Salzkörner

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Die neue Migration

Leben und arbeiten in Deutschland im Kontext der europäischen Freizügigkeit

Es ist kein Zufall, dass deutsche Politiker, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, derzeit in Spanien die in Deutschland gesuchten Fachkräfte anwerben. Das neue Gesetz zur Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen und die propagierte Entwicklung einer Willkommenskultur illustrieren den Paradigmenwechsel in der deutschen Einwanderungspolitik. Dem Bekenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, folgt derzeit die Erkenntnis, dass mittel- und langfristig nur über eine Zuwanderung der Bedarf an Fachkräften gedeckt werden kann. Aber was folgt daraus für die Integrationspolitik?

Deutschland etabliert sich als Krisengewinner in Europa. Laut EU-Kommission sind sieben von zehn jungen Spaniern derzeitig bereit, in anderen Ländern Arbeit zu suchen. Über ein Drittel aller Befragten geht dabei von einer langfristigen und auf Dauer angelegten Veränderung ihres Lebensmittelpunktes aus. In den beruflichen Profilen dieser jungen, leistungsorientierten Auswanderer spiegelt sich die sozio-ökonomische Entwicklung Spaniens seit dem EU-Beitritt: 40 Prozent der 25- bis 35-Jährigen verfügen über eine Hochschulausbildung oder vergleichbare Qualifikationen. Laut CEXT (Ciudadania Exterior, Internetportal von Auswanderern für Auswanderer) waren 2013 nicht weniger als 29,5 Prozent der spanischen Jugend auf der Suche nach Arbeit und Perspektiven im Ausland. Im krassen Gegensatz zu den Fakten gibt es in der Sprachregelung der spanischen Regierung derzeit keine Auswanderung, lediglich einige "Abenteurer".

Das Deutsche Bundesamt für Statistik registrierte in den ersten sechs Monaten des Jahres genau 19.057 Spanier, die nach Deutschland eingewandert sind, eine Zunahme von 29,9 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Zuwanderung aus den krisengeschüttelten Südstaaten der EU entwickelt sich recht unterschiedlich: Italiener: 27.895, plus 38,5 Prozent, Portugiesen: 7.612, plus 23,7 Prozent, Griechen: 15.718, minus 5,2 Prozent.

Es kommen Menschen

Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch mit Wünschen, Bedürfnissen und Sehnsüchten. Jeder sucht zunächst eine Lösung für sich und die Seinen. Über den Preis wird später verhandelt. Bedenklich und erschreckend sind dabei die aktuellen Erfahrungen der jungen, neuen Zuwanderer. Zwischen Theorie und Praxis der gegenwärtigen Willkommenskultur klafft eine erhebliche Lücke. Deutschland ist nicht auf diese neue Migration von EU-Bürgern im Kontext der europäischen Freizügigkeit vorbereitet. Der berühmte Ausspruch, dass man "Arbeitskräfte gesucht hat und es kamen Menschen", hat heute so viel Berechtigung wie in den 70er Jahren.

Wie wenig die Politik in Deutschland in Sachen Zuwanderung gelernt hat, zeigt sich am Beispiel der Migrationsberatung. Die Struktur der Sozialberatungsstellen für die "Gastarbeiter" hat man abgebaut und die neuen Migrationsberatungsdienste sind schon sprachlich selten in der Lage, die Fragen der Neuzuwanderer zu beantworten. Auch die vielgepriesenen Internetportale lösen kaum die konkreten Fragen und Probleme vor Ort.

Herausforderung für Kirche

Daher überrascht es nicht, dass die Neuzuwanderer aus Spanien Hilfe und Zuflucht in den Spanischsprachigen Katholischen Missionen und den Migrantenorganisationen wie dem Bund der Spanischen Elternvereine in der Bundesrepublik oder der AEF-Spanische Weiterbildungsakademie suchen, die durch ihre authentischen Migrationserfahrungen und sprachlich-kulturelle Nähe zu den ersten Anlaufstellen werden.

Vielfalt und menschliche Nähe sind für die katholische Kirche ein Wesenszug ihres Seins, für die sich engagierte Priester und ehrenamtliche Gemeindemitglieder täglich verbürgen und damit Vertrauenskredite schaffen. Diversity, eine neue Sprachschöpfung für Einheit in/trotz Vielfalt, ist für die Zivilgesellschaft ein mühsames Geschäft. In den Missionen und Migrantenorganisationen ist sie gelebte Wirklichkeit. Ihre Akteure sind die Zahnräder, die mit viel ehrenamtlichem Engagement das Integrationslaufwerk zum Laufen bringen. Für die teilweise orientierungslosen "Schiffe" der Verzweifelungsmigration sind sie Leuchttürme.

Das deutsche Meldewesen mit Angabe der Religionszugehörigkeit ermöglicht es den Missionen, die Einwanderer wahrzunehmen. Grund genug, ihnen ein Bienvenid@/Willkommensgruß mit Grundinformation zukommen zu lassen. So sind in den letzten drei Monaten 595 neu Zugezogene im Bereich der spanischsprachigen Mission Köln/Bonn angekommen. Kein Gradmesser, aber sicherlich ein Indiz für die Anziehungskraft der Gemeinden ist die Anzahl der Gottesdienstbesucher der Gemeinde Köln/Bonn, die von 248 im Jahr 2011 auf 354 im Jahr 2012 angestiegen ist.

Das Gemeindeleben verändert sich dadurch. Die pastoralen Anforderungen an eine sich stetig ändernde und wachsende Gemeinde unterscheiden sich wesentlich von denen einer eher festen Gemeinde. Nach der ersten Adventsmesse 2013 in St. Winfried blieben über 100 Gottesdienstbesucher zum gemeinsamen Essen nach dem Gottesdienst. In St. Barbara in Köln waren es 140 Gäste. Rund 20 Helfer machten das möglich. Das schafft ohne Zweifel Gemeinschaft, stellt aber zugleich auch hohe Anforderungen an ein aktives Ehrenamt, besonders an die Mitglieder der Räte.

Modellprojekt

"Bienvenid@s-Willkommen in Baden-Württemberg", so heißt das Projekt der Academia Española de Formación – Spanische Weiterbildungsakademie e. V. mit Sitz in Bonn. Die AEF, 1984 gegründet, entstand aus dem Kontext der "Gastarbeitermigration” als Reaktion auf das Fehlen geeigneter Bildungsangebote für Migranten und der benötigten Unterstützung bei der Selbstorganisation zur gesellschaftlichen Teilhabe in Deutschland. Ziel des Projekts "Bienvenid@s-Willkommen in Baden-Württemberg" ist es, Fachkräfte und junge, leistungsorientierte neue Zuwanderer aus Spanien in Baden-Württemberg willkommen zu heißen und ihnen eine erfolgreiche Erstintegration zu ermöglichen. Dazu gehört vor allem die Hinführung zu den bestehenden Institutionen und Beratungsstellen wie den Anerkennungsstellen für im Ausland erworbene Berufsabschlüsse, Information über die Themen "Leben und Arbeiten" in Baden-Württemberg, Herstellung von Kontakten zu Unternehmen sowie eine sprachlich-kulturkompetente Begleitung für die Eingliederung in das soziale Leben vor Ort. Das Projekt hat seinen Sitz in Hornberg. Die Umstände der Eröffnung des Projektbüros im Mai 2013 illustrieren den Bedarf und die Dynamik des Projekts. Bevor die Büromöbel aufgebaut waren, standen die ersten Rat- und Hilfesuchenden buchstäblich vor der Tür. Dazu meldeten sich die ersten Unternehmen aus der Region.

Befragt man die Neuzuwanderer nach ihren ersten Erfahrungen in Deutschland, so zeigen sich schnell die Widersprüche in der deutschen Politik. Die Entwicklung und Maßnahmen der Anerkennungs- und Willkommenskultur in Deutschland stehen nicht nur am Anfang, sondern entstammen anscheinend dem Werkzeug- und Baukasten der alten Firma "Abschreckungskultur". Ohne das Projekt "Bienvenid@s" verlieren Neuzuwanderer unglaublich viel Zeit und Ressourcen in der ersten Ankunftsphase in Deutschland alleine dadurch, dass man ihnen keine klaren Hilfestellungen gibt, sich in dem institutionellen Geflecht von Behörden und Anträgen zurechtzufinden. Ein Infopaket ist gut, nutzt aber wenig, wenn man der Person zum Beispiel nicht erklärt, was ein Integrationskurs ist und wie der deutsche Antrag zur Teilnahmeberechtigung auszufüllen ist.

Das Projekt "Bienvenid@s" wird von den Migrantenorganisationen unterstützt. Der Spanische Elternverein von Hornberg organisiert neben anderen soziokulturellen Aktivitäten einen Deutschkurs. Einen Integrationskurs sucht man vergebens in der Region. Es ist beinahe eine Ironie des Schicksals. Ohne sich dessen bewusst zu sein, verfügt Deutschland durch die Missionen und die Elternvereine aus der Zeit der "Gastarbeitermigration" über ein enormes kulturelles Kontakt- und Sozialkapital. Als Akteure der Zivilgesellschaft sorgen sie buchstäblich dafür, dass die Anerkennungs- und Willkommenskultur in Deutschland erfahrbar wird.

Die Politik ist gefragt, ihren Worten Taten folgen zu lassen und in Deutschland eine Anerkennungs- und Willkommenskultur mit Leben zu füllen. Eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration kann nur gelingen, wenn die soziale und gesellschaftliche Integration und Akzeptanz gleichermaßen vollzogen werden.

 

 

 

 

 

Autor: José Alberto Haro Ibáñez Mitglied des ZdK für den Bundespastoralrat der Katholiken anderer Muttersprache

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