Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Dr. Uri R. Kaufmann, Essen


Nach der Katastrophe der Schoah gab es Sprachlosigkeit zwischen überlebenden Juden und Christen. Vorausblickende wollten diese überwinden und die Kirchen zum "Lernen aus der Geschichte" bewegen. Kardinal Augustin Bea (1881–1968) war in der katholischen Kirche eine zentrale Kraft, die eine Neubesinnung anregte und 1960 vom Papst den Auftrag erhalten hatte, ein Strategiepapier über neue Beziehungen zum Judentum auszuarbeiten.
Bei diesen Bestrebungen spielte eine kleine, aber einflussreiche Gruppe von Konvertiten zum Christentum – etwa Monsignore John M. Oesterreicher (1904–1993) - eine Rolle. Diese hatten weitgehende Vorstellungen von einer Universalreligion, die auf den Trümmern Europas entstehen und die Menschen einen sollte. Für Juden war es revolutionär, dass Kirchenvertreter überhaupt mit ihnen reden wollten, das hatte es vorher kaum gegeben.
Viele aber zweifelten an der Redlichkeit der katholischen Gesprächspartner und waren misstrauisch, ob dies nicht Judenmission in sanfter Form sei. Die kurze Erklärung Nostra Aetate wurde im Oktober 1965 vom Zweiten Vatikanischen Konzil nach langen Debatten verabschiedet. Couragierte Katholiken bauten darauf auf und suchten ein Gespräch mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft. Darunter gab es Theologiestudenten wie etwa den Bonner Hanspeter Heinz, der die Vorgänge in Rom, wo er in diesen Jahren studierte, selbst verfolgte. Auch jüdische Gesprächspartner waren dort, unter anderem Ernst-Ludwig Ehrlich (1921–2007) aus der Schweiz.
1971 etablierte sich der Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK und wurde über viele Jahre von den Professoren Heinz und Ehrlich mitgeprägt. Verschiedene Aspekte sind wichtig und notwendig: es ist durchaus legitim ein Forum zur Besprechung von aktuellen Vorfällen oder Problemen zu haben. Die alten Klischees hatten und haben bei einigen Zeitgenossen ein langes Leben. Aber auch wir Juden müssen lernen, dass die meisten Katholiken sich vom überholten Gedankengut der Judenmission verabschiedet haben und neue, offenere Positionen zum Judentum vertreten.
Es ging und geht aber auch darum, eigene religiöse Positionen zu überprüfen oder das heutige Judentum kennenzulernen, nicht nur das antike als Hintergrund des Leben Jesu. So etwa auch die Beziehung zum Land Israel, die eine andere ist, als die katholische zu den christlichen Pilgerstätten. So gibt es verschüttete katholische Traditionen, wie etwa die Lesung des "Alten" Testamentes in der Messe oder die Erkenntnis, dass es ein viel längerer Prozess der Herauslösung aus dem Judentum gab und viele früher als "christlich" angeschaute Positionen nur die Vielfalt jüdischer Meinungen zur Zeit Jesu widerspiegeln. Vielen katholischen Theologen ist die rabbinische (hebräische und aramäische) Literatur nicht zugänglich, obwohl sie über (alt-griechische) Texte dieser Epoche forschen. Man kann aber diese Texte nicht ohne Kenntnis der jüdischen Traditionsliteratur verstehen. Dieses ungleiche Interesse an den beiden Sprachen ist eine theologische Erblast, die es zu überwinden gilt. Für jüdische Zeitgenossen mag das idealistische soziale Engagement einiger Katholiken ein Vorbild sein. Auch sollte die Tradition der christlichen Theologie ein Hinweis auf Spiritualität oder Kontemplation sein, die in den heutigen innerjüdischen Debatten manchmal zu kurz kommen. In den letzten Jahrzehnten ist im Umfeld von New Age und Esoterik auch innerjüdisch ein Wettbewerb um das Erfinden neuer und Erschweren alter religiöser Gebote entstanden: Einige jüdische Zeitgenossen scheinen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen.

Umgekehrt können Katholiken beobachten, wie das liberale und konservative Judentum in den USA die Frauen vor rund vierzig Jahren gleichgestellt hat oder wie man ohne Hierarchie zweitausend Jahre existieren kann. Es ist ein hohes Ideal, dass jeder Jude Zugang zum Urtext haben soll und auch jede gottesdienstliche Funktion ausüben kann. Ein Rabbiner ist für einen jüdischen Gottesdienst nicht notwendig. Es gibt keine jüdische akademische Tradition von Dogmatik, Systematik oder Theologie: Hier gibt es andere Strukturen, die man nicht weg reden soll und darf. Judentum ist mehr an Religionsrecht orientiert und erst hier spiegeln sich "theologische" Positionen. Daneben gibt es seit dem Mittelalter eine Religionsphilosophie, die heute etwa im Werk von Emmanuel Levinas ihren Ausdruck findet.
Eine neue Universalreligion ist dagegen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht entstanden. Eine junge jüdische Generation sucht heute nach ihrem eigenen Profil. Aber in einem Zeitalter, in dem die Wirtschaft immer mehr die Gesellschaft dominiert, gibt es durchaus wichtige gemeinsame Anliegen, die die Religionen verteidigen müssen, man denke nur an den wöchentlichen Ruhetag in der Weltkultur, der auf das Judentum zurückgeht. In diesem Sinne hat der christlich-jüdische Dialog durchaus seine Notwendigkeit und Berechtigung als Korrektiv gegen die leider oft gnadenlose Kommerzialisierung menschlichen Lebens.

 

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