Salzkörner

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Dem Heiligen einen Raum geben

Warum die Kirche als Bauherrin unverzichtbar ist

Unter dem Leitwort "LEIB – RAUM – KIRCHE. Über profane und sakrale Räumlichkeit" fand in der Abtei Maria Laach im November ein Werkstattgespräch über Architekturqualität und Raumvermittlung unter Beteiligung von Künstlern unterschiedlicher Sparten statt. Veranstalter waren die Deutsche Bischofskonferenz und das ZdK. Die Veranstaltung war die siebte in der seit 1995 in wechselnden Kultursparten stattfindenden Reihe "Künstlerische Werkstattgespräche".

Die Auszeichnung als "Museum des Jahres 2013" kam für das erzbischöfliche Kunstmuseum Kolumba in Köln völlig überraschend. Die deutsche Jury der Kunstkritikervereinigung AICA hat die "hervorragende" Architektur des renommierten Schweizer Architekten Peter Zumthor und die "qualitätsvolle Sammlung, die den Bogen zwischen alter und zeitgenössischer Kunst spannt" gewürdigt. Auch die Ausstellung von Werken weniger bekannter Künstler fand die Anerkennung der Kunstexperten

Wie darf Kirche bauen?

Diese öffentliche Auszeichnung eines kirchenfinanzierten, der Öffentlichkeit zugänglichen Gebäudes kam im November genau richtig zu einer Zeit, in der der Skandal rund um den kostspieligen Bau des Limburger Bischofssitzes mit seiner intransparenten Finanzierungsgeschichte das Image der deutschen Kirche als Bauherrin schwer belastet hat. Die nicht nur mediale Verurteilung des Bischofs Tebartz-van Elst als "Protzbischof" hatte Öl ins Feuer derjenigen gegossen, die den Kirchenoberen unterstellen, über die Köpfe der einfachen Gläubigen hinweg ihr Macht- und Geltungsstreben zu verfolgen und den Reichtum der Kirche für sich zu behalten.

Für viele ist Papst Franziskus dagegen ein Hoffnungsträger, der die Kirche in eine dem Menschen zugewandte Zukunft führt. Doch die von Papst Franziskus geforderte "Kirche der Armen" stellt die deutsche Kirche ganz grundsätzlich vor die Frage: Darf eine Kirche der Armen sich überhaupt noch den Luxus ehrgeiziger Bauprojekte leisten?

Zeugnisse des Glaubens

Von der frühchristlichen Antike bis heute verdanken wir der Kirche als Bauherrin überwältigende Zeugnisse menschlicher Schöpfungskraft. Der Glaube an den einen wahren Gott sollte sich in der Einzigartigkeit der Kirchenbauten spiegeln. Gotteshäuser wie der Kölner Dom, die bayerische Wieskirche oder die Konstantinbasilika in Trier haben Baugeschichte geschrieben. Sie sind Teil des Weltkulturerbes und beeindrucken Menschen aus aller Welt, unabhängig von ihrem Glauben.

Die nachhaltige Wirkungsgeschichte dieser Kirchen hat mit dem qualitativen Anspruch der Bauherrin zu tun. Die Kirche hat für ihre Gotteshäuser in allen Jahrhunderten die besten Baumeister gewonnen und neue, teils spektakuläre Techniken ausprobiert – immer bestrebt, auf der Höhe der Zeit zu sein. Auch die Künstler, die in ihrem Auftrag Altäre, sakrale Skulpturen und Wandgemälde geschaffen haben, waren Meister ihrer Zunft.

So entstanden Kirchengebäude, deren hohe Qualität unterschiedliche Anforderungen erfüllte: Sie waren Versammlungsorte, Orte der Geborgenheit und theologisches Programm, das mit allen Sinnen dreidimensional erfahren werden konnte. Man könnte auch sagen: Zu allen Zeiten hatte das Bauen von Kirchen mit zeitgemäßem Marketing von Glaubensinhalten zu tun.

Offen für alle

Heute, im Zeitalter der Massenproduktion zum Schnäppchenpreis, haben Kirchen klare Alleinstellungsmerkmale. So wäre eine Fertigbaukirche oder -kapelle aus dem Katalog schwer vorstellbar. Im Gegensatz zu profanen Gebäuden werden Kirchenbauten nicht als geldwerte Anlage oder für den Immobilienmarkt gebaut. Sie sind geweihte Räume, die nicht einfach abgerissen, profaniert oder anders genutzt werden können. Es gehört zum Selbstverständnis der Kirche als Bauherrin, dass Gotteshäuser im Gegensatz zu profanen Gebäuden über sich hinausweisen sollen und kein Selbstzweck sind.

Im Gegensatz zu millionenteuren Privatbauten wie Bankentürmen oder Luxusvillen, die den einfachen Bürger ausschließen und die finanzielle Überlegenheit der Besitzer demonstrieren, sind Kirchen grundsätzlich offene Räume, die unabhängig von ihrer besonderen Architektur oder hochwertigen Innenausstattung für alle Menschen zugänglich sind. Sie wollen nicht Menschen in ihrer kostbaren Ausgestaltung demütigen, sondern jedem die Chance eröffnen, einen Dialog mit Gott zu beginnen – im Gebet, im Gottesdienst oder im Erleben der Kirche. Die Frage drängt sich spätestens jetzt auf, ob dieser heilige Ort unter diesen Bedingungen so kostspielig sein muss. Reicht nicht einfach ein großer Raum mit Stühlen, einem Altar und einem Kreuz aus preiswerten Materialien?

Der Kölner Pfarrer Franz Meurer, der sich engagiert für die Armen seiner Pfarrei in Vingst und Höhenberg einsetzt, hat eine klare Haltung zu dieser Frage. Für ihn vermitteln wertig gestaltete sakrale Räume auch dem Arbeitslosen, Asylanten oder Obdachlosen unmittelbar ein Gespür dafür, dass sie als Geschöpfe Gottes einmalig und wertvoll sind. Kirchenräume und ihre künstlerische Ausgestaltung können sinnlich und unmittelbar den Besuchern bewusst machen, dass jeder Mensch eine gottgewollte Würde besitzt. In einem Interview sagte er: "Wo es arm ist, darf es nicht ärmlich sein" und zitiert Hilde Domin, die geschrieben hat: "Wir essen vom Brot, wir leben vom Glanz".

Kirchen konkurrieren bei ihrem Versuch, positive Aufmerksamkeit zu erzielen, mit Shopping-Malls, Multiplex-Kinos, Fußballstadien und Konzerthäusern, aber auch mit Fitness-Centern oder Facebook-Sessions. Gerade heute in einer Zeit, wo Menschen der Zugang zum Glauben und zur Kirche fehlt oder sie ihn sogar ablehnen, ist es von Bedeutung, dass Gotteshäuser eine einladende Wirkung entfalten, die sich abhebt von alltäglichen Erlebniswelten. Dabei ist es aber durchaus sinnvoll, sich die modernen Marketingerkenntnisse zu Nutze zu machen.

Anziehungskraft

Menschen sind konditioniert auf visuelle und akustische Reize. Deshalb ist nicht der kognitive Zugang (z. B. "das ist eine Kirche, die ist wichtig") entscheidend, sondern die emotionale Reaktion auf den Raum ist der Gradmesser für die positive Wahrnehmung. Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass Kirchen aus früheren Jahrhunderten auf die Menschen von heute anziehend wirken. Der Trend geht in Richtung "Trauungen in Kirchen vor 1900", wie Erzbischof Dr. Robert Zollitsch kürzlich in seiner Eröffnungsrede beim künstlerischen Werkstattgespräch der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken unter dem Titel "LEIB – RAUM – KIRCHE. Über profane und sakrale Räumlichkeit" in Maria Laach feststellte. Es sind Kirchenbauten aus vormodernen Zeiten, in denen es sich die Bauherren etwas haben kosten lassen, ihre Gotteshäuser mit wertvollen sakralen Kunstwerken auszustatten, ohne öffentliche Kritik fürchten zu müssen. Dies mag ein Hinweis darauf sein, dass in einer Gesellschaft der Billigangebote und Schnäppchenjäger nachhaltig wertiges Bauen, das nicht am Anschauungsmaterial spart, einen völlig neuen Stellenwert bekommt.

Im Geist von Papst Franziskus gehören Repräsentationsbauten sicher nicht zu den Bauvorhaben der Kirche, in die größere Summen von Kirchengeldern investiert werden sollten. Anspruchsvolle Museumbauten wie das erzbischöfliche Kunstmuseum Kolumba, die sehr bewusst ihre Ausstellungen als Angebote für Nachdenklichkeit und existenzielle Fragen konzipieren, können dagegen einen niedrigschwelligen, aber wirkungsvollen Zugang zum Glauben an Gott vermitteln.

Für alle kirchlichen Bauvorhaben aber gilt: Es bedarf in erster Linie Transparenz, der Beteiligung von betroffenen Laien an dem gesamten Projekt und eines guten Controllings, das angstfrei die Baukosten im Rahmen hält, damit sie Akzeptanz erfahren. Wenn Kirche durch ihre Bauten positiv in die Gesellschaft hineinwirken kann, erhält sie sich auch in Zeiten des Misstrauens und der Ablehnung einen enorm wichtigen politischen Stellenwert als relevante und notwendige Kulturträgerin.

Für die Zukunft bietet sich der Kirche als Bauherrin die Chance, durch nachhaltiges, wertiges Bauen mit hoher künstlerischer Qualität einen sakralen Raum zu schaffen, der nicht nur die Menschen von heute zu einem Dialog mit Gott bewegt, sondern auch ein Glaubensvermächtnis für kommende Generationen ist.

 

 

 

 

Autor: Birgitt Schippers Journalistin, Teilnehmerin des Werkstattgesprächs

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