Salzkörner

Freitag, 5. September 2014

Der Kirche ein Gesicht geben – Ergänzende Formen von Gemeindeleitung

Ein Pilotprojekt der Diözese Würzburg

Größere Seelsorgeräume stellen unwillkürlich die Frage, wie Kirche vor Ort lebendig, erfahrbar und erlebbar bleiben kann. Gerade in ländlich geprägten Kontexten ist Kirche häufig die letzte und einzige Institution, die den Dörfern geblieben ist, nachdem Läden, Schulen, Kindergärten geschlossen wurden. Die Verlusterfahrungen der Menschen sind hier besonders ausgeprägt. Bei aller Einsicht in die Notwendigkeit für Vernetzung und Kooperation befürchten viele, die verbliebene Eigenständigkeit und Identität zu verlieren.

Das wurde auch im Dialogprozess in der Diözese Würzburg deutlich. Neben der Glaubensweitergabe an die nächste Generation wurde die Frage, wohin sich Gemeinden entwickeln werden, als die vorrangige Herausforderung für die Zukunft gesehen.

Gemeinde im Umbruch

Die gemeindepastorale Umbruchsituation ist nicht nur auf den Priestermangel zurückzuführen, sondern auch gesellschaftlich relevante Faktoren wie Pluralität der Lebensstile, soziale Mobilität und Individualisierung. Das Bild der „Pfarrfamilie“, mit dem viele groß geworden sind und in dem ganz unterschiedliche Berufungsgeschichten gründen, gibt es so heute kaum mehr. Engagierte in den Gemeinden spüren dies sehr deutlich am veränderten Bindungs- und Beteiligungsverhalten der Menschen. Mit großen Kraftanstrengungen wird versucht, die in den 80er und 90er Jahren entstandene Angebotspalette aufrecht zu erhalten. Überlastung und Frustration sind nicht selten vorprogrammiert. Gemeinden fühlen sich einem pastoralen Burnout nahe und verlieren damit ihre Ausstrahlungskraft.

Gleichzeitig scheint das Bedürfnis nach Gemeinschaft nach wie vor vorhanden zu sein, vielleicht gerade angesichts einer komplexen und mobilen Zeit. Gemeinschaft mit vertrauten und gleichgesinnten Menschen inspiriert und gibt vielfach spirituelle Heimat.

Exemplarisch dazu die Aussage einer Frau im Rahmen des Dialogprozesses: „Ich sehe einen großen Vorteil der Pfarreingemeinschaften darin, dass wir Gläubigen Abstand von der bisherigen Versorgungshaltung nehmen müssen. Wir sind herausgefordert, uns um unser Glaubensleben selbst zu kümmern. Allerdings sind die Pfarreiengemeinschaften zu groß um Gemeinschaft verbindlich zu leben. Vielleicht wären kleinere „Untereinheiten“, die ja nicht von Priestern geleitet werden müssten, hier eine Überlegung?“

Nähe und Weite

Sie bringt es auf den Punkt: Wir brauchen sowohl Nähe als auch Weite. Die Nähe zu den Menschen ist die Stärke der Gemeinde am Ort. Gleichzeitig braucht es Weite, weil die pastorale Angebotsversorgung, die über Jahre hinweg ausgebaut wurde, nicht mehr zu leisten ist.  Vielleicht  auch zum Glück, denn das gibt Raum für Tiefe, sich „um unser Glaubensleben selbst zu kümmern„. Papst Franziskus spricht von der „missionarischen Gemeinschaft der Jünger, die Initiative ergreift“ (Evangelii gaudium 24). Überall dort, wo Menschen christliche Gemeinschaft leben und erfahren wollen, braucht es Nähe und Menschen, die Initiative ergreifen. Erst durch sie wird Kirche vor Ort erfahrbar, neben dem sichtbaren Kirchturm und dem hörbaren Geläut der Glocken. „Untereinheiten“, überschaubare Netzwerke im Lebens- und Beziehungsraum der Menschen sind unverzichtbar, egal ob wir von Pfarreiengemeinschaften, Pfarrverbünden, Großraumpfarreien oder anderen komplizierten Gebilden sprechen, die diese Komplexität schon mit ihrer Namensgebung ausdrücken.

Das Pilotprojekt

Im Rahmen des Dialogprozesses wurde in der Diözese Würzburg ein Pilotprojekt „Der Kirche ein Gesicht geben – ergänzende Formen von Gemeindeleitung“ ermöglicht. Ziel ist es, Chancen und Grenzen ergänzender Formen von Gemeindeleitung zu erproben. Das Projekt ist zeitlich befristet bis 2017. Fünf Pfarreiengemeinschaften beteiligen sich derzeit, alle im ländlichen Raum. Gemeindeberater/-innen begleiten die Pfarreiengemeinschaften vor Ort. Weitere Unterstützungssysteme wie Pastoralsupervision, das Referat Geistliches Leben und weitere Fachreferate der Diözese werden nach Bedarf einbezogen.

Schnell wurde deutlich, dass vorgefertigte Modelle und Konzepte zum einen nicht der Schlüssel sind, um den unterschiedlichen Situationen in den einzelnen Pfarreiengemeinschaften gerecht zu werden. Zum anderen geht es um mehr als Strukturen. Es ist ein Entdeckungsprozess der Christen vor Ort, ihrer Berufungen, ihrer Charismen und ihrer Sendung. Das ist weit mehr als das Aufrechterhalten der örtlichen Gemeinden. Die Entwicklung von Strukturen und Verantwortlichkeiten ist diesem Entdeckungsprozess nachgeordnet.

Das Besondere der jeweiligen Gemeinde erfassen

Orientierung geben dabei drei Fragestellungen:

1. Was ist unser Auftrag als Kirche für die Menschen in ihrem Lebensraum? Oder mit Mk 10,51 gefragt: Was soll ich dir tun? Nicht das, was wir schon immer tun, sondern die konkreten Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen sind Ausgangspunkt wie Herausforderung, die Zeichen der Zeit. Aus der Frage, was ist unser Auftrag, ergeben sich die Kernaufgaben, die mit den vorhandenen Charismen und auf die Situation des jeweiligen Ortes abgestimmt werden.

2. Welche Potentiale, Charismen und Gaben haben wir am jeweiligen Ort? Entscheidend wird sein, ob es gelingt, den Blick zu weiten und über den Tellerrand der Gremien, Gruppen und Kreise hinaus zu denken. Wichtig wird sein, Doppelstrukturen zu vermeiden, eine Verzahnung zu den gewählten Gremien sicherzustellen und Kommunikationsbedarf wie  -wege zu klären.

3. Was ist das Besondere der jeweiligen Gemeinde und des Ortes, welche Geschichte hat sie genau, was ist die Kultur, die vorherrscht? Ort kann dabei die einzelne Ortschaft, aber auch ein Kindergarten oder eine Seniorenwohnheim sein. Es gilt zu klären, was unverzichtbar für die jeweilige Gemeinde ist und was guten Gewissens in anderen Gemeinden und Orten geschehen kann und darf, weil dort auch Menschen leben, die Gott mit Charismen beschenkt hat. Mut zum Lassen und Verabschieden gehört dazu!

Drei "Rollen" besetzen

Mit den Verantwortlichen, den Ortskundigen wird eine für sie passende Form entwickelt, die die Nähe zu den Menschen und zum Evangelium ermöglicht.

Christen, die den Auftrag im Blick haben, nehmen mit offenen und wachen Augen wahr, sind interessiert an Menschen und deren Geschichten, gleichzeitig diskret und behutsam, sensible, empathische Menschen, die einfach „mitsorgen“ mit dem sorgenden Gott.

Weiter braucht es Menschen, denen es leicht fällt Kontakte zu knüpfen, die selbst gut vernetzt sind und die auch über die jeweilige Gemeinde hinaus viele und vieles kennen. Sie sichern die Kommunikation nach innen und außen und sind in den gewählten Gremien vertreten und eingebunden. „Netzwerker“ sind zu entdecken, die um die Potentiale, Gaben und Fähigkeiten, die es an den jeweiligen Ort gibt, wissen und die nicht nur den Ort, sondern den Lebensraum der Menschen im Blick haben. Auch sind kreative Menschen, „Planer“ zu suchen, die sowohl um die Bedürfnisse wie Ressourcen wissen, Projektideen in ein Konzept bringen und dies umsetzen.

Beteiligung und Mitwirkung vieler ermöglichen

Diese drei Rollen („sorgen“, „netzwerken“ und „planen“) sind zu füllen, von einer oder mehreren Personen, am besten durch ein Team. Es geht nicht darum, dass diese Teams alles selbst tun. Sie ermöglichen die Beteiligung und Mitwirkung vieler am Aufbau einer lebendigen Kirche. Es geht um „ein neues Verständnis der tragenden Rolle eines jeden Getauften“ (Evangelii gaudium 120). Dieses neue Verständnis verändert Rollen, Haltungen, Seelsorge- und Gemeindeverständnis aller pastoralen Berufsgruppen, aber auch der Gemeindemitglieder. Es ist eine veränderte Kultur des Kircheseins, aber ganz im Sinne einer konziliaren Volk-Gottes-Theologie. Das Projekt ergänzender Formen von Gemeindeleitung ist entstanden in enger Absprache mit Bistumsleitung und Dekanen. Es geht nicht darum, den Priester zu verdrängen, sondern ihn in seiner Gesamtverantwortung in Anbetracht differenzierterer Seelsorgestrukturen zu stärken und seinen Kernkompetenzen Raum zu geben. Mit Blick auf eine ländliche Diözese wie Würzburg ist dieses Projekt ein lohnenswerter Versuch durch eine lebensraumorientierte, vernetzte Pastoral nahe am Menschen zu bleiben. Oder um es mit Kurt Marti zu formulieren: „Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?“

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Monika Albert, Diözesanbeauftragte für den Dialogprozess im Bistum Würzburg

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