Salzkörner

Montag, 30. August 1999

Das Klagelied vom Null-Bock ist unzutreffend

Ehrenamtliche Arbeit als ein Gradmesser für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft
Es gibt eine Reihe von Anzeichen, die den Schluss nahe legen, dass der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft abnimmt. Daraus voreilig negative Urteile insbesondere über die nachwachsende Generation abzuleiten, ist jedoch verfehlt. Im Land Baden-Württemberg gibt es ein vielfältiges Angebot für freiwilliges Engagement; und die Zahl der Bewerber nimmt von Jahr zu Jahr zu. Wer kennt die vorurteilsbelastete Diskussion um die "Null-Bock-Generation" nicht? Von einem zunehmenden Individualismus und der angeblich zurückgehenden Bereitschaft insbesondere junger Menschen, sich für andere und das Gemeinwesen zu engagieren, ist die Rede. Beklagt wird, dass junge Leute immer nur ihren Spaß haben wollen. Sind unsere Kinder und Enkel tatsächlich Opfer eines Wertewandels geworden, der sie allein individuelle Bedürfnisse ausleben lässt? Es ist nicht zu leugnen, dass in jüngster Zeit das Engagement junger Menschen für die politische Arbeit, insbesondere in den Parteien, gesunken ist. Das zeigt sich beispielsweise an der zurückgehenden Wahlbeteiligung junger Menschen. Die ständig steigende Zahl von Singles und kinderlosen Paaren, zunehmende Scheidungszahlen und die geringe Kinderzahl in einzelnen Familien werden oft als Ursachen für den Trend zur Bindungslosigkeit und zu fehlender Einsatzbereitschaft für das Allgemeinwohl angeführt. Doch das ist höchstens die halbe Wahrheit. Der Freizeitforscher Opaschowski hat die heutigen Jugendlichen unlängst "hilfsbereite Egoisten" genannt. Zwar bestätigt auch er, dass das klassische ehrenamtliche Engagement junger Menschen zwischen 14 und 29 Jahren abgenommen hat. Andererseits sei den jungen Leuten jedoch das Gefühl, gebraucht zu werden oder eine wichtige Lebensaufgabe zu haben, sehr wichtig. Opaschowskis Fazit lautet: Viele Menschen engagieren sich gerne in überschaubaren Organisationen und zeitlich befristeten Projekten. Dabei sei die Bereitschaft, sich in Hierarchien einzuordnen, zwar gesunken, doch habe der Wunsch, seine eigenen Fähigkeiten zum Wohle anderer Menschen einzubringen, darunter nicht gelitten. Eigene Erfahrungen sammeln Junge Leute wollen heute mehr denn je ihre Erfahrungen selbst machen und sie wollen dabei etwas lernen. Engagement muss sich für junge Menschen lohnen – nicht im Sinne einer finanziellen Entlohnung, sondern mit dem Ziel der Freude, Sinnhaftigkeit und emotionalen Befriedigung. Nicht von ungefähr sind Freiwilligendienste, bei denen sich Menschen dazu verpflichten, für längere Zeit ohne Arbeitslohn an einem gemeinwohlorientierten Projekt mitzuarbeiten, bei jungen Menschen sehr beliebt. Die Auswahl an Diensten, in denen sich Jugendliche auf diese Weise engagieren können, ist heute größer denn je. Neben dem Freiwilligen Sozialen Jahr, das seit über 40 Jahren besteht, gibt es seit 1990 in Baden-Württemberg das Freiwillige Ökologische Jahr. Auf europäischer Ebene wurde 1996/97 der Europäische Freiwilligendienst für Jugendliche zunächst als Pilotprojekt eingeführt und mittlerweile zum Aktionsprogramm ausgebaut. Im April 1998 kam das Modellprojekt "Freiwilliges Jahr im Unternehmen" als Erweiterung der bereits bestehenden Angebote Freiwilliges Soziales Jahr und Freiwilliges Ökologisches Jahr hinzu. Außer dem gesetzlich anerkannten Freiwilligen Sozialen Jahr bieten zahlreiche Träger auch allgemeine freiwillige soziale Dienste im Ausland an, beispielsweise die Aktion Sühnezeichen, der Eirene-Friedensdienst oder der Internationale Christliche Friedensdienst. In Baden-Württemberg ist das Interesse junger Menschen an einem auf ein Jahr befristeten freiwilligen Dienst besonders hoch. Die Zahl der Teilnehmer stieg in den vergangenen Jahren ständig, von knapp 1.500 im Jahr 1992 auf über 2.100 im letzten Jahr. Mitte der 90er Jahre gab es sogar einen Bewerberüberhang; im letzten und in diesem Jahr konnten indes sämtliche geeigneten Bewerber für das Freiwillige Soziale Jahr angenommen werden. Ein Gewinn für alle Im bundesweiten Vergleich kommt fast ein Viertel aller Teilnehmer des Freiwilligen Sozialen Jahres aus Baden-Württemberg. Gemessen am Verhältnis zum Bevölkerungsanteil ist das überdurchschnittlich. Es spricht nicht nur für die Jugendlichen in unserem Land, sondern auch für die Organisationen, die diese Freiwilligendienste anbieten. Von dem Engagement der jungen Leute profitieren alle. Die jungen Menschen sammeln oft tiefgreifende Erfahrung, die starke Auswirkungen auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit haben. Häufig dient die Arbeit auch der beruflichen Orientierung und befriedigt das Bedürfnis nach einer sinnstiftenden Tätigkeit für andere. Unser Land profitiert nicht nur von der unentgeltlich erbrachten Arbeit, sondern vor allem auch von der Entwicklung junger Menschen hin zu verantwortungsbewussten Mitgliedern unserer Gesellschaft. Für mich steht außer Frage, dass jedem jungen Menschen die Möglichkeit gegeben werden sollte, sich in einem freiwilligen Dienst ein Jahr lang zu engagieren. Vielleicht gelingt es uns, das Interesse für diese Aufgaben weiter zu steigern, beispielsweise wenn es sich um neue Angebote wie dem Europäischen Freiwilligendienst der EU für Jugendliche handelt. Engagement über Grenzen hinweg Erste Erfahrungen haben gezeigt, dass die Nachfrage nach Plätzen in diesem EU-Programm von deutschen Jugendlichen ins europäische Ausland wie auch von ausländischen Jugendlichen in die Bundesrepublik sehr unterschiedlich ist. Unter den Jugendlichen in Europa gibt es "Lieblingsländer", zu denen Deutschland allem Anschein nach nicht zählt. Wird ein Aufenthalt in der Bundesrepublik gewünscht, fällt die Wahl zumeist auf eine der bekannten Großstädte. Die Nachfrage in Baden-Württemberg wiederum konzentriert sich keineswegs auf die Region Stuttgart. Viele Plätze werden im badischen Raum im Grenzbereich zum Elsaß nachgefragt. Zurückzuführen ist das auf die besonders gute Zusammenarbeit zwischen dem Landeswohlfahrtsverband Baden und dem Conseil General Bas-Rhin. Auf beiden Seiten der Grenze wurden nicht nur neue Plätze geschaffen, sondern auch mit einer umfassenden Werbekampagne dafür gesorgt, dass sich eine ausreichende Anzahl von geeigneten Bewerbern meldet. Dieses Beispiel zeigt, dass durch die Zusammenarbeit auf lokaler Ebene auch grenzüberschreitendes ehrenamtliches Engagement möglich ist. Im kommunalen Bereich gibt es viele Möglichkeiten, neue Plätze zu schaffen, beispielsweise in Kinderbetreuungseinrichtungen, Altenhilfeeinrichtungen und Krankenhäusern. Erforderlich ist dafür die Integration der Freiwilligen in das jeweilige Projekt und in die öffentliche Gemeinschaft. Das gelingt am besten durch Städtepartnerschaften. Zu wenige Angebote für ältere Menschen Gemeinsinn zu haben, ist keine Frage des Alters. Auch ältere Menschen sind gerne bereit, sich über einen längeren Zeitraum hinweg für andere und für die Gesellschaft zu engagieren. Für diesen Personenkreis gibt es jedoch weit weniger geeignete Programme, an denen sie teilnehmen können. Die von mir in Baden-Württemberg eingesetzte Zukunftskommission "Gesellschaft 2000" hat deshalb empfohlen, über das Angebot an Jugendliche hinaus Freiwilligenprogramme für alle Altersstufen zu entwickeln. Ein Gemeinwesen lebt nicht von und nicht für sich selbst. Es braucht auch in Zukunft Menschen, die es mit Leben erfüllen. Das freiwillige Engagement ist ein wichtiges Band, das unsere Gesellschaft zusammenhält. Je höher dieses Engagement entwickelt ist, je mehr es in Anspruch genommen wird, desto fester sind die Grundlagen einer solidarischen Gesellschaft.

Autor: Erwin Teufel, Ministerpräsident in Baden-Württemberg, Mitglied des ZdK

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