Salzkörner

Freitag, 31. Oktober 2014

Dem Leben Zukunft geben

Zum 15-jährigen Bestehen von donum vitae

Die Gründungszeit war aufregend, aufreibend, aufbrechend. Und in der Zwischenzeit ist es bei donum vitae nicht ruhiger geworden. Tägliche Aufgabe und Herausforderung ist der Schutz des ungeborenen Lebens, für den sich donum vitae inzwischen an über 200 Standorten bundesweit sowie im Internet per Onlineberatung einsetzt – mit rund 300 Beraterinnen und Beratern, 150 Verwaltungsangestellten und rund 1000 ehrenamtlich Engagierten in den Vorständen, Trägervereinen und sozialen Projekten. Einen Ausblick in die Zukunft von donum vitae gibt Bundesgeschäftsführerin Andrea Redding.

Leihmutterschaft, Elternassistenz, Embryonenadoption: Dies sind nur einige brennende Themen, die uns heute und in den nächsten Jahren – neben der unverändert wichtigen Kernaufgabe der Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung – beschäftigen werden, wenn wir unserem Auftrag, ungeborenes Leben zu schützen, gerecht werden wollen. "Dem Leben Zukunft geben", so lautete denn auch der Titel des Bundeskongresses im September 2014 anlässlich des 15-jährigen Bestehens von donum vitae. Dieser kurze Satz bringt das Vereinsprogramm treffend auf den Punkt. Richten wir den Blick auf die Zukunft, dann stellen wir fest, dass die Verpflichtung zum Schutz des ungeborenen Lebens mehr denn je nicht nur bei Staat und Kirchen liegt, sondern auch und gerade im zivilgesellschaftlichen Verständnis bei jeder und jedem von uns – insbesondere als Christinnen und Christen.

Als psychosozial beratender Fachverband etabliert

Von Beginn an, seit der Gründung von donum vitae vor 15 Jahren, ist es gelungen, für hohe fachliche Qualität in der Beratungsarbeit vor Ort zu sorgen. Die Auswahl und Qualifizierung der Beraterinnen und Berater sind Schlüssel¬aufgaben, die auf allen verbandlichen Ebenen mit viel Weitsicht wahrgenommen werden. Jahr für Jahr berät donum vitae bundesweit rund 50 000 Frauen, Männer und Paare, davon mehr als 16 000 Frauen im Schwangerschaftskonflikt. Darüber hinaus erreichen wir rund 100 000 junge Männer und Frauen in Schulen und Jugendverbänden mit unseren präventiven Angeboten der Sexualpädagogik.

Bereits seit vielen Jahren – und nicht erst seit der Gesetzesnovelle des Jahres 2010 – bildet die psychosoziale Beratung vor, während und nach Pränataldiagnostik einen festen Bestandteil des Beratungsangebots. Anders als in der Konfliktberatung handelt es sich hierbei um sogenannte Wunschkinder und der Schock der Eltern nach einem auffälligen Befund und einer darauf folgenden Diagnose für das ungeborene Kind ist unermesslich. Unsere Beraterinnen und Berater sorgen in solchen Situationen zunächst einmal für Ruhe und einen Ort, an dem die Eltern ihren Gefühlen, ihrer Trauer, ihrer Angst, ihren Fragen und ihren Unsicherheiten in aller Offenheit freien Lauf lassen können. Dies ist eine sehr anspruchsvolle Art der Beratung, weil neben dem beraterischen Können viel medizinisches Fachwissen gefordert ist. In der Beratung geben wir den Frauen und Paaren Gelegenheit, sich mit der drohenden Behinderung oder Erkrankung ihres Kindes auseinanderzusetzen und machen Mut, sich dennoch für das Leben mit dem Kind – dem etwas anderen Wunschkind – zu entscheiden.

Diesen Gedanken weiterführend engagiert sich donum vitae seit einiger Zeit für Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung – und zwar nicht am Lebensbeginn, sondern in der Lebensphase, in der sie selbst eine Partnerschaft eingehen, eine Familie gründen und Kinder bekommen möchten. Mit Unterstützung des Bundesfamilienministeriums entwickeln wir Beratungsangebote, die sich an den speziellen Bedürfnissen dieser Zielgruppe orientieren. Leiten lassen wir uns hierbei von der Idee der Inklusion, die mehr als nur gemeinsame Bildungseinrichtungen umfasst, sondern vielmehr eine Haltung darstellt – eine sehr grundsätzliche Haltung dem Leben gegenüber.

Die Beratungsexpertise von donum vitae ist mittlerweile aus dem pluralen Angebot der Schwangerenberatung nicht mehr wegzudenken. Dies erleben wir sowohl auf kommunaler Ebene als auch und besonders in den politischen Zusammenhängen auf Landes- und Bundesebene. Die Politik findet in donum vitae bundesweit einen verlässlichen Partner, wenn es um den Schutz des ungeborenen Lebens, um die Etablierung konkreter Hilfsmöglichkeiten, wie z. B. der vertraulichen Geburt, oder um die ethische Abwägung von Möglichem und Machbarem im weiten Feld der Reproduktionsmedizin geht.

donum vitae bleibt sich treu

Der im Jahr 2012 gestartete Verbandsentwicklungsprozess gab Raum und Gelegenheit zum Blick auf die eigenen Grundsätze und eine gemeinsame Selbstvergewisserung. Fazit des Prozesses, der sich seither auf allen Ebenen des Verbandes weiter fortsetzt: "Wo donum vitae drauf steht, ist auch donum vitae drin." Der Verband und seine Tätigkeitsbereiche haben sich weiterentwickelt und sind gereift. In den vergangenen Jahren wurden in immer kürzeren Abständen immer neue Fragen zum Lebensschutz aufgeworfen, auf die es gelungen ist, zu antworten. Doch bei aller Veränderung gibt es Kernüberzeugungen, die sowohl Basis als auch Ziel allen Engagements sind: Der unbedingte Schutz des ungeborenen Lebens, die Zusage an die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens und die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen stehen unverrückbar im Mittelpunkt. Dies gilt auch für die Einsicht, die zur Überzeugung gereift ist, dass das ungeborene Leben nur gemeinsam mit der Mutter und nicht gegen ihren Willen geschützt werden kann. Beratung vor diesem Hintergrund weiß das deutsche Schwangerschaftskonfliktgesetz hinter sich, das neben der Ergebnisoffenheit der Konfliktberatung auch die Verpflichtung formuliert, zielgerichtet für das Leben zu beraten und Frauen in Not Möglichkeiten für ein Leben mit dem Kind aufzuzeigen.

Schwangerschaftsberatung ist gesetzliche Pflichtaufgabe und dennoch wird sie nur zu 80 % aus öffentlichen Mitteln finanziert. Daher bleibt in jedem Jahr ein nicht unerheblicher Betrag, der von donum vitae aus eigenen Mitteln bestritten werden muss. Ohne die zahlreichen Spenden der Unterstützerinnen und Unterstützer im Bundesgebiet wären unsere Beratungsarbeit und auch das politische Engagement nicht möglich.

(K)ein Verband wie jeder andere

donum vitae ist ein Verband wie jeder andere, aber zugleich auch ganz anders. Als Verein bürgerlichen Rechts ist donum vitae kein kirchlicher Verein und will dies auch zukünftig nicht werden. Dennoch sind alle, die sich bei donum vitae engagieren, sei es als Vorstand, sei es in der Beratung, den katholischen Wurzeln und dem christlichen Menschenbild verpflichtet. In diesem Sinne hat donum vitae eine deutliche Tendenz, ohne jedoch die Attribute eines Tendenzbetriebs für sich zu reklamieren.

donum vitae als bürgerlich-rechtlicher Zusammenschluss katholischer Laien und vieler anderer, die sich dem Schutz des ungeborenen Lebens verpflichtet fühlen, ist eine unkonventionelle, aber im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils tragfähige Lösung für ein gleichsam unlösbares Thema: den Schwangerschaftskonflikt. In diesem Sinne bildet sich auf organisatorischer und politischer Ebene das ab, was die Frauen im Schwangerschaftskonflikt wortwörtlich am eigenen Leib erleben. In einer pluralen Gesellschaft wie der unsrigen gibt es auf viele existenzielle Fragen keine eindeutigen und für alle Menschen gültigen Antworten. Bernhard Vogel hat es zuletzt sinngemäß mit dem Satz zusammengefasst, dass der größere Fehler der deutschen Bischöfe vielleicht gar nicht der Ausstieg, sondern bereits der Einstieg in die Schwangerschaftskonfliktberatung gewesen sein mag. Vielleicht kann die Initiative donum vitae hier Vorbild sein und hilfreiche Hinweise geben, wie wir der Unterschiedlichkeit der Menschen und den Nöten der Zeit begegnen können.

Die bei donum vitae aktiven Frauen und Männer verstehen sich aufgrund ihrer Taufe als Kirche. Viele von ihnen engagieren sich aus ihrem Christsein heraus an vielen Stellen in Kirche und Gesellschaft. Nach manchen schmerzlichen Erfahrungen der vergangenen Jahre waren deshalb Erleichterung und Dankbarkeit groß, als Kardinal Marx im Frühsommer vor der Vollversammlung des ZdK zum Ausdruck brachte, dass niemand, der sich bei donum vitae engagiert, deswegen diskriminiert und ausgegrenzt werden dürfe. Er hat die Hoffnung auf ein konstruktives zukünftiges Miteinander gestärkt. donum vitae war und ist immer gerne bereit, seinen Beitrag hierzu zu leisten.

 

 

 

 

 

Autor: Andrea Redding Bundesgeschäftsführerin von donum vitae

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