Salzkörner

Dienstag, 31. Oktober 2017

Diakonat der Frau

Zum Stand der theologischen Diskussion

Papst Franziskus hat im August des vergangenen Jahres eine Kommission eingesetzt, die sich mit der Tradition des Diakonats der Frau in der Kirche befassen soll. Damit hat eine schon seit langem geführte innerkirchliche Debatte einen neuen Impuls bekommen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) setzt sich seit einigen Jahren aktiv dafür ein, auch Frauen zu Diakoninnen zu weihen. Zuletzt hat die Vollversammlung des ZdK hat am 5. Mai 2017 in Berlin mit großer Mehrheit die Deutsche Bischofskonferenz aufgefordert, sich in Rom für den sakramentalen Diakonat der Frau einzusetzen.

 

Zur Information über den Stand der Debatte und für Beratungen im ZdK und in der "Gemeinsamen Konferenz" von ZdK und Deutscher Bischofskonferenz hat die Sprecherin des Sachbereichs 1 "Pastorale Grundfragen" des ZdK, Prof. Dr. Dorothea Sattler, ergänzt durch Dr. Dorothea Reininger und nach Beratung im Sachbereich eine Ausarbeitung zum Stand der Diskussion vorgelegt, die wir im Folgenden in der überarbeiteten Form dokumentieren.

 

Eine Grundfrage ist zu klären: Ist der Diakonat (von Männern und Frauen) Teil des einen sakramentalen Ordo oder ist er ein nicht-sakramentaler Dienst spezifisch bezogen auf sozial-caritative Tätigkeiten, zu denen (lediglich) eine kirchliche Beauftragung erfolgt?

 

In der wissenschaftlichen Theologie wird die Position argumentativ gestärkt, den Diakonat im sakramentalen Ordo zu verorten und damit den ordinierten Diakonen und Diakoninnen die Leitung der Feier der Taufe sowie den Dienst der Verkündigung des Evangeliums in der Feier der Eucharistie anzuvertrauen. In römisch-katholischen kirchenamtlichen Schreiben ist die Neigung vorherrschend, den diakonischen Dienst von Frauen mit hoher Wertschätzung zu versehen, ohne dabei für einen Einbezug in die sakramentale amtliche Leitungsstruktur der Gemeinden zu votieren. Auch wenn Formulare für die Weihe von Diakoninnen vor allem in der Ostkirche vorliegen, fällt eine Antwort auf die Frage nach der "sakramentalen" Qualität des Diakonats der Frau heute auch deshalb nicht leicht, weil die Bestimmung des Begriffs "Sakrament" sowie die Zählung von präzise sieben Zeichenhandlungen erst im 13. Jahrhundert abgeschlossen war, als die Weihe zum Diakonat sowohl für Männer als auch für Frauen schon längere Zeit nicht mehr praktiziert wurde.

Argumentationsbasis

Die Argumentationsbasis im Hinblick auf den Diakonat auch von Frauen ist fundiert gesichert: In neutestamentlichen Schriften werden Frauen als Diakoninnen bezeichnet (vgl. vor allem Phoebe in Röm 16) – die inhaltliche Füllung dieses Begriffs ist allerdings umstritten. Aus exegetischer Perspektive heraus betrachtet, ist die Bildung des dreigliedrigen Amtes eine Entwicklung, die sich (frühestens) am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus festigt. Traditionszeugnisse sprechen für den Dienst von Frauen im gesamten ersten Jahrtausend im Osten vor allem bei der Taufassistenz bei Frauen aus Schicklichkeitsgründen; im Westen wurde diese Praxis übernommen, hat sich jedoch nicht so lange gehalten wie im Osten. Weiheformulare (Handschriften aus dem 4. bis 8. Jahrhundert) belegen die Beauftragung von Frauen unter Gebet und Handauflegung für ihre diakonischen Dienste. Eigens besprochen wird die Frage, welche Bedeutung es hat, dass für männliche Diakone andere Weiheformulare verwendet wurden. Zugleich unterscheiden sich die Weiheformulare für die Diakonin deutlich von Beauftragungen zu den "niederen Diensten".

 

In der orthodoxen Tradition hat sich der Diakonat (auch) von Frauen länger gehalten als in der lateinischen Tradition; bis in die jüngste Zeit hinein werden in einzelnen orthodoxen Kirchen Frauen zu Diakoninnen ordiniert; es gibt unterschiedliche Interpretationen zu der Frage, ob mit dieser Ordination Tätigkeiten auch in der Liturgie verbunden waren und/oder heute sein sollten. Die reformatorische Tradition kennt Diakonissen (vor allem in der Krankenpflege) und Gemeindediakoninnen und -diakone (vor allem im pädagogischen Dienst).

Systematisch-theologische Konzeption

Die heute vielfach vertretene systematisch-theologische Konzeption geht von der Annahme der Zuordnung aller amtlichen Dienste zum Bischof (Leitungsgestalt mit episkopalem Auftrag) aus. Das komplementäre Modell sieht vor, dass Presbyter und Diakone je auf unterschiedliche (nicht hierarchisch gestufte) Weise dem Bischof zugeordnet sind: Diakone und Diakoninnen dienen Menschen in Not und führen zur Mitte der Gemeinde hin; Presbyter stehen den liturgischen Feiern in der Gemeinde vor und stärken die bereits Getauften. Angesichts des spezifischen Dienstamts der Diakone und Diakoninnen stellt sich die Frage, ob mit der Übernahme dieses Dienstes innerhalb des einen sakramentalen Ordo auch notwendig die Zulassung zu allen weiteren Diensten verbunden sein muss. Der Diakon wird nach dem 2. Vatikanischen Konzil "non ad sacerdotium, sed ad ministerium" (Lumen Gentium 29) berufen und ordiniert. Folgerichtig wäre es, das diakonische Amt mit einem spezifischen sozial-diakonischen Profil zu verbinden.

 

Aus theologischer Perspektive heraus betrachtet ist es wichtig, mit dem 2. Vatikanischen Konzil den Sinn des sakramentalen Dienstamtes in der Verkündigung des Evangeliums zu sehen. Das Konzil sieht das sakramentale Amt als Einheit, das in einer Verschiedenheit von Diensten ausgeübt wird. Benedikt XVI. hat in einem "Motu proprio" (Oktober 2009) eine Änderung des kirchlichen Gesetzbuches veranlasst: Diakone handeln demgemäß nicht (mehr) "in persona Christi capitis". Diese Differenzierung wird als ein Weg für die Teilhabe auch von Frauen an diesem Amt wahrgenommen. Allerdings bleibt auch nach dieser Änderung des Kirchenrechts der Diakonat im Bereich des sakramentalen Dienstamtes, bei dem umstritten ist, ob es nach göttlicher Ordnung überhaupt auch für Frauen offen-steht. Sollte es sich um ein göttliches Gebot handeln, wären lokalkirchliche Eigenentscheidungen nicht möglich. Es gibt einen Streit um das Maß der Verbindlichkeit der bisher getroffenen Lehrentscheide.

Strategie

Eine Strategie für den Umgang mit den seit Jahrzehnten ausgetauschten Argumentationen zu entwerfen, fällt nicht leicht. Eine Zulassung von Frauen lediglich zu einem nicht-sakramentalen Dienst (ohne beispielsweise die Erlaubnis der Verkündigung des Evangeliums in einer eucharistischen Liturgie) erscheint vielen als nicht wünschenswert. Zugleich stellt sich die Frage, wie ein nicht-sakramental verstandener Diakonat der Frau angenommen und wahrgenommen wird, wenn er weltkirchlich eingeführt wird. Es bedarf aus Sicht der wissenschaftlichen Theologie einer grundsätzlichen Reflexion auf den gesamten amtlichen Dienst – gelebt von Frauen und Männern in dem einen sakramentalen Ordo.

Autor: Prof. Dr. Dorothea Sattler | Sprecherin des Sachbereichs "Pastorale Grundfragen" des ZdK & Dr. Dorothea Reininger | Mitglied des Ständigen Arbeitskreises "Pastorale Grundfragen" des ZdK

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