Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Dr. Uta Zwingenberger, Münster / Osnabrück


Erich Zenger, Klemens Richter, Johann Baptist Metz, Herbert Vorgrimler – wer in den achtziger und frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Münster studierte, wurde geradezu imprägniert mit einer christlichen, katholischen Theologie, die sich historisch dem Judentum verdankt weiß und sich in theologischer Zeitgenossenschaft mit ihm versteht. Von diesen überzeugten und überzeugenden Persönlichkeiten – zu denen in meiner Biographie auch Laurentius Klein im Theologischen Studienjahr in Jerusalem zählt – lernten wir das Erste Testament als "Eigenwort mit Eigenwert" zu schätzen, wurden sensibel für eine "christliche Gottesrede im Angesicht des Judentums", die sich auch in der konkret gefeierten Liturgie bewähren muss, und verstanden christliche Theologie als eine "leidempfindliche", die immer "Theologie nach Auschwitz" ist.1 Das ist ein Fundament, das bis heute trägt und dazu herausfordert, es weiterzugeben. Es ist aber eher eine notwendige Selbstvergewisserung christlicher Theologie, denn jüdisch-christliche Begegnung.

Ernüchterungen

Meine Praxiserfahrungen der letzten fünfzehn Jahre haben Ernüchterungen mit sich gebracht – auch im Bistum Osnabrück, das doch als ein Bistum gelten darf, dessen Bischof den jüdischen Gemeinden und dem jüdisch-christlichen Dialog ausgesprochen positiv gegenübersteht. Dennoch ist eine christliche Theologie wie die eben skizzierte nicht für alle Kolleginnen und Kollegen selbstverständlich. Immer wieder bringen wohlmeinende Veranstaltungsteilnehmer in der Erwachsenenbildung die Überzeugung mit, dass das Neue Testament doch gegenüber dem Alten das eigentlich wichtige sei, oder kursiert bei sperrigen Bibelstellen die Auffassung, "dass das eben bei den Juden so war / so sei". Dabei handelt es sich nicht um böswilligen Antijudaismus; es sind unreflektierte Klischees, die zu beseitigen mühsam sein kann und die doch gerade in einer Zeit, in der sich viele Menschen in Europa mit "dem Fremden" schwer tun, erschreckend sind. Da gilt es zu erzählen: von persönlichen Begegnungen mit Jüdinnen und Juden, von gemeinsamen Diskussionen um Texte der Hebräischen Bibel und von der Vielfalt, in der "die Juden" ihren Glauben leben. Dafür ist mir der jüdisch-christliche Dialog wichtig.

Begegnungen

Nach wertvollen akademischen Begegnungen mit Jüdinnen und Juden während des Studiums hat mir die Internationale Jüdisch-Christliche Bibelwoche, die ich seit gut zehn Jahren mit einem jüdisch-christlichen Team leite, einen neuen Begegnungsraum eröffnet. Vor 47 Jahren durch den jüdischen Dialog-Pionier Jonathan Magonet ins Leben gerufen, umfasst sie drei Dialogfelder: den britisch-deutschen Dialog nach der Schoa, den jüdisch-christlichen Dialog und den gemeinsamen Dialog mit der Hebräischen Bibel. Bei der Bibelwoche habe ich gelernt, dass meine jüdischen Gesprächspartner den in der christlichen Theologie von ihnen entwickelten Vorstellungen gar nicht entsprechen "müssen" und dass sie sich nicht unbedingt als unsere "bevorzugten Brüder" (Johannes Paul II.) verstehen. Bei der Bibelwoche erlebe ich, wie vielfältige jüdisch-christliche Dialoge entstehen, wenn Juden und Christen unterschiedlicher Strömungen und Konfessionen aus zahlreichen Ländern zusammenkommen. Manchmal verlaufen die Diskussionslinien entlang der Religionsgrenzen, manchmal quer dazu. Das gemeinsame Nachdenken über die Hebräische Bibel im Austausch der unterschiedlichen Traditionen ist eine Bereicherung für meine christliche Theologie wie für mein Verständnis der jüdischen Theologien. Vor allem aber ist mir der Dialog der Bibelwoche wichtig geworden, weil sich aus ihm freundschaftliche Beziehungen zu Jüdinnen und Juden entwickelt haben, in denen wir Leben und Tod teilen, weil wir uns gemeinsam als Menschen vor dem einen Gott verstehen – in unterschiedlichen Formen.

Den Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK konnte ich längst noch nicht so lange erleben. Aber bereits bei den wenigen Treffen des letzten Jahres habe ich erfahren, dass er – in seiner ganz anderen Gestalt – ein ähnlicher jüdisch-christlicher Begegnungs-, Denk- und Diskussionsraum mit großer Ernsthaftigkeit ist. Dafür bin ich dankbar.


1    Exemplarisch für zahlreiche Beiträge der Genannten sei nur auf diese verwiesen: Erich Zenger, Heilige Schrift der Juden und der Christen, in: ders. u.a.: Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 82012, 11-36; ders., "Gott hat keiner jemals geschaut" (Joh 1,18). Die christliche Gottesrede im Angesicht des Judentums, Abschiedsvorlesung, 14. Juli 2004; Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz 51992.

 

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