Salzkörner

Donnerstag, 30. Juni 2016

Die Kippa von Papst Franziskus

Judentum in christlichen Kinderbibeln

Der jüdisch-christliche Dialog der letzten Jahrzehnte hat das christliche Verständnis vom Judentum heute wie in biblischer Zeit maßgeblich verändert. Auch AutorInnen von Kinderbibeln machen sich Gedanken, wie Judentum in ihren Werken vorkommen soll. Im folgenden Artikel werden die verschiedenste Antworten bezogen auf die Illustrationen näher beleuchtet.

Jesus wird nur in wenigen Kinderbibeln als Jude illustriert. Jüdische Attribute sind Kippa, Tallit, eine hebräische Schriftrolle und Schläfenlocken. Die aus den Medien bekannteren Attribute Tallit und Kippa sind häufiger zu finden. Hebräische Schriftzeichen werden nur von wenigen als solche erkannt, geschweige denn gelesen. Schläfenlocken sind auch nur selten gemalt, obwohl sie klare jüdische Attribute sind. Bietet Jesus mit einer modernen Frisur eher eine Identifikationsmöglichkeit für Kinder?

Die jüdische Umwelt Jesu wird oft durch die Abbildung von Kippot verdeutlicht. Problematisch ist allerdings, wenn Jesus selbst eine andere Kopfbedeckung als die Schriftgelehrten oder eben gar keine Kopfbedeckung trägt. Dadurch werden Unterschiede zwischen Jesus und den ihn umgebenden Menschen ins Bild eingebracht. Diese Unterschiede können von heutigen Betrachtenden fälschlicherweise als Unterschiede in ihrer Religion interpretiert werden, gerade bei Bildern vom Tempel, der als explizit religiöser Ort erkannt wird. Problematisch ist auch schon grundsätzlich die Darstellung von Kippot in biblischen Geschichten als einem Anachronismus. Hier wird ein späteres Erkennungsmerkmal von Männern – und im heutigen Reformjudentum auch von Frauen – im Judentum fälschlicherweise in die Geschichte eingebracht. Es stellt sich die Frage, ob dieser Anachronismus die Umwelt Jesu unsachgemäß verfälscht oder ob er dazu dienen kann, Verbindungslinien in die Gegenwart des heutigen Judentums zu ziehen und daran zu erinnern, dass Jesus ein Jude war, wie es die Menschen der Gegenwart sind, die Kippot tragen.

Ein weiteres Problem ist, dass jüdische Jungen erst bei ihrer Bar Mizwa ihre Kippa zum ersten Mal tragen. Im biblischen Text wird von Jesus als Zwölfjährigem gesprochen. In diesem Alter dürfte Jesus noch nicht seine Bar Mizwa gefeiert haben. Neben diesen anachronistischen und textimmanenten Problemen ist fraglich, ob die Kippa überhaupt von heutigen Kindern als jüdisches Accessoire erkannt wird. Sehr bekannt aus den Medien ist bei Kindern Papst Franziskus, der oft einen weißen Pileolus trägt. Diese Kopfbedeckung ähnelt in frappierender Weise der Kippa Jesu in den Illustrationen von Lika Tov (Kinderbiebel "Auf dem Weg", Donauwörth 1996). So gesehen werden Jesus und seine Umgebung zwar als religiös, aber eben christlich interpretiert. Die Betonung der Kippa im Bild erzeugt gerade keine Kolorierung einer jüdischen Umgebung, sondern verstärkt eine christliche Interpretation, die gewiss nicht in der Intention der (jüdischen) Künstlerin liegt.

Die Illustration von Gebetsmänteln ist ambivalent zu bewerten. Tallitot weisen auf die jüdische Umwelt Jesu hin. Allerdings ist auch hier wie bei den Kippot wichtig, wer Tallitot trägt und wer nicht. Problematisch wird es, wenn Jesus umgebende Juden Tallitot tragen, er aber nicht. Die illustrierten Gegensätze können so interpretiert werden, dass Jesus als vermeintlicher Nicht-Jude mit den Juden in Streit gerät. Problematisch ist auch, wenn die Gebetsmäntel ohne Schaufäden gezeichnet werden, da dann die biblische Basis dieses Kleidungsstückes nicht mehr erkennbar und die Funktion nicht mehr deutbar ist. Für das Jude-Sein Jesu auf Bildern zu sensibilisieren, ist eine große Herausforderung. Es ist sehr zu begrüßen, dass sich immer mehr IllustratorInnen der Komplexität dieses Themas stellen und um Darstellungsmöglichkeiten ringen.

 

 

 

Autor: PD Dr. Marion Keuchen Vertretung der Professur Evangelische Religionspädagogik an der TU Dortmund

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