbare Alltagshandlungen geknüpft wären. Man kann sonntags, Ostern oder an Weihnachten in die Kirche gehen oder auch nicht – keinesfalls läuft man Gefahr, das eigene Christsein in den Augen der Welt zu verlieren, wenn man darauf verzichtet. Man kann kirchlich heiraten, seine Kinder taufen und beim Tod der Eltern einen Trauergottesdienst ausrichten, muss es aber nicht. Wenn der Partner nicht der eigenen Konfession angehört, eine erste geschiedene Ehe hinter ihm liegt, man die Entscheidung über die eigene religiöse Bindung den Kindern selbst überlassen will, dann ist der Verzicht auf den sakramentalen Beistand in Statuspassagen keineswegs automatisch Ausdruck eines Verzichts auf das Christsein selbst.

Christen sind Chamäleons. Und auch wenn den einen oder die andere so etwas wie eine nagende Unruhe beschleicht angesichts des fortschreitenden Traditionsverlusts, angesichts der abnehmenden Prägekraft christlicher Rituale für den Alltag … – die äußerliche Nicht-Erkennbarkeit der Christen und Christinnen in der Gesellschaft beschreibt nicht die eigentliche Herausforderung, vor der wir uns gemeinsam sehen.

Das "für" als Herausforderung

Wichtiger als die Frage, wie wir in der Gesellschaft leben (wichtiger als die Frage nach dem Christsein in der Gesellschaft) ist offensichtlich die Frage, was wir für die Gesellschaft sind, was uns als Christen und Christinnen für die Gesellschaft bewegt, ob wir in der Lage sind, aus unserem Glauben eine besondere Verantwortung für die Gestaltung unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu formulieren, ob wir Maßstäbe an unser gesellschaftspolitisches Handeln anlegen, die sich nachvollziehen lassen und die überzeugend wirken auch für diejenigen, die anderen Maßstäben folgen und zu anderen Maßnahmevorschlägen kommen. Entscheidend ist die Frage nach dem Christsein für die Gesellschaft.

Christen und Christinnen müssen Weltverantwortung wahrnehmen, nach bestem Wissen und Gewissen, bereit die eigenen Maßstäbe zu erläutern, bereit Kompromisse zu schließen, unter Achtung der Wertvorstellungen anderer.

Die Grundlagen sichtbar machen

Der ÖKT wird vielfältig Gelegenheit bieten, Menschen die gesellschaftlich Verantwortung tragen, zu fragen, inwiefern sie ihr Tun vor sich und der Welt als Christen und Christinnen gestalten. Und er wird Gelegenheit bieten, sie zu konfrontieren mit Erwartungen, die andere – Junge und Alte, Frauen und Männer – an Christen und Christinnen in Verantwortung richten. Selbst- und Fremdwahrnehmung zu vergleichen ist eine bewährte Methode der Identitätsvergewisserung. Erst indem wir es aussprechen, wird nachvollziehbar und damit glaubhaft, dass eine konkrete politische Entscheidung, die grundsätzlich auch rein fachlich begründbar wäre, im vorliegenden Einzelfall nach reiflicher Abwägung ethischer Gesichtspunkte getroffen wurde und sich aus der Perspektive des Handelnden als Ausdruck gelebten Christseins darstellt. Oft ist es klug, auf der Bühne, auf der die Entscheidungen getroffen werden, diesen Aspekt nicht zu deutlich erscheinen zu lassen. Dass der ÖKT diesen Aspekten eine eigene Bühne geben wird, ist seine besondere Chance.

Den Dialog fortsetzen

Wichtig wird es sein, das Gespräch über christliche Weltverantwortung nach dem ÖKT nicht abreißen zu lassen. Die dort aufgeworfenen Fragen müssen auf der Tagesordnung bleiben. Gute Orte für dieses fortdauernde Gespräch sind die Vollversammlungen und Arbeitskreise des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Gerade erst sind Präsidium, Sprecher und Hauptausschuss neu gewählt. Zu ihrer Aufgaben gehört es, das "ZdK neu zu erfinden", es als Ort und Institution fortzuentwickeln, wo das Gespräch über unsere Verantwortung als Christen in der Welt sich so verdichtet, dass es nicht folgenlos bleibt.

Lebenslaufpolitik

Noch sind die thematischen Schwerpunkte der Sachbereiche für die nächsten Jahre nicht festgelegt. Als ich mich bei der November-Vollversammlung um das Amt der Sprecherin im Sachbereich gesellschaftliche Grundfragen zur Wahl stellte, habe ich aber darauf hingewiesen, dass wir uns meines Erachtens angesichts des demographischen Wandels und der globalen wirtschaftlichen Krise in den Themenfeldern "Arbeitslosigkeit und Reformen von SGB II/III" einerseits, Alterssicherung andererseits einer Einmischung nicht entziehen können.

Beide Themen stehen exemplarisch für das, was ich Lebenslaufpolitik nennen möchte und wozu ich Christen und Christinnen in ihrer Verantwortung für die Gesellschaft berufen sehe.

So wie die Idee der Sozialen Marktwirtschaft in den Aufbaujahren der Bundesrepublik Deutschland geprägt war durch die christliche Soziallehre, so sollte die soziale Lebenslaufpolitik als Gesellschaftspolitik für die Zukunft im vor uns liegenden Jahrzehnt geprägt werden durch die Diskussionen und Impulse von Christen und Christinnen. Die Zeit einer statusorientierten Sozialpolitik ist vorbei. Gefordert ist eine Gesellschaftspolitik, die die Dynamiken moderner Lebensläufe wahrnimmt und Menschen befähigt, ihr Leben inmitten dieser Dynamiken zu gestalten.

Lebenslaufpolitik ist dabei gefordert, soziale Risiken in den Lebensläufen und Erwerbsbiografien der Menschen abzusichern – und zwar mit einer explizit auf potenzielle Folgerisiken und -probleme in späteren Lebensphasen bezogenen präventiven Orientierung. Neben der akuten Risikoabsicherung und Unterstützung bei Risikoeintritt geht es um die Vermeidung kurz- und insbesondere langfristiger Folgewirkungen.

Lebenslaufpolitik folgt dem Subsidiaritätsprinzip: Sie bietet keine Vollkasko-Versicherung, setzt auf Eigenverantwortung, bietet aber in weichenstellenden kritischen Übergängen im Lebenslauf zielgenaue Hilfe, z. B. in der Familiengründungsphase oder in der Phase des Wiedereinstiegs ins Erwerbsleben.

Lebenslaufpolitik zielt insbesondere darauf, dass diejenigen Frauen und Männer, die bereit sind, für andere Menschen Verantwortung zu tragen, mit den Risiken, die sich aus dieser Fürsorgearbeit ergeben, nicht allein gelassen werden.

Leitbild dieser Politik ist eine Kultur des Zusammenhalts, die auf einer gleichberechtigten Partnerschaft von Männern und Frauen fußt. Sie befähigt und unterstützt Menschen in allen Lebensphasen darin, Optionen für eine selbst- und mitverantwortliche Gestaltung der eigenen Lebensläufe und ihrer Erwerbsbiographien zu nutzen.

Damit ihr Hoffnung habt –
Damit wir Hoffnung haben

"Er hat uns neu geboren, damit wir eine lebendige Hoffnung haben", so heißt es im dritten Vers des 1. Petrusbriefs, auf den der ÖKT mit seinem Leitwort verweist. Im Perspektivwechsel des Leitworts vom Ihr zum Wir liegt die Chance des
2. ÖKT. Wenn wir uns daranmachen, die Leitlinien einer sozialen Lebenslaufpolitik energisch mitzugestalten, dann verleihen wir unserer lebendigen Hoffnung Ausdruck und Ziel.

Autor: Eva Maria Welskop-Deffaa, Sprecherin des ZdK für Gesellschaftliche Grundfragen

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