Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Dr. Christoph Münz, Greifenstein


Ein Heiliger, so wird erzählt, hörte einst von der bösen Stadt Sodom. Da er ein Heiliger war, ging er in die Stadt voller Liebe und Mitgefühl für ihre Einwohner. Als er um sich herum überall Bosheit sah, begann er täglich zu predigen zu bitten und zu protestieren. Nachdem er dies viele Jahre tat, fragte ihn ein Freund: "Wozu die ganze Mühe? Du hast sie nicht um ein Haar verändert!". Der Heilige antwortete: "In dieser Stadt des Wahnsinns und der Sünde muß ich immer wieder anfangen zu schreien, zu bitten und zu protestieren - nicht, damit diese werden wie ich, sondern damit ich nicht werde wie sie."

Warum ist mir der jüdisch-christliche Dialog wichtig? Weil er mir Begegnungen und Einsichten geschenkt hat, die dem Wahnsinn aus Hass und Gewalt, von Vorurteilen und Missgunst, die Erfahrung entgegensetzt, den Anderen und seine Andersartigkeit als bereicherndes Geschenk und nicht als räuberische Bedrohung zu erleben.


Weil er mich gelehrt hat, jenen, die Geschichten zu erzählen wissen, mehr zu vertrauen, als jenen, die mit Ideologien handeln.

Weil er mich gelehrt hat, bei aller Sehnsucht nach Antworten, die Fähigkeit zu fragen nicht zu verlieren, die Fähigkeit, Antworten immer wieder in Frage zu stellen.

Weil er mich gelehrt hat, mich vor jenen in Acht zu nehmen, die von mir ein "entweder - oder" einfordern, und stattdessen die reife Gelassenheit derer zu entdecken, die "sowohl-als auch" sagen.


Weil er mich gelehrt hat, jenen zu misstrauen, die mir endgültige Wahrheiten verkaufen wollen, weil endgültige Wahrheiten immer zu endgültigen Lösungen, zu Endlösungen führen und mithin "Wahrheiten" sind, die nach Blut, Gas und Feuer schmecken.

Weil er mich gelehrt hat, nicht jenen Ideologen und Predigern zu erliegen, die Menschen in schwarz und weiß, gut und böse, gläubig und ungläubig, in Fremde und Freunde, in "die da" und "wir hier" einteilen und damit dem Teufel die Arbeit abnehmen.

Weil er mich gelehrt hat, nicht alle Menschen lieben zu müssen, nicht diejenigen, die ich nicht mag, und auch nicht diejenigen, deren Meinung und Glauben ich nicht teile, aber bei alledem nie zu vergessen, dass auch sie die gleiche Luft atmen wie ich und dass mein Blut nicht röter ist als das ihrige.

Weil er mich also gelehrt hat, Achtung zu haben vor dem Leben eines jeden Menschen, den aufzuziehen und zu ernähren, zu lieben und zu ertragen so viel Zeit und Kraft und Geduld fordert - und es doch nur den Bruchteil einer Sekunde bedarf, um so ein Leben mit all seinen Schwächen und Vorzügen, seinen Ängsten und Hoffnungen auszulöschen wie eine Ameise, die man achtlos am Wegrand zertritt.

Weil er mich gelehrt hat, von falschen Illusionen Abschied zu nehmen. Die Welt ist ungerecht, also sollten wenigstens wir gerecht sein. Die Geschichte ist unbarmherzig, also sollten wenigstens wir Barmherzigkeit üben. Das Leben ist sinnlos, also sollten wenigstens wir ihm einen Sinn geben.


Warum mir der christliche-jüdische Dialog wichtig ist? Weil der Dialog, das Gespräch, die Begegnung einer der wenigen verbliebenen Orte auf dieser Welt ist, an dem ein Vorgeschmack jenes Friedens möglich ist, auf den wir alle hoffen. Schalom!

 

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