Salzkörner

Freitag, 19. Dezember 2014

Die Poesie des Unaussprechlichen

Verleihung des Kunst- und Kulturpreises an Ralf Rothmann

Eine Würdigung

 

Ralf Rothmann ist der diesjährige Preisträger des Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken. Am Freitag, dem 5. Dezember 2014 wurde er in München ausgezeichnet. Laudatorin war Staatsministerin Prof. Monika Grütters.

 

Wenn Jesus zurück auf die Erde käme ... – eine Gedankenspielerei, die zur Vorweihnachtszeit gehört wie Stollen und Spekulatius: Der große russische Schriftsteller Fjodor Dostojewskij hat daraus vor über 130 Jahren in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ ein Stück Weltliteratur gemacht. In der Legende vom Großinquisitor, die der leidenschaftliche Atheist Iwan Karamasow seinem gläubigen Bruder Aljoscha erzählt, mischt Jesus sich zur Zeit der Inquisition im spanischen Sevilla unter die Menschen. Man erkennt ihn sofort, und man jubelt ihm zu, bis der greise Kardinal-Großinquisitor ihn verhaften lässt. Jesus, so der Großinquisitor, habe kein Recht, zurück zu kehren und die Ordnung der römisch-katholischen Kirche zu stören – eine Ordnung, die die Menschheit erlöse von den Bürden der Freiheit. „Ich sage Dir, der Mensch kennt keine quälendere Sorge als die, einen zu finden, dem er möglichst schnell jenes Geschenk der Freiheit, mit dem er als unglückliches Geschöpf geboren wird, übergeben kann“, zürnt der Großinquisitor. „Nichts als Unruhe, Verwirrung und Unglück [ist] den Menschen zuteil geworden, nachdem Du soviel für ihre Freiheit gelitten hast!“

 

Gibt es jemanden, der grandioser gescheitert ist als Jesus? Diese Frage hat Ralf Rothmann einmal beiläufig in einem Interview fallen lassen, angesprochen auf das Scheitern seiner Figuren, für die das hehre Ideal der Freiheit beinahe unerreichbar scheint: Menschen, die unter der Last ihres Lebens ächzen, wie die Malocher, die sich den Ruhrgebietsboden unter den Füßen weggraben für das bisschen Glück eines bescheidenen Lebensstandards in der Trostlosigkeit der Eckkneipen, Imbissbuden und Schrebergärten. Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die plötzlich auf eigenen Beinen stehen müssen und keinen Halt finden in einer Erwachsenenwelt unverständlicher Zumutungen. Frauen und Männer, die sich mit der Ausweglosigkeit ihrer Existenz abgefunden haben - schicksalsergeben wie der abgehalfterte Zirkus-Tiger in der Erzählung "Der ganze Weg": „Er hatte sein Leben im Käfig verbracht und hielt die Stäbe für seine Streifen, oder umgekehrt.“ So kläglich, so erbärmlich, so brutal es dabei oft zugeht, so zart, so anrührend, so wundervoll zeichnet sich die Größe kleiner Leute manchmal in Rothmanns Prosa ab.

 

Biblische Motive und Melodien aus einer Welt hinter unserer Lebenswirklichkeit klingen dabei in vielen, allesamt auf ihre eigene Weise Herz ergreifenden Erzählungen Rothmanns an. Das Transzendente ist bei Rothmann verwoben mit der Wirklichkeit seiner Figuren, ein feiner goldener Faden selbst in derben, rauen Erzählstoffen. Wenn beispielsweise aus dem unerfüllten Begehren eines einsamen Halbwüchsigen plötzlich Empfindsamkeit für den Herzschlag der schlafenden Frau in seinen Armen wird - „als wäre da noch ein Puls unter ihrem Puls, ein zarterer, und auch der schien ein leises Echo zu haben“ -, dann entsteht einer dieser Rothmannschen Augenblicke stillen Glücks, wie ein kurzes Aufreißen des Himmels zwischen dunklen Wolken. Die Erzählung "Frischer Schnee" aus "Shakespeares Hühner"  endet mit dem Gedanken des Erzählers an das Gedächtnis des Schnees, der die Spuren der Tiere unter jeder Decke Neuschnee bewahrt, bis einsetzendes Tauwetter sie Schicht um Schicht wieder zutage fördert, um sie in eben jenem Moment endgültig der Vergänglichkeit preis zu geben – ein Aufscheinen des Lebens im Tod, das dem Erzähler mit der Hand auf dem Herzen der Schlafenden in den Sinn kommt.

 

Es sind solche atmosphärischen Bilder für die unergründlichen Geheimnisse des Seins, eingewoben in feinsinnige Beobachtungen des scheinbar Banalen, die Ralf Rothmann nicht nur zu einem wahren Meister der Erzählkunst machen, sondern auch zu einem Künstler, der den Blick weitet und die Sinne schärft für religiöse Erfahrungen. Was Poesie dazu beitragen kann, hat er in seiner Rede „Vollkommene Stille“ zur Verleihung des Max-Frisch-Preises auf eine Weise beschrieben, die uns die fehlende Empfänglichkeit für das Poetische und das Religiöse als Verkümmerung des vielleicht Menschlichsten in uns erkennen lässt: „[…] denken und formulieren kann man immer nur das Denkbare; in der Dichtung aber scheint auf, was sich nicht sagen lässt. […] im poetischen Satz ist die Welt für einen kurzen Augenblick am rechten Fleck, und der kennt keine Dualität und damit keine Entfremdung. Darum ist Poesie die Grundverfassung, der Elementarzustand unseres Lebens, der Bereich, in dem sein Herz schlägt und nicht der flache Puls der Prinzipien. (…) man muss absehen von der Sprache, damit die Welt wieder zu einem spricht.“

 

Die zentralen Figuren seiner Romane und Erzählungen, so bitter und grausam das Leben und die Mitmenschen ihnen auch mitgespielt haben mögen, sind unter all den Narben ihrer Seele empfindsam und empfänglich geblieben für das Unaussprechliche. Wie Ralf Rothmann ihnen im wahrsten Sinne des Wortes aus der Seele spricht, offenbart einen ebenso warmherzigen wie barmherzigen Blick auf den seiner eigenen Größe oft nicht gewachsenen Menschen. In ihren Versuchen, aus der beklemmenden Enge ihrer Welt heraus das Weite zu suchen, klingt auch die Zuversicht an, dass der Mensch, so sehr er ein Suchender, Zweifelnder, ein Irrender, ein Scheiternder bleibt, an den Bürden der Freiheit wachsen und sich dem Geschenk der Freiheit vielleicht manchmal sogar als gewachsen erweisen kann.

 

Weil eine Auszeichnung nicht nur den Preisträger schmückt, sondern immer auch ein besonderes Licht auf die Preisverleiher wirft, empfehle ich unserer Kirche einen ehrlichen Blick in den Spiegel. Wir sehen einerseits, wenig schmeichelhaft, eine Institution, die es in dem knappen Vierteljahrhundert, das dieser Preis mittlerweile auf dem Buckel hat, nicht geschafft hat, auch nur eine Frau als Einzelpreisträgerin auszuzeichnen. Das ist - mit Verlaub - beschämend, zeigt es doch auch im Verhältnis zu Kunst und Kultur einen Mangel an Wertschätzung für die Leistung von Frauen, wie wir ihn leider innerkirchlich nur zu gut in Form hartnäckigen Widerstands gegen eine respektvolle, eine gleichwertige Einbeziehung von Frauen, zum Beispiel gegen das so überfällige Diakonat der Frau kennen

 

Was wir im Spiegel des Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken aber auch sehen, ist eine Kirche, die durchaus lernfähig ist, was gesellschaftliche Entwicklungen betrifft. Nach Jahrhunderten der Degradierung der Künste zu „Dienstmägden der Theologie“ (eine Formulierung Dantes für die Wissenschaften), von denen man einen Beitrag zur Verbreitung der kirchlichen Lehre und Moral erwartete, hat die Kirche nicht zuletzt auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils ein Kunstverständnis entwickelt, das einen Austausch auf Augenhöhe ermöglicht.

 

Die Auszeichnung Ralf Rothmanns ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass nicht nur die Religion Inspirationsquelle für Künstlerinnen und Künstler sein kann, sondern dass umgekehrt auch die Kunst innerkirchliche Diskussionen und Lernprozesse anstoßen kann. Dass Rothmann uns am Beispiel der Schwachen, der Abgehängten zeigt, was Menschsein und menschliche Würde ausmacht, am Beispiel derjenigen also, denen der Großinquisitor in Dostojewskijs Legende unterstellte, dem Geschenk der Freiheit nicht gewachsen zu sein, ist ein Aspekt seines Werks, über den es sich gerade für Christen nachzudenken lohnt. Auch deshalb habe ich Dostojewskijs Großinquisitor in den Zeugenstand gerufen: als Zeugen einer Zeit, in der die katholische Kirche den eigenen Anspruch auf weltliche Macht und Autorität über die Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit stellte, und als Zeugen einer Versuchung, die auch heute nicht aus der Welt ist. „Häufig verhalten wir uns“, so hat es Papst Franziskus im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium formuliert, „wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“ In diesem Sinne verbinde ich mit Ralf Rothmanns Auszeichnung die Hoffnung, dass seine warmherzigen Texte beitragen zu einem tieferen Verständnis des Menschlichen - so wie es sein soll und so wie es ist.

Autor: Prof. Monika Grütters, MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, Sprecherin des ZdK für Kulturpolitische Fragen

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