Salzkörner

Montag, 31. Oktober 2011

Die spirituelle Dimension von Raum

Fragte man mich, was der Schöpfer bezweckt habe,
als er alle Geschöpfe schuf, ich antwortete: RUHE.
Und wer mich wieder fragte, was alle Geschöpfe in ihrem natürlichen
Begehren suchten, ich müsste sagen: RUHE.
Wer mich zum dritten Male fragte, was die Seele in aller ihrer Bewegung
suche, ich müsste immer antworten: RUHE. – Alle Geschöpfe suchen RUHE
ob sie es selber wissen oder nicht ...
So viel die Seele in Gott ruht, so viel ruht Gott wieder in ihr. Ruht sie zum
Teile in ihm, so ruht er in derselben Art in ihr. Ruht sie ganz in ihm, so ruht er wiederum ganz in ihr ...
aus: Meister Eckhart, Predigt 45

Jeder von uns hat schon die Erfahrung gemacht, an einem heißen Sommertag aus dem gleißenden Licht einer pulsierenden, staubigen Stadt in eine Kirche einzutreten, in der es kühl und still ist. Die Atmosphäre ist überwältigend. Man bleibt stehen, vielleicht sinkt man erschöpft auf eine Bank und lässt die Stimmung auf sich wirken. Nur um aus dem Alltag ein Stück auszutreten und andere Gedanken zuzulassen, sich an Gott und die Welt zu erinnern und an sich selbst. Wir alle suchen und verlangen nach einer spirituellen Sinnesempfindung, in diesem Augenblick sind wir offen, sie zu fühlen. Aus dieser Erfahrung heraus unterstützt ein Kirchenraum die Erwartung, so ein Gefühl zuzulassen.

Aber, es ist auch mehr als dieser erste Sinnesreiz, der sich aus Erfahrung und Erwartung schöpft. Es ist die Atmosphäre des Raumes, die Abstrahlung der Raumbegrenzung, das Taktile der Oberfläche, die Materialität, das gerichtete Licht, die Schatten, die starken Kontraste, das Umschlossen-sein im Raum. Zwischen innen und außen gibt es eine große Klarheit, eine scharfe Grenze mit einer Schwelle dazwischen, die auch ein eigenständiger Raum – wie bei einem Narthex – oder auch ein Hof, ein Atrium sein kann. Der Raum ist ein kleines Universum, ganz unabhängig vom architektonischen Charakter, unabhängig vom Baustil und auch unabhängig von der Größe. Hier gibt es eigene Regeln und Gesetze. Der Raum besitzt seinem Zweck entsprechend eine Eindeutigkeit, was nicht unbedingt bedeutet, dass er räumlich einfach zu verstehen ist. Ganz im Gegenteil, ein Kirchenraum kann schlicht und klar sein, aber er kann auch ein komplexes Gebilde ineinander gewebter Orte sein, die sich erst über den Weg erschließen lassen. Es ist so schön, dass es keine einfache Antwort darauf gibt, was die Qualität eines Raumes ausmacht. Durch eine widersprüchliche Parallelität und eine Gleichzeitigkeit von Verschiedenem werden scheinbare Gewissheiten aufgebrochen. Architektur hat sich in ihrer Gestalt immer auf Haupt- und Nebenwegen entwickelt, und das ist eine Chance, sich auf Neues einzulassen.

Ich bin überzeugt, dass wir Menschen stark auf Kontraste reagieren. Wir brauchen die Enge, um eine Weite erkennen zu können, wir brauchen den erfahrbaren Übertritt von dem einen zum anderen. Damit wird die Schwelle zum Thema, die sich hart als Grenze oder weich als fließender Raum zeigen kann, als Schnittstelle oder als eigenes Element. Wir spüren erst die Enge nach der Weite, auch Helligkeit wird erst im Wechsel mit der Dunkelheit erlebbar. Stille und Klang, Schwere und Leichtigkeit sind gleichberechtigte Elemente für das jeweilige Erleben. Wir brauchen den Ausblick nach draußen und müssen auch nach innen konzentriert werden.

Ausgehend von der Anfangsszenerie scheinen wir immer noch über den Kirchenraum zu sprechen, den Ort, der zur Suche nach unserer Spiritualität einlädt. Aber es ist gleichzeitig eine Suche nach der "inneren Kammer" oder der "inneren Burg", der Teresa von Avila nachging. Wir benutzen die Metapher "Raum", um uns die Seele, unser Innerstes, visualisieren zu können, überhaupt greifbar machen zu können. Wir sind zwar gewohnt von Raum zu sprechen, aber eigentlich lässt sich Raum nicht materialisieren. Ein Nichts wird durch Nicht-Raum, durch Materie erst zum Raum, durch Wände, Decken und Kanten. Masse und Raum sind zwei sich ergänzende Seiten der gleichen Medaille. Raum ist etwas hochabstraktes, an das wir uns so einfach gewöhnt haben. Die Analogie Mensch und Körper, als Behältnis vieler Räume und unendlicher Wege, wurde als Erklärungsmuster und Ordnungsprinzip durch die Architektur- und Kunstgeschichte hindurch mit Architektur in Verbindung gebracht.

Bleiben wir bei der Architektur, die trotz vieler Gebäude, trotz allem was uns umgibt, als Baukunst so selten ist und doch immer wieder angestrebt wird. Bleiben wir beim Kirchenraum, aber nur weil es einfach so ein wunderbares Beispiel ist, bei dem alle Aspekte von Architektur in konzentrierter und in überhöhter Form vorkommen: die städtebauliche Dimension, die Wechselwirkung zwischen Stadtstruktur und Bauwerk, die Zeichenhaftigkeit, die Hülle, der Eingang, die Schwelle, der Weg im Raum, das Licht als tragendes Element für den Raum, die Materialität der Raumbegrenzung, die Details, die Atmosphäre und der architektonische Charakter, bestimmt für die Aufgabe. Die große Herausforderung beim Kirchenbau für eine Stadt in dieser Zeit ist es, einen neuen Ausdruck von Kirche finden zu können, trotz der starken Tradition und auf Basis der starken Tradition. Denn ein Festgelegtsein, wie etwas auszusehen hat und sich dabei auf die Tradition zu berufen, kommt einer Strangulierung des kreativen Geistes gleich. Deswegen gibt es glücklicherweise, neben den vielen blutleeren Repliken von historisierenden Kirchenräumen des 19./20. Jahrhunderts und den lauten, überzogenen Gegenreaktionen, auch herausragende architektonische Beispiele, deren bauliche Neuinterpretation vielleicht auch eine Reflexion des Glaubens bedeuten könnte. In jedem Falle sind sie ein Gewinn für eine neue architektonische Erfahrung.

Weniger dramatisch, weniger überhöht und weniger belastet mit einem gewichtigen Thema stellen sich bei jeder Bauaufgabe genau diese Fragen, auf die eine architektonische Antwort gefunden werden muss. Eine Schule beispielsweise ist natürlich keine Kirche, nur dass die gestalterische Umsetzung der Aufgabe angemessen wirksam werden muss. Sie haben eine Relevanz für die innere Gestalt und die äußere Wirkung eines Gebäudes. Das macht Architektur aus, und das ist nicht nur einer Kirche vorbehalten, wenn wir Architektur nicht als ein materialisiertes Funktionsdiagramm missverstehen wollen.

Das Neue im Bekannten zu finden, eine Einmaligkeit zu erzeugen, kann für jedes Gebäude einen Hauch von Spiritualität bewirken. Sicher ganz leise, manchmal so leise das es niemand spürt, vielleicht selbst der Architekt nicht. Vielleicht ist die Begrifflichkeit von Spiritualität hier überstrapaziert, aber jedes architektonische Projekt braucht Charakter und ein Gefühl für Raum. Viele Ideen und Komponenten braucht es, um genau das zu erreichen.

Der herausragende Architekt, braucht wie der Künstler generell, auch einen "avantgardistischen Spürsinn fürs Relevante", eine Fähigkeit, die Jürgen Habermas den Intellektuellen zuschreibt. Die eigentliche Herausforderung ist die Gratwanderung, wie das Relevante mit Spürsinn in Architektur, in Raum und Körper, in Material und Detail umgesetzt wird.

Die Fähigkeit des Architekten zeigt sich darin, ein Programm zu studieren, die Bedürfnisse der Auftraggeber ernst zu nehmen, diese mit der Distanz des Außenstehenden neu zu lesen und zu verstehen, versteckte Qualitäten eines Ortes aufspüren, um dafür einen eigenen architektonischen Ausdruck zu finden. Ein Ausdruck, der auf den Ort zugeschnitten ist und nur dort seine Wirkung entfalten kann. Dem verschreckten Zeitgenossen empfiehlt Sir Simon Rattle, Dirigent der Berliner Philharmoniker, ein mehrfaches Hören, um den Schrecken des Neuartigen zu überwinden. Die Architektur darf Erstaunen und auch Befremden hervorrufen, sie soll überraschende, vielleicht nicht sofort durchschaubare Konstellationen erzeugen und die stilistischen und intellektuellen Herausforderungen ihrer Zeit annehmen. Im besten Falle ist es genau dieser räumliche Ausdruck, der es den Menschen ermöglicht, der eigenen inneren Kammer näher zu kommen.

Dem diesjährigen Nobelpreisträger für Literatur, Thomas Tranströmer, wird nachgesagt, er entziehe die Sprache der Nutzbarkeit. Die Architektur muss immer nutzbar sein, aber eben nicht nur, sie hat im besten Falle eine spirituelle Wirkung auf uns.

Der Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken im Bereich Architektur hat diesmal einen Architekten gefunden, der diesen hohen Anspruch mit seiner Architektur auf das Beste bedient. Seine Architektur zeigt so eindringlich und überzeugend, dass eine spirituelle Dimension sich nicht ausschließlich auf einen Kirchenraum beschränkt, sondern auch andere Themen in der Architektur findet. Es ist programmunabhängig. Und es ist berührend.

Autor: Prof. Hilde Léon, Architektin

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