Salzkörner

Montag, 20. Dezember 2010

Das ZdK plädiert für ein Verbot der PID

Gleichbehandlungsgrundsatz von Menschen am Lebensbeginn einhalten
Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden sich zu Beginn des Jahres mit der Frage befassen, ob die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, künftig zugelassen sein soll. Anlass ist ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs vom 6. Juli 2010 (Az 5 StR 386/09). Die Richter sprachen in ihrem Urteil einen Berliner Arzt vom Vorwurf des Verstoßes gegen das Embryonenschutzgesetz frei, der die Methode in drei Fällen angewandt und sich selbst angezeigt hatte. Nun ist der Gesetzgeber gefordert, denn ein Richterspruch kann in Fragen des Lebensschutzes und der Menschenwürde nicht einfach Fakten setzen.

Die Befürworter der PID führen vor allem zwei Argumente ins Feld: PID sei geeignet, schweres menschliches Leid zu mindern. Sie könne durch gezielte Auswahl von Embryonen den Paaren, die aufgrund der genetischen Disposition eines oder beider Elternteile ein hohes Risiko tragen, ein schwer und unheilbar krankes Kind zu zeugen, zu einem gesunden eigenen Kind verhelfen. Zum zweiten, so argumentieren die Befürworter, würde die Zulassung der PID endlich den Wertungswiderspruch aufheben, der zwischen ihrem Verbot einerseits und der Möglichkeit eines straffreien Schwangerschaftsabbruchs nach vorangegangener Pränataldiagnostik (PND) im Rahmen von § 218 StGB andererseits bestehe.

Die Argumente haben Gewicht. Wer erlebt, wie sehr ein behindertes Kind die Eltern fordert, wie viel trotz gesellschaftlicher Unterstützung auf den Schultern von Mutter, Vater und gegebenenfalls Geschwistern lastet, wird mit großer Anteilnahme den Wunsch derjenigen betrachten, die sich ein eigenes Kind ohne eine genetisch bedingte schwere Krankheit wünschen. Auch der angesprochene Wertungswiderspruch scheint im Blick auf Alltagserfahrungen nachvollziehbar. Zwar ist die Verhinderung von Kindern mit angeborenen Behinderungen nicht der Grund für die PND, faktisch aber hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass bei einem auffälligen Befund eine Abtreibung nicht nur straffrei, sondern "erlaubt" und damit legitim ist.

Doch sind diese Argumente hinreichend, um der Zulassung von PID zuzustimmen? Ist der Wunsch von zukünftigen Eltern nach einem eigenen Kind Begründung genug, um im Rahmen einer assistierten Fortpflanzung Embryonen auf bestimmte genetische Merkmale oder Chromosomenveränderungen zu testen und entsprechend auszuwählen? Gewichtige ethische Gründe stehen dagegen.

Die auf den ersten Blick so einleuchtende Gegenüberstellung von PID und Spätabbruch nach PND übersieht den grundsätzlich unterschiedlichen Charakter beider Situationen.

In einem Schwangerschaftskonflikt steht in einzigartiger Weise das Lebensrecht des Kindes gegen die Gesundheit und das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Bei PID ist ein solcher Entscheidungskonflikt nicht gegeben. Beim Schwangerschaftskonflikt nach PND geht es, so Hille Haker, um das "negative" Recht, dass nicht der Staat über den Körper einer schwangeren Frau bestimmen darf, weder um das Lebensrecht eines Kindes durchzusetzen noch um über die Belastung durch ein Kind mit bestimmten Merkmalen zu entscheiden. Dagegen handle es sich bei der PID "um den Wunsch nach einem gesunden Kind, das heißt: um ein‚ positives Recht", das als Anspruch gegenüber dem Staat vorrangig vor dem Verbot der Auswahl bestimmter Embryonen geltend gemacht wird.

Der behauptete Wertungswiderspruch ist nur dann gegeben, wenn man unterstellt, dass die Prognose einer Behinderung automatisch zu einem Abbruch führt.

Wer behauptet, die PID verlege die Verwerfung eines Embryos nur nach vorn, stellt die Intention der medizinischen Indikation auf den Kopf. Deren Bezugspunkt ist gerade nicht die körperliche Ausstattung des Kindes, sondern allein die Lebensgefahr oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen und seelischen Gesundheitszustands der Schwangeren. Die Forderung nach einer angemessenen Beratung und Unterstützung in dieser Situation setzt voraus, dass es in vielen Fällen möglich ist, zwischen der Fortsetzung der Schwangerschaft und einem Abbruch zu entscheiden. Bei der PID dagegen ist stillschweigend vorausgesetzt, dass ein Leben mit einer bestimmten Behinderung unzumutbar und/oder das Leben mit einem solchen Kind unzumutbar ist.

Kriterien für die Anwendung der PID festzulegen bedeutet, Unterschiede im Lebensrecht von Embryonen vorzunehmen.

PID zielt auf eine Auswahl zwischen verschiedenen Embryonen und ist damit eine Selektionstechnologie. Daran ändert sich auch nichts, wenn man anerkennt, dass ihre Anwendung kein Selbstzweck ist, sondern eine Maßnahme im Rahmen der Herbeiführung einer Schwangerschaft. Die Auswahl von Embryonen nach bestimmten genetischen Merkmalen bedeutet prinzipiell, den gleichen Würdeschutz aller Embryonen aufzugeben. "Mit der PID ist der Gleichbehandlungsgrundsatz von Menschen am Lebensbeginn nicht einzuhalten." (Hille Haker)

Das Gerichtsurteil des BGH sucht die PID dadurch zu begrenzen, dass es ihre Anwendung nur in bestimmten Fällen einer "schwerwiegenden" genetischen Schädigung zulässt. Die Beispiele legen den Schluss nahe, dass es sich um solche Fälle handelt, in denen das Kind entweder gar nicht oder nur für kurze Zeit lebensfähig ist. Doch ist das Lebensrecht eines Kindes mit kurzer Lebenserwartung prinzipiell anders zu bewerten als das eines mit höherer Lebenserwartung? Wer bestimmt die Kriterien? Bisher wurde mit guten Gründen die Erstellung einer Liste von Krankheiten, die PID und damit die Auswahl und Verwerfung von Embryonen rechtfertigen, abgelehnt. Damit aber entscheiden faktisch die Angebote an Gentests (also Pharmafirmen und ihre Lobby), welche Krankheiten durch PID diagnostiziert werden.

Das Problem der Auswahl verschärft sich dadurch, dass für die PID deutlich mehr Embryonen erzeugt werden müssen, als implantiert werden.

Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft ist es erforderlich, bis zu neun Eizellen zu befruchten, um eine PID erfolgreich durchzuführen. Eine Zulassung von PID führt also zu einem Mehr an Embryonen, für die eine Regelung gefunden werden muss. Damit aber wird das Embryonenschutzgesetz an einer entscheidenden Stelle aufgebrochen. Denn seine Bestimmung, maximal drei Eizellen zu befruchten und nicht mehr Embryonen zu erzeugen als implantiert werden, zielt einerseits auf eine enge Verbindung zwischen extrakorporaler Befruchtung und Schwangerschaft und schließt andererseits eine Auswahl von Embryonen nach bestimmten (Qualitäts-) Merkmalen aus.

Die Zulassung der PID hat möglicherweise Rückwirkungen auf die assistierte Fortpflanzung bei Paaren insgesamt.

Die Reproduktionsmedizin in Deutschland wurde in Deutschland zugelassen, um Paaren, die auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen können, zu einem eigenen Kind zu verhelfen. Um die Belastungen für die Mutter gering zu halten, sollen Mehrlingsschwangerschaften möglichst vermieden werden. Damit aber erhöht sich der Erfolgsdruck für die In-Vitro-Fertilisation. Eine hohe Zahl an tatsächlich geborenen Kindern setzt auch hier voraus, dass der transferierte Embryo möglichst gut entwicklungsfähig ist. Die Anwendung der PID könnte möglicherweise den Erfolg der Technik verbessern. Damit stünde ihre Anwendung nicht nur für diejenigen Paare zur Diskussion, die sich aufgrund genetisch bedingter Risikofaktoren einer In-Vitro-Fertilisation unterziehen, sondern auch für all diejenigen, die sich aufgrund einer Fruchtbarkeitsstörung für eine IVF-Behandlung entscheiden. Mit welcher Begründung sollte man den einen den Zugang zur PID gewähren, den anderen aber nicht?

Wer in diesem Hinweis nur einen alarmistischen Unkenruf prinzipieller PID-Gegner hört, sei auf die Entwicklung der PND verwiesen, die zunächst auch nur für Risikofälle gedacht war und heute flächendeckend angeboten wird.

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages haben eine schwierige Entscheidung zu treffen. Das ZdK hat sich in der sorgfältigen Abwägung der Gründe für ein gesetzliches Verbot der PID entschieden und wird für diese Position werben.

Autor: Dagmar Mensink, Leiterin des Referats für Kirchen und Religionsgemeinschaften beim Parteivorstand der SPD, Mitglied des ZdK

zurück zur Übersicht