Salzkörner

Samstag, 31. Oktober 2015

Dialog mit den Nicht-Glaubenden

Spezifische Herausforderungen beim Katholikentag in Leipzig

X-mal schon ist es beschrieben: Der Osten Deutschlands ist neben Tschechien das am meisten säkularisierte Land Europas. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist religiös "unmusikalisch". Normal ist es, nicht weltanschaulich gebunden und hochresistent gegen alle "Missionsbemühungen" zu sein.

Meist werden folgende Ursachen benannt: Die Propaganda des atheistischen sozialistischen Staates wurde nicht müde zu betonen, dass Glaube unwissenschaftlich und gegen die Vernunft sei. Das wirkt immer noch nach, auch in der nächsten und übernächsten Generation. Wenn die Kirchen heute in Ostdeutschland wieder für den Glauben "werben" wollen, dann sei das so schädlich wie vieles andere aus dem Westen, das die Bürger der neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung überrollt hat. Und die schon im Mittelalter grundgelegte und seit der Reformation verstärkte spezifisch deutsche Verbindung von staatlicher und kirchlicher Macht führte dazu, dass die christliche Botschaft eher als ein Herrschaftsinstrument der Mächtigen denn als frohe Botschaft für die Armen erfahren wurde.

Herausforderungen

Diesen Zustand dürfen Christen nicht schönreden, zumal eine Umkehr dieser Lage nicht in Sicht ist. Man muss ihn ernst nehmen und als Chance begreifen. Die "Wüste" der Religionslosigkeit ist ein Ort, an dem Gott anwesend ist und an dem es gilt – wie Moses am brennenden Dornenbusch – die "Schuhe auszuziehen", statt gestiefelt und gespornt mit Glaubenssicherheiten daherzukommen. Immer wieder herausfordernd ist es, eine gemeinsame Sprache zu finden nach dem, was das Leben trägt, statt eine Kirchen-Insider-Sprache zu sprechen. Statt Nicht-Glaubende nur einzuladen, gilt es – wie Paulus seinerzeit in das Zentrum Athens – heute dorthin zu gehen, wo die Menschen wirklich sind. Die Herausforderung ist immer wieder, von Nichtglaubenden wirklich zu lernen, statt in den Tiefen des eigenen Herzens eigentlich überzeugt zu sein, dass Christen der eigenen Bekehrung nicht mehr bedürfen.

Erfahrungen in Leipzig

Wer sich auf einen anderen Menschen wirklich einlässt, geht aus dem Kontakt nie als der Gleiche heraus, als der er hineingegangen ist. Die Andere hat immer auch einen Aspekt der Wahrheit, der bereichern oder die eigene Position korrigieren kann. Das verunsichert bisweilen und macht Angst, aber wirklicher Glaube geht dabei nicht unter, sondern wird geklärt und gereinigt. Das eigene Revier zu verlassen bedeutet z. B. konkret:

- nicht nur zu Veranstaltungen in die eigenen Räume einzuladen, sondern hinauszugehen dorthin, wo die Menschen sind, die keinen kirchlichen Raum betreten würden.

- die Themen zu verstehen suchen, die die Menschen wirklich beschäftigen, und diese zum Ausgangspunkt eigener Angebote zu machen: die Schwierigkeit sich zu entscheiden, die verschiedenen Ängste, die Suche nach Sinn und Freude, die Auseinandersetzung mit Leid, mit Aggression und mit Einsamkeit.

- überzeugt sein, dass jeder Mensch, der sich ganz auf sich selbst einlässt, in sich die Spur Gottes findet, auch wenn er das nicht gleich Gott nennt und nicht in die Kirche kommt.

Die reizvolle Herausforderung in Leipzig liegt darin, beim Katholikentag solche Begegnungen zu ermöglichen zwischen nicht religiös Gebundenen und Glaubenden, damit heilsame Verunsicherung auf beiden Seiten geschieht, vielleicht auch Verständigung über gemeinsame Aufgaben wie Dienst am Mitmenschen, Option für die Armen und Sorge für Flüchtlinge.

www.orientierung-leipzig.de

 

 

 

Autor: P. Hermann Kügler Jesuit und Pastoralpsychologe Leiter der Kontaktstelle Orientierung in Leipzig

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