Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Dr. Norbert Reck, München


Das Christentum ist eine exzentrische Religion. Das heißt nicht, dass alle Christen Exzentriker wären – das Modell Biedermann schlägt hier oft stärker zu Buche –, es heißt aber, dass das Christentum sein Zentrum außerhalb seiner selbst hat. Sein Zentrum ist jener Gott, zu dem auch Jesus von Nazareth betete: der Gott Israels.

Diese Grundspannung, diese bleibende Bezogenheit auf den Gott anderer, gibt es in dieser Form nirgendwo sonst. Und mir scheint, dass in dieser Konstellation Fluch und Segen, Unglück und Glück ineinander verschränkt und beschlossen liegen.

Offenbar empfanden es manche Christen schon bald als einen Makel, keinen "eigenen" Gott vorweisen zu können, und sie redeten entweder davon, dass sie den Gott Israels besser verstanden hätten als die Juden, oder sie konstruierten sich doch einen "christlichen Gott", den "Gott der Liebe", der weit über dem "Kriegs- und Rachegott" Israels stehe. Hier war der eine Versuch so fatal wie der andere – und beide haben Anhänger bis in unsere Gegenwart.

Wo also diese Konstellation, diese Bezogenheit auf den Gott Israels, verleugnet oder überwunden werden soll, wird der Fluch wirksam und erzeugt Judenhass und besserwisserische, sich von ihren Wurzeln abschneidende oder bestenfalls langweilige christliche Theologie.

Wo diese Konstellation hingegen anerkannt und bejaht wird, kann sie zur Quelle von Segen werden. Sie führt nicht nur zur Entdeckung der Tiefe der Gotteserzählungen Israels und auch nicht nur zur Wiedergewinnung der Welthaftigkeit des Christentums, die, wie die Dialogliteratur gerne festhält, im Judentum besser entwickelt sei. Die Einsicht, dass Gott immer "außerhalb" ist, dass man seiner nicht inmitten der eigenen Tradition habhaft werden kann, führt vor allem zu einem gänzlich anderen Leben vor und mit diesem Gott. Sie führt zu einem Leben mit Gott, den man nur beständig suchen, niemals aber in Besitz nehmen oder definieren kann.

Ist damit eine weitere der oft apostrophierten Asymmetrien zwischen Kirche und Israel beschrieben? Orientieren sich die Christen – bewusst oder unbewusst – an einem "Gott von außerhalb", während die Juden hier nun doch einen "eigenen Gott" vorweisen können? Eher nicht; eine solche Asymmetrie würde zu bedenklichen Schiefheiten im jüdisch- christlichen Dialog führen (und sie tut es auch oft genug): zur christlichen Israel-Romantik anstelle eines ernsthaften Gesprächs, zur nie ganz ehrlichen christlichen Unterwürfigkeit gegenüber den jüdischen "Gottbesitzern". Doch wenn ich recht sehe, war vom Gott Israels im Judentum niemals in der Form eines Genetivus possessivus die Rede; der Gott Israels war nie Israels "eigener" Gott, niemals nur der "Stammesgott", von dem so viele Judenfeinde faseln. Nicht der Gott, der einem gehört, sondern der Gott, dem man gehört. Im Judentum war und ist Gott melech ha-olam – ein Anspruch, der weit über Israel hinausreicht. Ein Gott, der gewiss das Elend seines Volkes in Ägypten gesehen und sein Leid erkannt hat (Ex 3,7), dabei aber immer unverfügbar, nicht manipulierbar, unbestechlich bleibt: ebenfalls gewissermaßen ein Gott "von außerhalb".

So wird man also bestenfalls von asymmetrischen Wegen zum Gott Israels sprechen können, auch von unterschiedlichen Geschichten mit diesem Gott, von unterschiedlichen Vorstellungen und Annäherungsweisen; zuletzt aber, so glaube ich, ist es wesentlich, dass es der eine, heilige, unverfügbare Gott "von außerhalb" ist, vor dem Juden und Christen letztlich stehen. Darum ist das Gespräch zwischen Juden und Christen so viel mehr als ein Religionsgespräch neben vielen möglichen anderen: weil es uns um dieselbe geheimnisvolle Realität geht, mit der wir unterschiedliche Geschichten haben. Und alle Gedanken dazu – gerade die unterschiedlichen, nicht die Übereinstimmungen! und ebenso die nichtreligiösen Perspektiven – können bereichernd, beflügelnd, verunsichernd und horizonterweiternd sein. Weit mehr als die Gespräche innerhalb der "eigenen" Gemeinschaft.

 

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