Salzkörner

Freitag, 5. September 2014

Der Zukunft zugewandt – der Tradition verpflichtet

Erwartungen an den 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig

Vom 25. bis 29. Mai 2016 wird in Leipzig der 100. Deutsche Katholikentag stattfinden. Was soll ihn prägen?

Der Vorbereitungsweg auf den 100. Katholikentag 2016 in Leipzig hat begonnen. Sehr bald wird die Entscheidung über das Leitwort fallen. Dann steht auch der inhaltliche Schwerpunkt der Leipziger Tage fest. Ein ist uns klar: der „Hundertste“ muss und wird besonders sein.

Nicht Heerschau, aber mit Geschichtsbewusstsein.

Natürlich stehen wir, die wir heute Katholikentage machen, auf den Schultern vieler, die Großes und Großartiges geleistet haben. Die Katholikentage haben über die nun bald 170 Jahre ihrer Geschichte eine erhebliche Bedeutung für die Kirche in unserem Land gehabt. Sie haben die katholische Kirche gestützt, als es die Katholiken schwer hatten in einem Staat, dessen Obrigkeit ihnen fremd und feindlich gegenüber stand. Sie haben mit dazu beigetragen, dass die Katholiken in Deutschland eine innere Zustimmung zur Demokratie fanden. Sie wurden abgesagt, als man ein Bekenntnis zur nationalsozialistischen Ideologie verlangte, sie waren Orte des Aufbruchs in der jungen Bundesrepublik, hier bildete, stärkte, formierte sich der politische Katholizismus, hier wurden weltkirchliche Hilfswerke und andere Organisationen initiiert, die bis heute segensreich arbeiten, hier wurden die Ideen des Konzils diskutiert und die Gemeinsame Synode der deutschen Diözesen grundgelegt, hier traf man sich 1990 zum ersten Mal auf dem Weg zur Wiedervereinigung, hier diskutiert man heute über gesellschaftspolitische und kirchliche Fragen und sucht nach Formen der aktiven Mitgestaltung und Mitprägung unserer Zeit.

All das haben wir im „Gepäck“, wenn wir 2016 nach Leipzig gehen, und all das wollen wir nicht vergessen. Aber die Zeit der „Heerschauen“, als Tausende Katholiken ihr Credo in Festumzügen demonstrierten, ist längst vorbei. Jetzt soll ein Katholikentag zeigen, wo unsere Kirche heute steht und was wir gesellschaftlich bewirken wollen. Ja, ein Katholikentag ist ein selbstbewusstes Zeugnis des Dienstes, den wir Laien in Verbände, Organisationen, diözesanen Räte oder wo auch immer in Kirche und Welt leisten. Aber wir müssen dies in einer Stadt wie Leipzig mit Zurückhaltung und Bescheidenheit  tun. Wir kommen nicht um zu belehren. Wir kommen um über unsere Suche und unsere Vorschläge zu diskutieren. Wir kommen auch, um das vielfältige soziale und gesellschaftliche, das ehrenamtliche und gemeinwohlbezogene Engagement in den neuen Bundesländern, vor allem auch in Leipzig, zu unterstützen und zu stärken.

Kein binnenkirchliches Ereignis, aber auch nicht ohne Debatte über Kirchliches 

In Leipzig sind 4 Prozent der Bevölkerung katholisch, ungefähr 12 Prozent evangelisch. In den Schulen sind von 100 Kindern etwa 3 katholisch und etwa 6 evangelisch. Nur 9 Kinder von 100 haben einen Bezug zum christlichen Glauben! In dieser Situation wollen wir „Zeugnis geben von der Hoffnung, die uns bewegt“, wie man in Anlehnung an das Leitwort eines früheren Katholikentags sagen könnte. Darum ist eine Bitte richtig und verständlich, die schon früh aus Leipzig an uns herangetragen wurde: Legt den Schwerpunkt nicht auf innerkirchliche Fragen, das interessiert hier kaum jemanden, ja das versteht hier fast keiner. Diese Bitte ist klar, sie ist zu achten. Und trotzdem ist es wichtig, alles zu debattieren, was unsere Glaubwürdigkeit als Kirche beeinträchtigt, alles, was unsere Kirche daran hindert, all die Kräfte freizusetzen, die in ihr zur Geltung kommen müssten.

Das wichtigste ist in jedem Fall, die Christen als fröhlich und engagiert, als offen und gesprächsbereit, als hilfreich und kreativ zu zeigen. Aus dem Glauben an das Evangelium entspringt eine Haltung, die uns zum Einsatz verpflichtet. „Lebe so, dass man Dich fragt“ ist ein Spruch, der viele von uns begleitet: in der Tat gibt es unter den Christen - gleich welcher Konfession - viele interessante und spannende „Typen“. Katholikentage zeigen sie, geben ihnen Raum zum Berichten, zum Vorstellen ihrer Ideen und Pläne.

Kein Leipziger Lokalereignis, aber  mit starkem Bezug zur Stadt

In Leipzig werden sich zum 100. Mal Christinnen und Christen aus allen Teilen Deutschlands treffen. Auch aus Hildesheim und Hamburg, aus Eichstätt und Essen, aus Mainz und München. Sie wollen berichten, was sie tun – und sie wollen erfahren, wie man in Leipzig, in Sachsen, ja im „Osten“ überhaupt, als Christ lebt. Darum muss und wird beides möglich sein: die Darstellung dessen, was bundesweit bewegt und gefragt wird und das Eintauchen in hiesige Erfahrungen und Lebenswelten. Gerade das ist es, was Katholikentage spannend macht.

Das Leben als Christ in Leipzig ist spannend und kreativ, es ist aber auch schwer und  nicht immer nur ein Zuckerschlecken. Gleiches gilt, wenn auch in anderer Form, mit anderen Themen für das Leben der  Christen in Köln oder Freiburg. Darum ist das Wort des früheren ZdK-Präsidenten Hans Maier immer noch richtig: „Auf Katholikentagen lernen die Katholiken sich kennen.“ Das ist wie ein Versprechen auch für unser Treffen in Leipzig.

Keine geschlossene Gesellschaft, sondern  eine Begegnung mit allen Menschen guten Willens

Der 100. Katholikentag wird in mehrfacher Hinsicht Neues wagen. Er wird es wagen müssen. Er will es aber auch wagen! Wir haben viele neue Ideen gesponnen, wir wollen so viel wie möglich umsetzen. Der Katholikentag wird offen sein für alle, die ihm mit Interesse begegnen, er wird versuchen Menschen, die keine gläubigen Christen sind, einzubeziehen. Er wird in einer Sprache sprechen müssen, die möglichst viele verstehen. Natürlich: Die Katholiken aus ganz Deutschland sollen in Leipzig spüren, dass sie willkommen sind, sie müssen sich „wiederfinden“, und natürlich auch viele Evangelische, die regelmäßig zu Katholikentagen kommen oder hier einmal bei uns „reinschnuppern“ wollen. Aber stärker als bei früher und anders als an anderen Orten wollen wir uns denen zuwenden, die noch nie etwas von Gott gehört haben. Für die alles fremd ist, was uns bewegt.

Wir werden in Leipzig einiges ausprobieren:

- Deutlich mehr evangelische Christinnen und Christen werden an der Vorbereitung beteiligt sein.

- Deutlich mehr Nichtchristen werden eingeladen zur Mitgestaltung, und Mitwirkung.

- Deutlich mehr Angebote werden für die Menschen in der Stadt frei zugänglich sein. Der Katholikentag soll einladend sein, soll die Chance geben, hereinzuschnuppern und Fragen zu stellen.

Kein politischer Kongress,  aber eine Zeitansage zu politischen Fragen

Katholikentage waren und sind „Zeitansage“, sie wollen eine „Botschaft“ formulieren, die auch über den kirchlichen Radius hinaus hörbar und verstehbar ist, die Aufmerksamkeit erregt. Unser Glaube an Gott, unser Leben aus der Botschaft des Evangeliums ist nicht „harmlos“ und weltfremd. Ich erinnere an drei große Zeugen des Glaubens. Kardinal Joseph Cardijn formulierte den unschlagbaren Dreiklang „Sehen, Urteilen, Handeln“, das heißt nichts anderes als: Setzt Euch ein, Ihr Christen! Erzbischof Oscar Romero aus El Salvador wurde am Altar erschossen, weil er für die Gerechtigkeit und gegen die Ausbeuter predigte, das heißt nichts anderes als: Habt Mut, für das Gute einzutreten ohne jede Angst! Und Frère Roger aus Taizé in Frankreich sprach immer vom Begriffspaar „Kampf und Kontemplation“, das heißt nichts anderes als: Lebt aus dem Gebet – und lasst aus dem Gebet konkrete Taten erwachsen!

Ein großes Fest!

Wo auch immer ich bin, wen auch immer ich frage: Alle freuen sich auf Leipzig. Die Einladung, die Bischof Dr. Heiner Koch am Ende des Katholikentags in Regensburg aussprach – zusammen mit vielen anderen und dann noch mit 100 Kindern aus Leipziger Schulen – hat viele, die dabei waren, zu Tränen gerührt. Seit 1994 in Dresden ist der Katholikentag - ich sage endlich! -  einmal wieder im Osten. Leipzig ist eine quirlige, eine interessante Stadt. Kirchliches Leben hier in der Minderheit ist so, dass man auch im Westen und Süden von ihm lernen kann.

So wird der Leipziger Katholikentag ein großes Fest werden, mit vielen neuen Akzenten, das doch den alten Kern zu bewahren versucht. Der alte Kern, das ist der Wille der Laien in der Kirche, der einfachen Gläubigen, mit ihrer Kompetenz Kirche und Welt mit zu tragen und mit zu prägen. „Kirche lebt – mit uns!“ hieß ein Buch, das wir im ZdK herausgegeben haben. Diesen Gedanken wollen wir in Leipzig fortschereiben: neu, stark und fröhlich.

 

 

 

 

      

 

Autor: Dr. Stefan Vesper, Generalsekretär des ZdK

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