Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Dr. Paul Petzel, Andernach


Eine biographische Notiz
Noch vor meinem Abitur lernte ich die Schriften Martin Bubers kennen. Meine ambivalenten Erfahrungen mit einem dann doch recht "weltlosen" christlichen Glauben konnte Bubers Sicht von Religion heilsam korrigieren. Ohne Kenntnis dieser jüdischen Religionsphilosophie hätte ich wohl kaum katholische Theologie studiert. So hatte ich schon in meinem ersten Semester Winter 1977, ohne mir dessen recht bewusst zu sein, eine Frage in mir, die sich regelmäßig meldete: Könnte das, was ich in dieser oder jener Vorlesung hörte, so auch in Gegenwart von Juden gesagt werden, mit der Erwartung, dass irgendeine Verständigung (keinesfalls Einverständnis) möglich wäre? So sehr ich meine Professoren schätzte, und diese Wertschätzung für nahezu alle bis heute so empfinde, - diese Frage konnte oft nicht mit einem klaren Ja beantwortet werden. Ein Bewusstsein für Israel bzw. die Juden als glaubensrelevantes Gegenüber bestand theologisch nahezu nicht. Zum Glück dozierte Hans Waldenfels in seiner ersten Vorlesung dann doch zu "Israel: Erfahrungen mit dem Gott der Offenbarung". Und es gab zu Israel kein wenn und kein aber, keinen reflexartigen Komparativ nach dem Muster: aber seit der "christlichen Gotteserfahrung" sei nun alles "noch eigentlicher", tiefer, reiner, universaler...Das war ein Anhalt.
Die mir biographisch zugewachsene Frage war und blieb ein Stachel, der mir naiv–symbiotische Schülerschaften von vornherein vereitelte, auch wenn es vermutlich entsprechende adoleszente Sehnsüchte gegeben hat. In meinem zweiten Semester hörte ich Jean Améry, den der Philosoph Heinz Robert Schlette nach Bonn eingeladen hatte.

Notwendige produktive Vorbehalte
Der christlich-jüdische Dialog und die mit ihm verbundene Theologie hebt die kirchliche Israelvergessenheit und Judenfeindlichkeit ins Bewusstsein und provoziert so Neuformulierungen der theologischen Aussagen, ja ganzer Traktate - und mehr noch. Mal um Mal wird klarer, wie sehr diese Israel-Ignoranz und Judenfeindseligkeit in allen Verästelungen des corpus christianum zirkulieren. Vom christlich-jüdischen Dialog aus, als dem empirischen Ort, an dem diese Ignoranz anfanghaft aufgehoben wird, zeichnet sich ab, dass es um die Neuformulierung von Theologie und kirchlicher Identität überhaupt geht. An einem epochalen Projekt, das mehrere Generationen übergreifen wird, mitzuarbeiten, mögen zu Pathos Veranlagte als erhebend empfinden. Mir genügt, darin ein Antidot gegen begierig um sich greifende Trivialisierungen der Lebenswelt zu finden. Zugleich, verlangen m.E.
Realitätssinn und Wahrhaftigkeit diese Feststellung, entfremdet diese Perspektive von der aktuellen faktischen Kirche. So manches Lied und Gebet sind nur noch schwer mit zu singen und-zu sprechen. Manches stößt auf: Wenn z.B. seit einigen Jahren die Lesung des Evangeliums durch umrahmende Halleluja-Rufe noch stärker als sonst schon vom Rest der Heiligen Schrift, also auch den AT/ET-Lesungen abgehoben wird, so als sei in den letzten zwanzig Jahren nicht eindringlich und überzeugend die Einheit der beiden Testamente klar gemacht worden. Die Leseordnung kann befremden, wenn sie oft nicht Eigensinn und Eigengewicht ersttestamentlicher Zeugnisse deutlich zur Geltung bringt, ganz abgesehen davon, dass die Lesung aus dem ET oft genug auch ganz entfällt. Und wenn die Perikope des Evangeliums konfliktive Stücke enthält ist oft zu bangen, dass der Prediger nicht in die Falle traditioneller Pharisäerpolemik tritt, die doch den kirchlichen Link zum Kokon von Judenfeindlichkeit überhaupt darstellen, wie er in dieser Kultur so hartnäckig eingelagert scheint. Der Andacht ist solche Bangigkeit nicht zuträglich. Das sentire cum ecclesia kann also strapaziert werden. Die Fremdheit zum Status quo der Kirche, wie sie aus der Perspektive des Dialogs spürbar wird, ist das Angeld auf eine unbefangenere freiere, ja, authentischere Gestalt von Kirche und ihrer Theologie.

Im Schatten von Massengräbern (E.BIoch)
Man muss es gewiss nicht ständig im Mund führen: Der christlich-jüdische Dialog ‚verdankt‘ sich einem Schrecken von menschheitsgeschichtlichem Ausmaß. Vielleicht stellt er einen der Versuche dar, ihn zu bannen... Wie dem auch sei. Zu fragen ist hier: Was wäre, wenn alle Überlebenden dieses Land verlassen bzw. jede Kommunikation mit Deutschen und Christen vermieden hätten? Ich wäre in einem "judenreinen" Deutschland aufgewachsen und lebte darin. In dunklen ‚schwachen‘ Stunden wäre dann vielleicht ahnbar und erkennbar geworden, dass dieses Land nichts anderes als die in seinem Wohlstand nett ausstaffierte, doch eiskalte Siegeshalle des Nationalsozialismus wäre: eine grausige Vorstellung. Der christlich-jüdische Dialog ist von daher gesehen ein Gesprächszusammenhang, ein ‚Ort‘ und eine Institution, die auch einen Nicht-Endsieg bezeugt - und damit dieses Land bewohnbar hält.

Hall- und Gesprächsraum
Auch ohne Juden und Jüdinnen im Gespräch hätten sich Theologie und Kirche vielleicht an die Revision ihrer Traditionen gemacht. Doch ihre Ergebnisse, vor allem daraus gefolgerte Neukonzeptionen wären eigentümlich selbstreferentiell geblieben: Theologie und Kirche fragten, sprächen und spekulierten - und hörten doch nur in vielfältigen Brechungen und Verzögerungen die Echos ihrer eigenen Worte: eine Situation mit nicht geringem Verwirrungs-, wenn nicht Paranoiapotential. Der Dialog kann davor bewahren! Gleichwohl, die heute hier lebenden und kommunizierenden Juden und Jüdinnen sind keine
"Repräsentanten" der Ermordeten, so als könnten sie "Stellvertretungen" übernehmen. Es wäre ihnen gegenüber eine ungeheuerliche Zumutung und christlich eine nicht weniger geheuerliche Selbsttäuschung. Theologie und Kirche befinden sich auch im und trotz des christlich-jüdischen Dialogs bleibend im selbstrefentiellen Hallräumen und ihren Echos, wenn denn die Heerscharen der Ermordeten in ihren Ansprüchen nicht vergessen sein sollen: Auch "mit dieser Hälfte haben wir Umgang" (Paul Celan) zu pflegen; einen Umgang, der im Dialog und durch ihn nicht aufhebbar ist. Gerade das erscheint mir von christlicher Seite ein entscheidendes Wahrheits- und Authentizitätskriterium des aktuellen und künftigen Dialogs zu sein.

 

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