Salzkörner

Montag, 30. August 1999

Die neuen Herausforderungen annehmen

Der deutsche Katholizismus und die Bundeshauptstadt Berlin
Berlin wird in seiner neuen Funktion auch zu einem herausragenden Standort für den deutschen Katholizismus. Das ZdK wird diese neue Situation nicht einfach nur zur Kenntnis nehmen, sondern es begreift sie vielmehr als Chance, dem Wirken der Christen in Gesellschaft und Politik neue Anstöße zu geben. 1. Die Grundlage bleibt unverändert Die Grundkoordinaten der deutschen Politik werden sich durch den Umzug nach Berlin nicht ändern. In der Erklärung des ZdK aus Anlaß des 50. Jahrestages der Verabschiedung des Grundgesetzes heißt es, die Entstehung des Grundgesetzes als rechtliche Grundlage des deutschen Staates sei von drei großen Antithesen geprägt worden: Aufgrund der bösen Erfahrungen mit der Nazi-Diktatur, dem Unrechtsstaat schlechthin, setzten die Autoren des Grundgesetzes auf die Herrschaft des Rechts. Aus der Erfahrung der nur halbherzig parlamentarischen Weimarer Republik zogen sie die Konsequenz einer Stärkung der Exekutive – die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Die Betonung der Persönlichkeitsrechte, der Privatinitiative, der marktwirtschaftlichen Freiheit und Sozialstaatspflicht zeugen von dem Willen zur Abgrenzung gegenüber den sozialistischen Herrschaftssystemen und dem Ehrgeiz der Bundesrepublik, politische Alternative zum NS-Staat und zum DDR-Staat zu sein. 2. Der Föderalismus ist konstitutiv Deutschland war immer ein föderales Gebilde. Zentralistische Perioden sind untypisch für unsere Geschichte. Andere Nationen erkennen und spiegeln sich in ihren Hauptstädten wider. In der deutschen Geschichte fehlt ein ähnliches, die politischen und kulturellen Kräfte sammelndes Zentrum, die Adressen der deutschen Hauptstädte wechseln durch die Geschichte hindurch. Neben der Hauptstadt standen immer andere Zentren, und keine Stadt repräsentierte auf längere Zeit das ganze Deutschland – nicht politisch und schon gar nicht kulturell. Staatlichkeit ist in Deutschland seit Jahrhunderten nicht ohne die Länder denkbar. Diese Ordnung hat sich auch nach 1945 und nach 1989 wieder hergestellt. Die Bundesrepublik ist eine Schöpfung der Länder, nicht umgekehrt. Diese föderale Tradition Deutschlands und deren konstitutionelle Verankerung im Grundgesetz sind Anlass zur Gelassenheit beim Blick auf den Wechsel nach Berlin und nehmen die Sorge, Berlin könne zur zentralistischen Metropole Deutschlands werden. 3. Politikfähig sein und Akzente setzen Gelassenheit gilt beim Blick auf Berlin auch für den Katholizismus; denn auch er ist föderal – oder um es theologisch auszudrücken – ortskirchlich strukturiert. Seine regionalen Ausgestaltungen verleihen ihm als Sozialkörper, als Körperschaft seine Kraft. Er setzt sich zusammen aus Menschen, die an Gott glauben, die sich im Alltag zu ihrer christlichen Motivation bekennen, die in sehr unterschiedlichen Lebens- und Tätigkeitsfeldern stehen und die sich zusammenschließen, um an einer menschengerechten Gesellschaft zu arbeiten.Für das Wirken der Christen in der neuen Bundeshauptstadt folgt daraus, dass es vor allem um eine lebendige Wechselbeziehung zwischen dem Katholizismus in den einzelnen Regionen Deutschlands und der adäquaten Präsenz in Berlin ankommt. Denn in Berlin kann nur wirkmächtig werden, was in den einzelnen Regionen lebendig ist. Andererseits kann der Katholizismus seine regionalen Stärken im Bund nur zur Geltung bringen, wenn er sich in Berlin als politikfähig erweist und entsprechende Akzente setzt. 4. Ansprechpartner ist die Gesellschaft insgesamt Es kann dabei nicht darum gehen, zu allem und jedem etwas zu sagen und dem politischen Tagesgeschäft hinterher zu hecheln. Dies würde die Kräfte des Katholizismus ebenso überfordern wie es an der fortdauernden Demontage der Politik mitwirken würde, die im wesentlichen darin besteht, dass die Ursachen aller Probleme beim Staat und den politisch Handelnden allein gesehen werden und eben nicht bei der Gesellschaft bzw. bei der Bürgerschaft insgesamt. Es kommt deshalb vor allem auf eine kritische Begleitung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Grundströmungen jenseits des unmittelbaren Tagesgeschäftes an. Ansprechpartner für den deutschen Katholizismus ist die deutsche Öffentlichkeit und nicht nur die vielzitierte politische Klasse oder gar nur die Bundesregierung. Wirkliche Reformansätze und Veränderungen werden in einer freien Gesellschaft eher von Kräften, die sich als argumentations- und organisationsfähig erweisen und so ihre Anliegen zur Geltung bringen, angestoßen als durch "Anweisungen von oben". 5. In Politik und Administration sich engagieren Auf der politischen und administrativen Ebene steht und fällt die Wirksamkeit einer Politik aus christlicher Verantwortung mit der Bereitschaft von Christen, sich in Politik und Administration zu engagieren und sich der Mühsal des politischen Tagesgeschäftes zu unterziehen. Verließe sich der Katholizismus darauf, Politik nur aus einer Tribünenhaltung heraus zu kommentieren oder politischen Lobbyismus zu betreiben, so wäre es um die Tradition des politischen Katholizismus und um seine Wirksamkeit geschehen. Die neue Situation in Berlin muss und wird Christen dazu bewegen, aus ihren Kontexten heraus sich politisch zu engagieren. 6. Zur Werteverständigung beitragen Das ZdK will derartig Engagierten eine Heimat geben und versteht sich als politisches Forum, in dem vorbildhaft für Gesellschaft und Kirche das Gespräch und die Auseinandersetzung zu den grundsätzlichen Sachfragen unserer Zeit gesucht werden. So kann es zu einer notwendigen Werteverständigung in Gesellschaft und Kirche beitragen und konkrete Aktionen anregen bzw. unterstützen. Das Werteverständnis, ausgehend vom Verständnis des Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes und konzentriert auf den Grundwert der Würde eines jeden Menschen, muss sich in konkreten Anwendungsfeldern bewähren, um nicht wirkungslos zu verpuffen. Sachkompetenz und eigenständiges Profil sind dabei Kennzeichen, die öffentlichen Äußerungen des Katholizismus Wirksamkeit verleihen und die in einem Gremium wie dem ZdK erarbeitet werden können, weil es sich aus Mitgliedern zusammensetzt, die in sehr unterschiedlichen beruflichen und ehrenamtlichen Feldern tätig sind. 7. Die Europäische Union ist ein ethisches Projekt Wie notwendig in einer auf Kommunikation angelegten Demokratie Beiträge grundlegender Art sind, lässt sich verdeutlichen: Als sich in diesem Frühjahr die Lage im Kosovo zuspitzte und die NATO sich gezwungen sah militärisch einzugreifen, um dem nationalistischen Diktator Milosevic mit seiner menschenverachtenden Politik der sogenannten ethnischen Säuberung Einhalt zu gebieten, wurde die bundesrepublikanische Öffentlichkeit jäh aus ihrem außenpolitischen Dornröschenschlaf gerissen. Allzu sicher war man sich in Deutschland gewesen, man werde mit der Frage nach Krieg und Frieden im europäischen Kontext nichts zu tun bekommen. Die öffentliche Debatte über die Rolle Deutschlands spiegelte dann die Ratlosigkeit und die nicht stattgefundene Auseinandersetzung über unsere Verantwortung für Frieden, Freiheit und Menschenrechte auf diesem Kontinent wider. Es sollte sich rächen, dass allzuviele die europäische Integration eher als einen wirtschaftlichen Prozeß mit guten Dividendeaussichten ansahen und die Motivation zur Gründung des politischen Europa, ein zutiefst ethisches Projekt, mehr und mehr aus dem Blick geriet. 8. Sich mit Eigenständigkeit und Profil einbringen An solchen und anderen Beispielen ließe sich zeigen, wie notwendig Beiträge des Katholizismus zu Diskursen sind, die zum Kern der Auseinandersetzung führen. Föderale Stärke einerseits, welche die Vielfältigkeit und Kreativität der gesellschaftlichen und kirchlichen Vorgänge zum Tragen bringt, und die spezifische Rolle Berlins andererseits, wo sich von jetzt an die nationale, vor allem politische Umsetzung bündelt, sind keine Gegensätze. Sie weisen dem Katholizismus vielmehr die Chancen, sich offensiv und entschlossen, mit Eigenständigkeit und Profil in die anstehenden Debatten einzubringen.

Autor: Dr. Rolf Schumacher, Leiter des politischen Referates und der Arbeitsgruppe Kirche und Gesellschaft im Generalsekretariat des ZdK

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