Salzkörner

Dienstag, 5. November 2013

Das Recht auf ein Kind und die Rechte der Kinder

Grenzen der Reproduktionsmedizin

In seinem Artikel "Ungleiches in eine Gleichheit zwingen? – Zum vollen Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften" hat der Präsident des ZdK, Alois Glück, unter anderem auch die Frage aufgeworfen, ob es im Hinblick auf die Frage nach dem Kindeswohl ein "Recht auf ein Kind" geben kann. Bettina Jarasch, Mitglied im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen und im ZdK vertieft aus ihrer Sicht die damit verbundene Diskussion gerade auch im Hinblick auf Fragen der Reproduktionsmedizin.

Vor einigen Monaten erschien in einem Wochenmagazin eine lange Reportage über ein homosexuelles Paar, das zahlreiche Reisen und monatelange Auslandsaufenthalte in Amerika, Indien und Südamerika auf sich nahm, um sich endlich den lang gehegten Kinderwunsch zu erfüllen. Am Ende dieser Odyssee haben die beiden stolzen Väter nun drei Kinder: Zwillinge mit einer südamerikanischen Leihmutter und eine Tochter mit einer amerikanischen Eizellspenderin und einer indischen Leihmutter, die das Kind ausgetragen hatte. Tenor der Reportage war: Wie kann es sein, dass die armen Männer so viel auf sich nehmen müssen, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen? Andere Perspektiven als die der Väter hatten in dem Text keinen Raum.

Hier wurde sehr selbstverständlich das Recht auf ein Kind proklamiert. Die Perspektive der Kinder selbst – oder deren Mütter – kam nicht zur Geltung. Gibt es aber wirklich ein Recht auf ein Kind? Und was bedeutet es, umgekehrt konsequent die Perspektive des Kindeswohls einzunehmen? Derzeit wird diese Debatte eher im Blick auf die Gleichstellung der sogenannten "Homoehe" beziehungsweise auf das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare geführt, wie es auch Alois Glück am 28. Juni in den Salzkörnern getan hat. Deshalb möchte ich mich zunächst kurz diesem Thema zuwenden, um danach zur Reproduktionsmedizin zu kommen.

Im Hinblick auf Adoptionsrecht darf nur das Kindeswohl zählen

Seit Jahren gibt es einen gesellschaftlichen Kampf um die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Lebenspartnerschaften mit der Ehe. Insbesondere die Kirche tut sich schwer mit dieser Vorstellung, geht sie doch davon aus, dass die Ehe ein Sakrament ist, bei dem Mann und Frau sich in Treue aneinander binden, um Kinder in dieser dauerhaften und verlässlichen Bindung aufziehen zu können, wenn Gott sie ihnen denn schenkt. Es gibt vor allem zwei Argumente, die gegen die Gleichstellung der Homoehe ins Feld geführt werden: Sie bedrohe die Besonderheit und besondere Schutzwürdigkeit der Ehe – und es gebe "kein Recht auf ein Kind", letzteres insbesondere im Blick auf das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare.

Ich halte die Ehe, genau wie die Familie, tatsächlich für besonders schutzwürdig. In Ehe wie in Familie wird Bindung und dauerhafte Beziehung, im Idealfall auch dementsprechende Liebe, Fürsorge und Solidarität gelebt. All das sind Werte, die das Fundament von Gesellschaft bilden, allein schon deswegen muss der Staat für den Schutz von Ehe und Familie Sorge tragen. Diese Werte können aber genauso gut in einer gelingenden Homoehe wie in einer heterosexuellen Ehe gelebt werden. Dass Ehe immer auf Kinder angelegt sei, ist angesichts der wachsenden Zahl an kinderlos bleibenden Ehen ein schwieriges Argument, müsste man dann doch alle kinderlosen Ehen – ob gewollt oder ungewollt kinderlos – als defizitär begreifen.

Gegen den Wunsch homosexueller Paare, Kinder zu adoptieren, wird sowohl das Kindeswohl ins Feld geführt als auch das Argument, es gebe keinen Rechtsanspruch auf ein Kind, den der Staat zu erfüllen habe. Dieses Argument ist allerdings bei der Frage nach dem Adoptionsrecht nicht einschlägig, hier zählt meines Erachtens ausschließlich das Argument Kindeswohl.

Bei der Adoption von Kindern muss es zuallererst darum gehen, ob das Kindeswohl berücksichtigt ist, sprich ob man davon ausgehen kann, dass dieses Kind bei seinen Adoptiveltern die Zuwendung, Liebe und Erziehungskompetenz findet, die es braucht. Wenn man das einem homosexuellen Paar absprechen will, funktioniert das nur über das Zusatzargument, dass Kinder "Vater und Mutter", sprich sowohl männliche als auch weibliche Rollenvorbilder brauchen. – Das ist etwas, wofür ein homosexuelles Paar auch meiner Ansicht nach unbedingt Sorge tragen müsste. Allerdings betrifft das Alleinerziehende – egal ob Vater oder Mutter – genauso. Zugleich halte ich es nicht für erwiesen, dass ein Kind in einem Kinderheim besser aufgehoben ist – nur weil es da womöglich männliches und weibliches Personal gibt. Ich komme daher in dieser Frage zu dem Schluss: Entscheidend ist, ob das Kind bei den (homo- oder heterosexuellen) Adoptiveltern geborgen und in Liebe und in verlässlichen Strukturen aufwachsen kann.

Kinder sind nicht dazu da, Eltern glücklich zu machen

Anders sieht es bei den Fragen der Reproduktionsmedizin, Leihmutterschaft, Eizell- oder Samenspende usw. aus. – Das ist ein sehr schwieriges Terrain, weil man es unweigerlich mit nachvollziehbaren Sehnsüchten von Menschen zu tun hat. Das betrifft allerdings heterosexuelle Männer und Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch ebenso wie homosexuelle. Und diese Sehnsüchte dienen als Argumentationshilfe für eine weitere Aufweichung des Embryonenschutzes, der Beschränkung von Gendiagnostik und anderer bioethischer Kriterien. Gerade deshalb erscheint es mir hier dringend geboten, sich kritisch mit dem Anspruch auf ein Kind auseinanderzusetzen.

Kinder sind nicht dazu da, ihre Eltern glücklich zu machen – das vergessen auch die Eltern von "herkömmlich" entstandenen Kindern allzu gern. Die Möglichkeiten der Gendiagnostik in Verbindung mit künstlicher Befruchtung bergen aber unvermeidlich die Gefahr in sich, dass aus dem Kinderwunsch das Wunschkind wird: ein gesundes Kind soll es sein, ohne genetische Belastungen, womöglich mit besonders wünschenswerten Veranlagungen und Erbanlagen. Ein Kind, das so entstanden ist, muss sich eines Tages fragen, ob es tatsächlich um seiner selbst willen geliebt wird oder ob es nur geliebt wird, weil es Wünsche seiner Eltern erfüllt hat.

Die Rechte der Kinder dürfen nicht ignoriert werden

Vielleicht noch gewichtiger, weil näher liegend, ist die Gefahr, dass das "Recht auf ein Kind" die Rechte der Kinder selbst ignoriert – insbesondere das Recht von Kindern, ihre eigene Herkunft zu kennen und sich damit auch als Teil einer Generationenfolge begreifen zu können. Die drei Geschwister aus der Reportage haben insgesamt vier Mütter (aus mehreren Kontinenten) und zwei Väter – einen biologischen und einen "sozialen". Auch das mit Hilfe von Samenbanken, Eizellspenden und Leihmüttern erzeugte Kind heterosexueller Eltern muss damit zurechtkommen, dass es biologische / genetische Eltern hat, von denen es abstammt, die es aber nicht kennt, und soziale Eltern. – Was bei einer Adoption "Schicksal" ist und schwer genug anzunehmen für manche Kinder, wird hier gewollt und bewusst herbeigeführt. Die Verantwortung, die die beteiligten Erwachsenen dabei auf sich nehmen, ist sehr groß.

Es gab in den vergangenen Jahren immer weniger Stimmen, die sich öffentlich gegen eine weitere Aufweichung des Embryonenschutzes beziehungsweise gegen eine weitere Liberalisierung von Gendiagnostik und Reproduktionsmedizin geäußert haben. Es ist schwer, solche Argumente durchzuhalten, wenn die Leiden von Menschen ins Feld geführt werden, die ungewollt kinderlos bleiben oder wegen genetischer Vorbelastungen auf Kinder verzichten müssen. Es lohnt sich aber, die Diskussion zu führen – und zwar im Namen der Rechte von Kindern. Der Wunsch nach einem Kind ist legitim, er darf aber die Rechte des Kindes nicht einfach beiseite wischen.

 

 

 

 

 

Autor: Bettina Jarasch Vorsitzende des Landesverbandes Berlin von Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Bundesvorstand, Mitglied des ZdK

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