Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Daniel Noa, Ludwigsburg


Der Dialog ist mir wichtig, weil ich ohne ihn noch nie gelebt habe. Ich habe darüber anlässlich der Vollversammlung des ZdK beim Katholikentag in Regensburg, der unter dem Thema "Mit Christus Brücken bauen" stand, gesprochen. Einige Gedanken gebe ich hier wieder, denn Brückenbauen ist Inhalt und Ziel des Dialogs.

Mein Vater stammte aus einer assimilierten großbürgerlichen jüdischen deutschen Familie. Mein Großvater war hochdekorierter Offizier im Ersten Weltkrieg; aus der Familie stammten Komponisten, Ärzte, Schriftsteller, Juristen und Musiker. Nur mein Vater kämpfte als Sozialist in Berlin gegen die Nazihorden, die anderen Familienmitglieder nahmen diese nicht ernst. Fast alle wurden ermordet oder starben in der Emigration; ein Onkel wurde in Auschwitz befreit; ein anderer überlebte als Kind versteckt bei Bauern in Frankreich, weil seine Mutter ihn aus dem fahrenden Deportationszug werfen konnte und mein Vater – blond und blauäugig so gar nicht dem Judenklischee entsprechend, wenn auch beschnitten – ließ sich mustern und wurde deutscher Soldat. Verwundet und denunziert retteten ihn die alliierten Bomben vor der Verhaftung. Er wurde Landgerichtspräsident in Thüringen – ganz ohne Entnazifizierung.

Meine Mutter, als junge Frau aus Prag vertrieben, landete nach dem Krieg mit ihren Eltern auf einer nassen Wiese in Thüringen. Meine katholische Mutter, die selbst alles verloren hatte, traf meinen an Leib und Seele kranken jüdischen Vater und baute eine Brücke. Sie, die schon wegen ihres Alters nicht schuldig hatte werden können, wollte Schuld tilgen, versöhnen, helfen. Die beiden heirateten und bekamen drei Kinder, ich war der älteste.

Die Flucht aus der DDR, durch die mein Vater, der sich nicht gleichschalten lassen wollte, seiner Verhaftung zuvorkam und ein Neuanfang im Westen in bitterer Armut, als "Kommunist" verdächtigt und als Jude geschmäht, ließen die beiden nicht an ihrem Glauben an den gemeinsamen Gott zweifeln. Wir Kinder lernten Engagement, Respekt, Toleranz und Dankbarkeit. Noch heute habe ich den Duft der Bratkartoffeln in der Nase, aus der Wohnung noch viel ärmerer Menschen, die wir beschenkten, bevor bei uns Bescherung war. Gemeinsames Gebet, gemeinsame Werte haben uns Kinder lange Zeit gar nicht erkennen lassen, dass wir verschiedenen Religionen angehörten. Die Brücke, die uns verband, wackelte nicht.

An dieser Brücke gesägt haben die "guten Katholiken", Nachbarn, Pfarrer, Religionslehrer, Jugendleiter, die mich mit dem ganzen Spektrum ekelhaftem religiösen Antisemitismus konfrontierten: Christusmörder, Rachegott, ungültige Ehe der Eltern…

Allerdings hat auch die jüdische Seite oft wenig Toleranz gezeigt und sich hinter fundamentalistischem Formalismus verschanzt, etwa als wir meine Mutter im Grab des Vaters auf dem jüdischen Friedhof bestatten wollten. Beides hat weh getan, manchmal sogar sehr. Der Dialog, wie ihn der Gesprächskreis pflegt, hilft, Gräben zu überwinden.

Meine beiden Schwestern sind, obwohl getauft, zum Glauben des Vaters zurückgekehrt, eine der beiden ist seit vielen Jahren Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Bremen und zwischenzeitlich wie ich Mitglied des Gesprächskreises.

Ich wollte Veränderung in der Kirche, war begeistert von Nostra Aetate und habe daher katholische Theologie mit vielen Schwerpunkten in der hebräischen Bibel und danach Jura studiert. In der Familie wurde Weihnachten und Chanuka, Pessach und Ostern begangen, zu Jom Kippur haben die jüdischen Familienmitglieder gefastet und die katholische Mutter hat sie versorgt.

Aus meiner rein christlichen Ehe sind zwei wunderbare Töchter hervorgegangen, Miriam und Judith. Miriam ist heute orthodoxe Jüdin und Judith hat katholische Theologie studiert. Innerhalb eines Jahres hatten wir zwei wunderschöne Hochzeiten, eine jüdische in Berlin und eine katholische in Oberschwaben. Keiner grenzt sich aus, keiner grenzt aus. Die beiden verstehen sich prächtig…Die Brücke ist fest!

Fragt jetzt noch jemand, warum mir der jüdisch-christliche Dialog wichtig ist?

 

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