Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Dr. Edna Brocke, Krefeld


Auf der Ebene der theologischen Erkenntnisse wurde in den Anfangsjahren des Dialogs sehr viel erreicht. Inzwischen stellt sich aber die Frage, ob und wie diese neuen Einsichten an Jüngere bzw. an sehr viele Menschen weitergegeben werden können, um sie vor einer Trägheit des Bequemen zu bewahren.
Auf der Ebene der politischen Auswirkungen solcher neuen Einsichten scheint mir der seit einigen Jahren eingeschlagene Weg in eine falsche Richtung zu weisen. Hier wäre es sinnvoll die modische Frage nach dem Anderen bewusst aus dem Zentrum des intellektuellen Diskurses zu entfernen. Der jüdische Philosoph Alain Finkielkraut hat bereits 2003 die Thematik in seinem kurzen Essay ganz anders aufgeworfen: "Au nom de l´Autre: Réflexions sur l´antisémitisme qui vient"– überschrieb er seine Gedanken/Sorgen damals, eben nur ganze elf Jahre vor dem antisemitischen und judenfeindlichen Tsunami des Sommers 2014, der ganz Europa überzog, so als habe es keine neuen Erkenntnisse gegeben…
Auf der menschlichen Ebene scheint mir eine Fortsetzung des christlich-jüdischen Dialogs in einem erweiterten Rahmen, also jenseits des deutschsprachigen Raumes, angesagt. Sowohl (katholische) Christen als auch Juden haben langjährige kulturelle, philosophische, theologische Traditionen in der weiten Welt, jenseits auch von Sprachbarrieren oder Staatsgrenzen.
Auch wenn wir gefragt wurden, was der "jüdisch-christliche Dialog" für jeden von uns bedeutet, kann ich als Jüdin nur vom christlich-jüdischen Dialog sprechen, denn damit wird die konstitutive Asymmetrie von Beginn an deutlich sichtbar. Sie und die bleibenden weiteren Differenzen müssen sichtbar bleiben, wollen alle Beteiligten sich selbst sowie ihrer jeweiligen Tradition treu bleiben. Dass es sowohl für Christen als auch für Juden natürlich viele Traditionen gibt, ändert hieran nichts.
Wichtig ist mir dieser Dialog aber auch deshalb, weil er vor der Deutungsfalle bewahren könnte, jenseits dieses Gesprächspaares einen Dialog zu Dritt als reale und realistische "Erweiterung" zu wünschen. Ein christlich-muslimischer Dialog, ein muslimisch-jüdischer Dialog – das sind mögliche Paare, die unabhängig vom christlich-jüdischen Dialog Gestalt annehmen können; aber jenseits der drei Paare sollten keine Illusionen geweckt werden – schon gar nicht auf ein "Weltethos", dass – wenn es im messianischen Zeitalter käme, die Welt befrieden könnte.


1    Alain Finkielkraut: "Au nom de l´Autre: Réflexions sur l´antisémitisme qui vient." Editions Gallimard, Paris 2003.

 

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