Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Dr. Werner Trutwin, Bonn


Ein Wort zuvor

Lieber Hanspeter, in diesen Tagen werden zu Recht Deine jahrzehntelange Arbeit, Deine theologische Kompetenz, Dein Engagement, Deine Kritikfähigkeit, Deine Moderationskunst, sowie auch Dein Humor und Witz gewürdigt. Das ganze originelle Bündel dieser Fähigkeiten und Begabungen hast Du für das Gespräch und die Versöhnung zwischen Juden und Christen eingebracht. Es ist hoch verdient, wenn Dir nun die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen und diese Festschrift gewidmet wird. Ich selbst bin Dir besonders dankbar dafür, dass Du in all den Jahren Deiner Tätigkeit die Bedeutung des Themas für den Religionsunterricht trotz einer ständig bedrängenden Problemfülle immer im Auge behalten und gefördert hast. Daher konnten vom Gesprächskreis und von Dir wesentliche Impulse für den Religionsunterricht ausgehen. Sie haben ihren Niederschlag bis in die Schulbücher und offiziellen staatlichen Richtlinien gefunden. Dass mit dieser sachbezogenen Arbeit auch eine wunderbare persönliche Freundschaft zwischen uns gewachsen ist, erhöht meine Dankbarkeit und Freude.

Wenn man nach der Rolle des Judentums im Religionsunterricht der Nachkriegszeit fragt, wird man mit Recht sagen dürfen, dass es kaum ein anderes Thema des Religionsunterrichts gibt, das seitdem einen so radikalen Wandel mitgemacht hat wie dieses. Selbst wenn man weiß, dass das Wort "Paradigmenwechsel" heute inflationär missbraucht wird, kann man die erfolgte Neukonzeption kaum anders nennen. Dafür gibt es – pauschal betrachtet – theologische, pädagogische und politische Gründe.

  1. Die Kirche selbst hat auf Anregung von Papst Johannes XXIII. in ihrer religiösen, theologischen und politischen Einstellung zum Judentum spätestens seit der Konzilserklärung "Nostra Aetate" (1965) damit begonnen, sich von ihrem Jahrhunderte langen Antijudaismus zu verabschieden und ein neues, theologisch verantwortbares Verhältnis zum Judentum aufzubauen. Seitdem haben die Päpste von Paul VI. bis Franziskus diese grundlegende Konzilserklärung bestätigt und weitere Schritte getan, die zu einem deutlich verbesserten Klima zwischen Kirche und Judentum geführt haben. Was die Kirchenleitung angeregt hat, wurde auf vielen Ebenen, z. B. in päpstlichen Verlautbarungen, in bischöflichen Hirtenschreiben, auf Landessynoden, von der theologischen Wissenschaft, bei der Arbeit der katholischen Akademien, in der Pastoral, in der Publizistik und auch bei der kirchlichen Basis mehr oder weniger stark rezipiert. Da sich gleichzeitig auf evangelischer Seite ähnlich positive Trends entfalteten, hat das Thema auch eine innerchristliche ökumenische Dimension.

  2. Die religionspädagogischen Grundmuster haben sich – weithin parallel zu der pädagogischen Entwicklung in Schule und Wissenschaft – erheblich verändert. Der Religionsunterricht hat sich von seinem früheren Verkündigungsverständnis, in dem der Katechismus den Unterricht prägte und der Unterricht vor allem kirchliche Christenlehre war, weiter fortentwickelt. Diese Entwicklung führte über einen abwechselnd eher wissenschaftsorientierten, emanzipativen, zielorientierten, problemorientierten, korrelativen Unterricht bis heute zu einem auch umstrittenen und nicht völlig neuen kompetenzorientierten Unterricht. Hier sollen die Schülerinnen Inhaltskompetenzen, Methodenkompetenzen, Handlungskompetenzen und Urteilskompetenzen gewinnen. In dieser Zeit haben sich auch die großen nichtchristlichen Religionen erstmals einen festen Platz im Religionsunterricht erobert. Dadurch ergaben sich auch für das Thema Judentum neue Chancen lebendiger Vermittlung.

  3. Die jeweilige politische Aktualität spielte bei Behandlung des Judentums im Religionsunterricht immer eine große Rolle. Ereignisse wie die Gründung des Staates Israel, der Sechstagekrieg, der Antizionismus der 68er Generation, der Yom Kippur-Krieg, viele große Filme und Fernsehsendungen zur Schoa, die deutsche Wiedervereinigung, die Intifada, die Gazakriege, der arabische Terrorismus, die komplizierten Friedensverhandlungen, Ausschreitungen mit antisemitischen Parolen usw. wurden und werden wegen ihren religiösen und ethischen Implikationen auch im Religionsunterricht beachtet und in den Klassen diskutiert, seit einiger Zeit mit dem problematischen Ergebnis, dass der Staat Israel und das Judentum gleichgesetzt und in gleicher Weise pauschal kritisiert werden.


Alle diese Faktoren haben die Behandlung des Judentums im Religionsunterricht entscheidend beeinflusst. Hier kann nur stichwortartig ein kurzer Überblick über das Ausmaß der Veränderungen und die heutigen Aufgaben vorgestellt werden. In fünf Schritten werden zuerst (1-3) pauschal drei verschiedene Phasen der Nachkriegszeit skizziert, deren zeitliche Abgrenzung einer gewissen Unschärfe unterliegt. Daran schließt sich (4) eine Beschreibung der gegenwärtigen Situation und (5) der Zukunftsaufgaben des Religionsunterrichts bei der Behandlung des Judentums an.

(1) 1945 - 1960/65: Christlicher Antijudaismus: Unkenntnis – Vorurteile – religiöse Judenverachtung
(2) 1960/65 -1990: Zeit der Neubesinnung:
Abbau von Vorurteilen – Suche nach Gemeinsamkeiten – Entdeckung des Judentums als eigenständiger religiöser Größe – Geistliche Verwandtschaft zwischen beiden
(3) 1990-2014: Neue Probleme des Religionsunterrichts:
Schulische Krisen – Pisa – von G9 zu G 8 – Strukturfragen – Schwindende Akzeptanz des Religionsunterrichts – Marginalisierung des Themas Judentum
(4) Das Judentum im Religionsunterricht heute:
Wachsende Unkenntnis und wachsende Aggressivität – das Problem Israel – viele Formen des Antizionismus und eines verdeckten Antisemitismus bis tief in der Mitte unserer Gesellschaft– deutlich nachlassendes Interesse am Thema, da Religion selber, also das Christentum und erst sein Verhältnis zum Judentum immer mehr durch andere Schwerpunkte des schulischen Unterrichts verdrängt werden – vermeintliche Toleranz, die allen Religionen, auch dem Judentum, das Recht zu eigenen Lebensformen zuspricht, ohne dass man sich selber engagieren muss
(5) Aufgaben für die Zukunft:
Akzeptanz der Asymmetrie zwischen Juden und Christen – Verstärkte Suche nach einem heute möglichen Neuanfang – Argumente gegen die Resignation – Bewusstmachung des Tatbestands, dass das Thema Judentum nicht ein theologisches Hobby weniger Spezialisten ist, sondern in der Mitte der Theologie steht – der hohe Wert von Christentum und Judentum und deren gegenseitiger Beziehung als Modell gelungener Konfliktlösung– Gemeinsame Verantwortung für die Zukunft

Schluss: Die stichwortartigen Darlegungen im letzten Abschnitt dürfen hier genügen, weil alle angezeigten Probleme in unzähligen Sitzungen des Gesprächskreises ausführlich behandelt wurden. Das Gewicht und die Fülle der Zukunftsaufgaben zeigen, dass der Gesprächskreis in Zukunft nicht weniger wichtig sein wird als er in der Vergangenheit war.

 

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