Salzkörner

Mittwoch, 18. September 2013

Der SkF an der Seite der Frauen in Not- und Konfliktsituationen

Die katholische Schwangerenberatung nach dem Ausstieg aus der Konfliktberatung

Die Begleitung von Frauen in Not- und Konfliktsituation, ihnen Beratung und Hilfe zukommen zu lassen und sie durch die verschiedenen Phasen ihrer Biografie zu begleiten, das ist die Quelle der Arbeit des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und gleichsam der Ursprung dieses Verbandes. Wie gestaltet sich diese Aufgabe heute nach dem Ausstieg aus der Schwangerschaftskonfliktberatung?

Agnes Neuhaus, die Gründerin des SkF, damals noch Verein zum Guten Hirten, besuchte 1899 eine Wöchnerinnenstation in Dortmund. Diese Erfahrung bewegten sie so nachhaltig, dass sie sich aufgerufen fühlte, tätig zu werden. Mit der Gründung des Vereins noch im selben Jahr schaffte sie die strukturellen Voraussetzungen, um Häuser zu gründen, in denen schwangere Frauen oder in Not geratene junge Mütter Zuflucht, Unterkunft und Hilfe finden konnten. Diese Begleitung von schwangeren Frauen und Müttern baute der SkF über die Jahrzehnte mit vielfältigen Angeboten aus. Als katholischer Frauenverband fühlen wir uns fest verwurzelt in den christlichen Werten und hier besonders im Schutz des ungeborenen aber auch des geborenen Lebens. Wir wissen aus der Praxis unserer vielen Beratungsstellen und Einrichtungen, wie schwierig im alltäglichen Leben die Umsetzung von Werten ist und wie brüchig Biografien werden können, wenn schwere Belastungssituationen entstehen. Gerade hier sehen wir uns an der Seite der Menschen mit dem Ziel, sie darin zu unterstützen, wieder eine gute oder zumindest für sie akzeptable Perspektive zu entwickeln.

Eine Wunde die nicht heilen will

Werte sind in ihrer Umsetzung und in ihren Konsequenzen radikal, will man sich an ihnen orientieren, erfordern sie ein eindeutiges und konsequentes "Ja". Den meisten Menschen gelingt dies nicht immer in ihrem Leben. Sie erleben Belastungssituationen, in denen sie so manchen Wert nicht verfolgen können. Oder sie lehnen überhaupt eine Wertorientierung ab. Wer sind wir, dass wir sie verurteilen dürften? Wir im SkF sehen uns an der Seite aller Menschen, die in Nöten sind. Aufgrund dieses Selbstverständnisses hat es den SkF tief in seiner Seele getroffen, als die Bischöfe vom SkF den Ausstieg aus der Konfliktberatung forderten. Eine Wunde, die bis heute nicht richtig heilen will. Wir haben das nicht so gewollt, wir wollten die Frauen nicht alleine lassen.

Weiterhin an der Seite von Frauen in
Konfliktsituationen

Der SkF wäre nicht er selbst, wenn sich die Frauen in unserem Verband nach dieser Entscheidung in ein Schneckenhaus zurückgezogen hätten. Viele Menschen außerhalb und innerhalb der katholischen Kirche glauben, dass wir vollständig aus der Schwangerenberatung ausgestiegen sind. Mitnichten. Wir sind weiterhin an der Seite der Frauen in Not und Konfliktsituationen und werden es auch in Zukunft sein. In über 120 anerkannten Schwangerenberatungsstellen beraten wir Frauen auf Grundlage des §2 SchKG. Dies begründet auch die staatliche Förderung, die durch ein Bundesverwaltungsgerichtsurteil von 2004 untermauert wurde. Die allgemeine Schwangerenberatung nahm schon immer den weitaus größeren Stellenwert in der Schwangerenberatung ein, über 80 Prozent waren es vor dem Ausstieg. Natürlich sind die Zahlen der Beratungsfälle im existentiellen Schwangerschaftskonflikt, wie von uns damals befürchtet, drastisch eingebrochen. Heute erreichen wir nur mit unter zwei Prozent unserer Beratungsfälle Frauen im existentiellen Schwangerschaftskonflikt. Vor dieser Konsequenz der Entscheidung zum Ausstieg dürfen wir die Augen nicht verschließen. Und gleichzeitig wertet es die Beratungsqualität in allen übrigen Fällen nicht ab.

Alle Frauen, die in unsere Beratungsstellen kommen, sind in einer Not- und Konfliktsituation. Das bedeutet nicht, dass sie unweigerlich auch über eine Abtreibung nachdenken. Die Lebenssituationen werden komplexer und belastender: Überforderungssituationen, Partnerschaftsprobleme, immer häufiger mit Gewalterfahrungen, existenzgefährdende ökonomische Situationen, soziale Ausgrenzung sind nur einige der Problemlagen. Hier bieten die katholischen Beratungsstellen nicht nur kompetente psychosoziale Beratung sondern auch direkte finanzielle und materielle Hilfe, über die Bundesstiftung Mutter und Kind, wie die übrigen Träger von Schwangerenberatungsstellen, und zusätzlich über den Bischoffonds.

Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen

Die Erfahrungen aus den Schwangerenberatungsstellen sind für uns wie ein Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen. Dies führt zu einer ständigen Weiterentwicklung des Arbeitsfeldes:

Die Erfahrungen, dass Mütter und Familien durch die Geburt eines Kindes in eine Überforderungssituation geraten können, ließ uns schon früh das Angebot der nachgehenden Beratung aufbauen, das sich heute in das Feld der Frühen Hilfen eingliedert. Die Schwangerenberatungsstellen sind ein Teil der Netzwerke Früher Hilfen, in denen sich alle Unterstützungsangebote für Familien mit kleinsten Kindern vernetzen. Ein wichtiger Baustein, um Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Die diagnostischen Verfahren der Medizin entwickeln sich mit enormer Dynamik, sie ermöglichen frühzeitiger, Krankheiten zu entdecken und auch zu therapieren. Sie bringen aber auch neue Unsicherheiten mit sich und werfen Fragen auf. Dies merken wir in der pränatalen Diagnostik besonders deutlich. Will ich diese Untersuchungen überhaupt, welche Chancen, welche Risiken bringen sie mit sich und was sagt mir das Ergebnis, wie gehe ich damit um? Hier unterstützen wir mit der psychosozialen Beratung und helfen, wieder Orientierung zu finden.

Die Entwicklung der eigenen Sexualität, die Fähigkeit, eine verlässliche Partnerschaft aufzubauen ist eine der wesentlichen Entwicklungsaufgaben für Jugendliche und junge Erwachsene. Soziale Kompetenzen, die nicht unbedingt im Elternhaus erlernt werden. In der Sexualpädagogik unterstützen wir junge Erwachsene in ihrer Entwicklung.

Zu jeder Zeit ist die Herausforderung für die soziale Arbeit, die Menschen im Rahmen ihrer jeweiligen Kommunikationsmuster und -techniken zu begegnen. Somit ist in den letzten Jahren in vielen Fachgebieten die Online-Beratung entstanden. Auch die Schwangerenberatung des SkF ist hier vor Jahren eingestiegen und berät Frauen wie Männer online bei Fragen rund um die Schwangerschaft. Aber auch bei Fragen von Kindererziehung, Beziehungsproblemen, Säuglingshygiene, ökonomischer Unterstützung, und vielem mehr.

Die Frauen, die wir in der Beratung erreichen, kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Bundesweit erreichen wir z. B. ca. 35 Prozent Frauen mit Migrationshintergrund, in Ballungszentren sogar weit über 50 Prozent. Diese Heterogenität der Frauen, die zu uns kommen, erfordert ein qualifiziertes Beratungsangebot, das nicht nur fachlich gut aufgestellt ist sondern ebenso kultur- und milieusensibel. In einer gemeinsamen Studie mit dem Deutschen Caritasverband untersuchen wir derzeit sehr differenziert die Milieuunterschiede zwischen den Frauen, die Beratung suchen und den Beraterinnen. Die Ergebnisse der Studie geben uns eine Grundlage für die Weiterentwicklung unserer Beratungskonzepte.

Vernetzte Beratung stärkt Wissen und Kompetenz

Die Beratungsstellen der SkF-Ortsvereine werden von Trägerstrukturen verantwortet, die weitere Dienste und Einrichtungen vorhalten. Dies ist für alle Dienste ein großer Vorteil, da sich schon innerhalb des SkF z. B. die Erziehungs- oder die Schuldnerberatung mit der Schwangerenberatung vernetzen kann und somit ein breites Wissen, Kompetenz sowie diverse Unterstützungsmöglichkeiten auch der übrigen Systeme zur Verfügung gestellt werden können. Der fachübergreifende Austausch hält unsere Mitarbeiterinnen sensibel für die gesamte Lebenssituation der Frauen und bewahrt sie davor, nur einen Teilausschnitt zu betrachten.

Keine Rumpfberatung zweiter Klasse

Die katholische Schwangerenberatung hat turbulente Jahre hinter sich und bis heute ist es eine Herausforderung, die Besonderheit unserer Beratung im Konzert der übrigen Träger, die alle die Konfliktberatung noch mit anbieten, zu behaupten. Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, dass die katholische Schwangerenberatung damit aber keine "Rumpfberatung zweiter Klasse" darstellt. Sie ist auf der Höhe der Zeit, eine kompetente und weitreichende Beratung mit hoher fachlicher Qualität und einer breiten Akzeptanz in der Fachpraxis der sozialen Arbeit.

 

 

 

Autor: Gaby Hagmans Bundesgeschäftsführerin des SkF- Gesamtverein, Mitglied im ZdK

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