Salzkörner

Mittwoch, 17. Dezember 2008

EURETWEGEN" (1 Petr 1,20)

Gottes Wort der Hoffnung ist unsretwegen Mensch geworden
1. Ein (kleiner) Unterschied

Zu den Worten der deutschen Sprache, die in der alltäglichen Rede wohl kaum mehr vorkommen, gehören "euretwegen" und "unsretwegen". Der dahinter stehende Gedanke scheint jedoch noch da: Menschen handeln immer wieder auch für Andere. Ein Vater sagt: "Das habe ich heute für euch (euretwegen) eingekauft und gekocht." Eine Frau sagt: "Für uns (unsretwegen) habe ich die Geschäftsunterlagen geordnet und präsentiere sie nun im Gespräch". Feine Unterschiede sind im Vergleich herauszuhören: Was für Andere geschieht, geschieht nicht immer wegen der Anderen. Einmal ist das Ziel im Blick (eine Für-Sorge), das andere Mal die Ursache (eine Grund-Sorge). Irritierend werden wahrscheinlich die gewählten Beispiele wirken – wenig lebensnah und kaum alltagsvertraut. Sie sollen den Gedanken vorbereiten, dass auch Gott bei seiner Menschwerdung eine unerwartete Rolle einnahm, einen Positionswechsel vornahm - und dies nicht nur für uns, auch wegen uns.

2. Die theologische Tragweite

Handelt Gott (nur) für uns oder (auch) wegen uns? In der griechischen Originalsprache des Neuen Testaments gibt es eine strikte Unterscheidung zwischen einem Handeln "für" (hyper) oder "wegen, aufgrund, weil" (dia). Nicht bloßes Mitleid bewegt Gott in seinem Handeln für uns armselige Menschheit. Das gewiss auch. Tiefer jedoch reichen die Wurzeln des göttlichen Tuns. Es ist nicht bloß Gottes Anblick unserer Not, die ihn innerlich erschüttert und bewegt. Gott ist vielmehr durch sein Wissen um die gesamten Zusammenhänge in seiner Schöpfung zum Handeln motiviert. Wegen uns wird Gott Mensch – nicht nur für uns. Nicht erst Gottes Erleben der Sünde und ihrer grausamen Wirkungen in all den Zeiten der Menschheitsgeschichte lässt ihn handeln. Vor allen Zeiten ist Gott entschieden, uns ein Wort der Hoffnung zu sagen. "Präexistent" – im Voraus zu jedem geschichtlichen Ereignis – ist Gottes Wille, sich uns als der zu zeigen, der er wesentlich ist. Das Weihnachtsereignis ist von Gott vor langer Zeit geplant worden – genauer: vor allen Zeiten. Immer schon wollte Gott so weit gehen und selbst Mensch werden – wegen uns. "Präexistent" – vor aller Schöpfung – ist Gottes Mitteilungsbedürfnis. In Jesus, seinem Leben und seinem Leiden, ist das Wort Gottes über sich zu einer Menschengeschichte geworden. Davon kündet der 1. Petrusbrief.

3. Das Leitwort des 2. ÖKT und sein weihnachtlicher Vorvers

Die letzten Verse vor jenem Schriftwort, das als Leitwort des 2. Ökumenischen Kirchentags ausgewählt wurde, lauten in der Einheitsübersetzung: "Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen, und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen" (1 Petr 1,18-20). Möglicherweise vertrauter heißt es im Fortgang: "Durch ihn [Christus] seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, so dass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnt" (1 Petr 1,21). In der Übersetzung von Martin Luther lautet der Vers vor dem Leitwort sowie jener mit dem Leitwort: "Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt" (1 Petr 1,20-21). Das "zwar" und "aber" übernimmt Luther aus dem Schrifttext: Gottes erlösendes Wort ist "zwar" schon ausersehen, "aber" erst am Ende der Zeiten offenbart worden. Luther betont im Sinne des Schrifttextes die Unselbstverständlichkeit der Erscheinung Gottes in Zeit und Geschichte in Menschengestalt.

Ein Wort ist dem Sinn nach gleich lautend in den Übersetzungen: um euretwillen – euretwegen. Weihnachtlich ist der Zusammenhang dieses Gleichklangs: Wegen uns ist Gott Mensch geworden und hat sich in Zeit und Geschichte gezeigt, wie er wahrhaft ist. Blutig war dieses Geschehen. Es kostete Jesus das Leben - auf grausame, blutige Weise wurde er getötet. Der theologische Gehalt des Weihnachtsfestes ist die Epiphanie Gottes: seine Erscheinung in unverstellter Gestalt – bereit selbst so weit in die Tiefe zu gehen, unsretwegen zu bluten für uns. Wäre Gott nicht Mensch geworden, hätte Jesus nicht sterben und aus dem Tod errettet werden können. Krippe, Kreuz und leeres Grab bilden im theologischen Nachdenken eine Einheit. Wer war jener Jesus, der damals so schmachvoll starb? Die Antwort auf diese Frage war und bleibt entscheidend in der christlichen Bekenntnisgemeinschaft.

4. Grundanliegen des 1. Petrusbriefs

Es hätte kaum eine günstigere Wahl getroffen werden können bei der Suche nach einem Leitwort für den 2. Ökumenischen Kirchentag als diese: "Damit ihr Hoffnung habt" (1 Petr 1,21). Die Adressaten des 1. Petrusbriefes und die Christinnen und in unserer gesellschaftlichen Situation in Deutschland heute sind sehr verwandt miteinander. Angefochten, angefragt und an einzelnen Orten sogar verfolgt waren jene, denen sich der unter dem Pseudonym des Apostels Simon Petrus schreibende Autor zuwandte. Belächelt wurden die Christinnen und Christen nicht selten in den Ländern, in denen sie eine Minderheit bildeten. Einzig ihre besondere Lebensweise in der Nachfolge Jesu konnte Eindruck machen. Christinnen und Christen lebten friedfertig. Unauffällig waren sie. Durch ihre stillen guten Taten konnten sie diejenigen vielleicht überzeugen, die noch nicht zum christlichen Glauben bekehrt waren. Barmherzig und demütig sein, nicht Böses mit Bösem vergelten noch Kränkung mit Kränkung, statt dessen selbst die Feinde segnen – zu einem solchen Leben ermutigt der Briefschreiber seine Leserinnen und Leser (vgl. 1 Petr 3,8-9).

Ein Aufruf zu einem problematischen Konformismus ist dem Verfasser des 1. Petrusbriefes nachgesagt worden. Sich den menschlichen Ordnungen zu unterwerfen, das erscheint ihm wichtig (vgl. 1 Petr 2,13). Sich nichts nachsagen lassen müssen im Blick auf die Pflichten eines Bürgers und einer Bürgerin, das war damals das Gebot der Stunde - und dann durch das Lebenszeugnis überzeugen. Ist das nicht auch heute wichtig? Wie auch Paulus lebt der Verfasser des ersten Petrusbriefes in eschatologischer Stimmung: Die Zeit ist knapp. Das Ende der Zeiten ist mit Jesus Christus angebrochen. Das entscheidende Wort Gottes ist mit Jesus Christus bereits gesagt. Im Glauben an Jesus Christus verwandelt sich die Sicht der Wirklichkeit. Wer glaubt, der hofft auf das Wiedererscheinen Jesu Christi zum Gericht. Hoffnung ist im 1. Petrusbrief zunächst futurisch gefüllt – jenseits der irdischen Tage. Der Brief ist ein Zeugnis für die Lebendigkeit des Osterglaubens in den frühen christlichen Gemeinden. Wer getauft ist und in der Nachfolge Jesu Christi steht, hofft auf die göttliche Gutheißung seines Lebens der Liebe selbst zu den Feinden. Deshalb ist Gott Mensch geworden – um uns dies vorzuleben.

5. Gottes Erscheinung in Menschengestalt – euretwegen

Unsretwillen ist Gott Mensch geworden. Der Verfasser des 1. Petrusbriefes sagt es anders: "Euretwillen" ist Christus Jesus am Ende der Zeiten erschienen. Die Kommunikationssituation ist damit verändert. Anders sind die Intentionen jeweils: Wer an uns alle in unserer gemeinsamen Erlösungsbedürftigkeit erinnert, der spricht einen lobpreisenden Dank für Gottes Tat. Wer die anderen Menschen als noch zu gewinnendes Gegenüber im missionarischen Alltag anspricht, formuliert eine erinnernde Mahnung. Beides braucht es in der Christenheit: das "unsretwegen" und das "euretwegen". Das "euretwegen" scheint zumindest im 1. Petrusbrief von vorrangiger Bedeutung zu sein: Diese Rede lädt jeden Menschen dazu ein, darüber nachzudenken, warum Gott Mensch werden wollte. Die christliche Lehrtradition versucht auf diese Frage eine Antwort: Es geschah, weil Gott immer schon wollte, dass kein Mensch im Zweifel darüber bleiben muss, wer er ist: wie ein Lamm friedfertig noch auf dem Weg zur Schlachtbank. Um als Mensch gewordener Gott zu sterben, musste Gott erst einmal als Mensch leben. Gottes Leben in der Gestalt des Menschen Jesus ist Gottes Wort der Hoffnung in allem Dunkel und in aller Feindschaft. Nicht nur für uns, auch unsretwegen ist Gott Mensch geworden. Es liegt ihm an uns - und vor allem an euch - immer schon.

Autor: Prof. Dr. Dorothea Sattler, Direktorin des Ökumenischen Instituts des Fachbereichs Katholische Theologie der Universität Münster, Mitglied im Ständigen Arbeitskreis "Pastorale Grundfragen" beim ZdK, Mitglied im Präsidium des 2. Ökumenischen Kirchentags

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