Salzkörner

Mittwoch, 22. August 2012

Das geht uns alle an!

Die Folgen der Energiewende und der Atommüll

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat Deutschland den Weg zu einer Energiewende eingeschlagen. Damit sind die Probleme keinesfalls gelöst. Der Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie bedeutet nicht, dass das Problem der Kernenergie – zumindest in Deutschland –gelöst ist. Bis zur vollständigen Abschaltung aller Atomkraftwerke wird noch weiterhin radioaktiver Müll in großen Mengen produziert.

Wir alle wissen: Es gibt bislang weltweit kein einziges Endlager für Atommüll. Wiegen wir uns also nicht in falscher Sicherheit.

Um den Weg einer wirklichen Suche nach einem geeigneten Atommülllager einzuschlagen, benötigen wir Prinzipien, von denen wir uns in unseren Entscheidungen leiten lassen wollen. Die Frage nach dem Umgang mit Atommüll geht uns alle an, nicht zuletzt betrifft sie die zukünftigen Generationen.

Dem Gemeinwohl verpflichtet

Das Prinzip, das uns auf das Wohl aller verpflichtet, ist das Prinzip des Gemeinwohls. Von ihm sollten wir uns leiten lassen. Das Prinzip des Gemeinwohls ist Bestandteil unserer Alltagssprache und wird immer wieder von Bürgerinnen und Bürgern bemüht, um eigene Perspektiven zu weiten. Zudem ist das Gemeinwohl ein Kernprinzip der Politik. Gemäß dem Grundgesetz ist jeder Politiker dem Gemeinwohl verpflichtet. Aber auch wir Bürgerinnen und Bürger sind als Demokraten dem Gemeinwohl verpflichtet.

Ebenso gehört das Gemeinwohl zu den zentralen Prinzipien der katholischen Soziallehre. Das II. Vatikanische Konzil hat in seiner Konstitution "Gaudium et Spes" klar und deutlich hervorgehoben, dass vom Gemeinwohl zu sprechen nicht heißt, Individuum und Gesellschaft gegeneinander auszuspielen. Das Gemeinwohl steht für die Schaffung eines gesellschaftlichen Zustandes, der sowohl dem allen gemeinsamen Wohl dient als auch dem Einzelnen hilft, das, was er unter einem guten Leben versteht, zu erstreben.

Leben ermöglichende Umweltbedingungen

Das Prinzip des Gemeinwohls zwingt uns dazu, Güter zu benennen, die gegeben sein müssen, damit wir vom Gemeinwohl sprechen können. Dazu gehören zum einen diejenigen Güter, derer ein Mensch bedarf, um sein physisches Überleben zu sichern, wie Nahrungsmittel, sauberes Trinkwasser, eine Wohnung und Kleidung, eine medizinische Grundversorgung sowie eine Rechtsordnung, die Leib und Leben schützt. Zum anderen umfasst es diejenigen Güter, die es uns als kulturelle Lebewesen ermöglichen, uns auf verschiedenen Kulturgebieten zu betätigen. Zu den fundamentalen Gemeinwohlgütern gehören darüber hinaus auch Umweltbedingungen, die Leben ermöglichen und erhalten. Es kommt also darauf an, Leben ermöglichende Umweltbedingungen für alle Mitglieder des Gemeinwesens, auch für künftige Generationen, herzustellen oder wiederherzustellen, bereitzuhalten und langfristig zu sichern.

Politiker haben Sorge dafür zu tragen, dass Rahmenbedingungen verwirklicht werden, die die Sicherung sämtlicher fundamentaler Gemeinwohlgüter gewährleisten. Sie müssen deshalb mehr Anreize für die Etablierung umweltschonender Technologien schaffen. Zu den Pflichten aller Bürger gehört es, keine umweltschädlichen Produkte oder Dienstleistungen zu kaufen sowie umweltschädliches Verhalten zu unterlassen und nur solche Politiker zu wählen bzw. durch Wiederwahl zu bestätigen, die ihre Gemeinwohlpflichten verantwortlich erfüllen.

Kein Atommülllager darf Endlager sein

Wenn wir heute über die Lagerung von Atommüll diskutieren, dann sollten wir unsere Aufmerksamkeit vor allem auf das Atommülllager  Asse und auf Gorleben richten. Die Anwohner vor Ort, die von der Atomindustrie, von Wissenschaftlern und Politikern über Jahre hinweg belogen wurden, benötigen unsere Unterstützung. Der Bischof von Hildesheim, Norbert Trelle, hat bei seinem letzten Besuch in der Asse eine "mitfühlende Perspektive" eingefordert. Diese beinhaltet die Pflicht, dass die politischen Entscheidungsträger sich stärker als bislang den Ängsten und den Sorgen der Menschen vor Ort öffnen sollen. Die Asse ist mehr als bloß ein technisches Problem. Politik muss wieder um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger werben. Um Vertrauen zu schaffen, bedarf es vor Ort der Transparenz. Für die Herstellung von Transparenz ist in den letzten Jahren einiges getan worden, insbesondere durch die Arbeit des Bundesamtes für Strahlenschutz.

Generell gilt, dass kein Lager ein Endlager sein darf. Der Atommüll muss so gelagert werden, dass er prinzipiell rückholbar ist. Ein solches Vorgehen dürfte auch die Anwohner möglicher Atommülllager beruhigen, wissen sie doch, dass die Lagerung nicht für die Ewigkeit festgeschrieben wird, sondern ständig neu bedacht und den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst werden muss. Neue Erkenntnisse können dann auch zu neuen Lösungen an anderen Orten führen. Wichtig ist: Der Atommüll muss im Lande des jeweiligen Verursachers gelagert werden. Es wäre ein Skandal, wenn wir die Situation ärmerer Länder ausnutzen würden, um uns mit Geld dieser gewaltigen Aufgabe und ihrer ökologischen Folgen zu entledigen. Eine Lagerung des Atommülls in einem anderen Land wäre nur vertretbar, wenn es dort ein geeigneteres Speichermedium gäbe als hierzulande und wenn dieses Land nicht in irgendeiner Weise zur Übernahme des Atommülls genötigt werden würde.

Lasten gerecht teilen

Jede Generation steht vor ihrer je eigenen spezifischen Herausforderung. Diese besteht heute darin, den gewaltigen Umbau der Gesellschaft für die notwendige Energiewende einzuleiten und umzusetzen. Das ist mit Belastungen verbunden, vielleicht auch mit weniger Wohlstand. Weniger Wohlstand heißt aber nicht, dass wir unglücklichen Zeiten entgegengehen. Längst ist der Zusammenhang von materiellem Wohlstand und einem glücklichen Leben brüchig geworden. Mehr Wachstum wird uns nicht glücklicher machen. Wer das begriffen hat, der braucht Belastungen nicht zu fürchten.

An die Adresse der Bürgerinnen und Bürger ist die Forderung zu richten, dass sie ihre Wünsche, die selbstverständlich dem privaten Wohlbefinden dienen dürfen, immer auch durch die Brille des Prinzips des Gemeinwohls sehen müssen. Alles andere wäre ein ethisch nicht vertretbarer Narzissmus. Studien zeigen, dass die Schaffung ökonomischer Anreize bei der Suche nach Atommülllagern nicht sinnvoll wäre. Es kann aber sehr sinnvoll sein, den betroffenen Städten und Gemeinden öffentliche

Güter zur "Kompensation" anzubieten, beispielsweise neue Büchereien, Spielplätze und eine bessere Ausstattung der Schulen. Durch diese Güter erfahren die Bürgerinnen und Bürger vor Ort nicht nur eine gesamtgesellschaftliche Anerkennung dafür, die Lasten aller zu tragen, sondern sie erhalten gleichzeitig auch Mittel zur Stärkung ihres Zusammenlebens.

Kirche soll Moderatorenrolle übernehmen

Die Kirche hat die Aufgabe, einen Beitrag zu leisten, dass eine solche Politik möglich wird. Dabei versteht sie

Politik vom Gemeinwohl her, das heißt, Politik hat die Aufgabe, Leben möglich zu machen und Leben zu erhalten. Die Kirche kann im Blick auf die Frage der Lagerung von Atommüll keine rechtlichen und technischen Fragen klären, ebenso wenig vermag sie, die wissenschaftlichen Lösungen zu beurteilen. Hier ist große Sachkenntnis und Expertise gefragt. Allerdings kann die Kirche Räume für Gespräche zur Verfügung stellen, in denen über mögliche Lösungen offen miteinander gestritten werden kann. Es kommt darauf an, die Kommunikation von Menschen produktiv zu unterstützen. Die Kirche selbst sollte dabei eine Moderatorenrolle wahrnehmen und ihre Aufgabe insbesondere darin sehen, allen Standpunkten Gehör zu verschaffen, vor allem den Stimmen derjenigen, die nicht mit am Tisch sitzen: die zukünftigen Generationen.

Die schwierigste Aufgabe liegt allerdings nicht darin, Speichermedien und neue Techniken zu erfinden sowie Windräder zu bauen. Auch dieser Umbau geht mit gewaltigen ökologischen Schäden einher. Die große, geradezu revolutionäre Aufgabe besteht darin, weniger Energie zu verbrauchen. Dazu kann jeder von uns jederzeit einen Beitrag leisten. Diese Aufgabe ist aber am schwierigsten. Denn dazu reicht es nicht aus, unsere Umwelt und unsere Techniken zu ändern, sondern dazu müssen wir uns selbst verändern. Die Energiewende ist eine kulturelle Aufgabe. Eine Theologie der Askese könnte dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

 

 

 

 

Autor: Prof. Dr. Jürgen Manemann Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover

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