Salzkörner

Montag, 5. November 2012

Ein Indiz für die Erneuerung der Kirche

Vom Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in der Caritas

Das Hauptthema des zweiten Gesprächs im Rahmen des Dialogprozesses der katholischen Kirche in Hannover war die Bedeutung der Diakonia als kirchlicher Wesensvollzug. Es zeigte sich, dass auch bei diesem Treffen wesentliche Themen des ersten Gesprächs von Mannheim immer wieder an die Oberfläche kamen. Dazu gehörte unter anderem die Bedeutung des Umgangs der katholischen Kirche mit wiederverheiratet Geschiedenen und die Anstellung von Menschen, die keiner der ACK-Kirchen angehören. Dies hat auch Auswirkungen auf Anstellungsverhältnisse und damit Präsenz und Wirksamkeit der verbandlichen Caritas.

Unser Auftrag als Caritasverband

Die verbandliche Caritas ist eine Ausdrucksform der Kirche. Wir verstehen unseren Auftrag als gelebte Nachfolge. Die in einem Caritasverband Beschäftigten sind durch ihr tägliches Zeugnis im Umgang mit hilfe- und pflegebedürftigen, notleidenden und Unterstützung suchenden Menschen glaubwürdiges Zeugnis der Liebe Christi. Sie nehmen sich im Hilfesuchenden Christus an. Dies ist der Mehrwert, den die verbandliche Caritas im Gegensatz zu privaten Anbietern ähnlicher Dienstleistungen anbietet. Oftmals erleben wir, dass unser Tun manch Kirchenferne wieder dazu bewegt zu fragen, weshalb wir dies so tun. Durch unser alltägliches Tun scheint Gottes Licht auch außerhalb der Kirchengebäude unmittelbar erleb- und greifbar in die Not der Welt hinein. Durch unsere Präsenz an Orten, die von anderen als vergessen oder verloren aufgegeben werden, sind wir Hoffnungszeichen und Zeugnis, Präsenz einer dienenden Kirche.

Situation eines Caritas-Ortsverbandes in der Diaspora

Gemäß der Grundordnung ist bei der Einstellung von pädagogischem und Führungspersonal auf die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und den entsprechenden persönlichen Lebenswandel zu achten. Nun stellt sich die Situation in der Diaspora, zumal im Gebiet der neuen Bundesländer, in mehrfacher Hinsicht als besonders schwierig dar:

Der sich bundesweit abzeichnende Fachkräftemangel ist hier im Nordosten im pädagogischen wie auch im pflegerischen Bereich bereits eklatant zu spüren. Die Zahl der katholisch getauften und sozialisierten Menschen ist aufgrund der Diasporasituation gering. Zudem erhalten unsere Mitarbeiter im Verhältnis zu anderen Ortsverbänden in anderen Regionen für die gleiche Arbeit ein geringeres Entgelt. Sie erhalten dieses außerdem mit bis zu zwei Jahren verspäteter Umsetzung der auf Bundesebene ausgehandelten Tariferhöhungen. An vielen Stellen beschäftigen wir (wie lt. Grundordnung zulässig) bereits Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die einer Kirche der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) angehören. Unsere Mitarbeitenden tragen das Wesentliche unseres christlichen Glaubens in der täglichen Begegnung mit uns Anvertrauten und in der Dienstgemeinschaft überzeugt und überzeugend mit. Noch gelingt es uns, die entsprechenden Führungspositionen auf der ersten und der mittleren Ebene mit überzeugten, fachlich kompetenten katholischen ChristInnen zu besetzen. Jedoch sind wir aufgrund von wirtschaftlich schwierigen Re-Finanzierungsmöglichkeiten nur mehr sehr selten in der Lage, potentiellen InteressentInnen durch einen unbefristeten Vollzeitvertrag die nötige existentielle Sicherheit zu bieten. Zudem kann erschwerend hinzukommen, dass wiederverheiratet Geschiedene lt. Grundordnung nur in begründeten und gesondert zu prüfenden Einzelfällen angestellt oder weiterbeschäftigt werden dürfen. Unter diesen Voraussetzungen ausreichend fachlich geeignetes, motiviertes und glaubwürdig die Nachfolge lebendes katholisches Personal zu finden stellt sich sehr problematisch dar.

Problembeschreibung

Wie, als gut positionierter katholischer Arbeitgeber und Dienstleister in der Diaspora, der zudem innovativ und an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtete Angebote erweitern möchte, reagieren, wenn sich die oben beschriebene Situation weiter verschärft? Bewährte Dienste und Einrichtungen schließen, weil wir kein katholisches Personal mehr bekommen? Unser missionarisches Tun gerade in der Diaspora auf dem Gebiet der Diakonia einstellen?

Wie als Arbeitgeber mit dem Selbstverständnis des dritten Wesensvollzugs der Kirche reagieren, wenn eine glaubwürdige, tief gläubige, bewährte und geschätzte Mitarbeiterin eine Scheidung verkraften muss? Ihr kündigen, unter Berufung auf die Grundordnung? Die schwierige Konstruktion einer Einzelfallbetrachtung entwickeln? Wie steht es um die uns auferlegte Barmherzigkeit unseren eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber, wenn sie mit einer Lebenskrise konfrontiert werden, die oft auch eine existentielle wird?

Wie wollen wir im Rahmen der geforderten notwendigen Integration von Menschen mit Migrationshintergrund adäquate Unterstützungen vorhalten, ohne die nötigen "Übersetzer" in der Mitarbeiterschaft zu haben? Wollen wir die alten (evtl. dementen und kriegstraumatisierten…) Migranten, die nun auch in unsere Alten- und Pflegeheime kommen wie Patienten zweiter Klasse behandeln – satt und sauber – mehr geht nicht aufgrund fehlender interkultureller Kompetenz und Sprachfähigkeit? Ist das mit der Unantastbarkeit der Würde des Menschen vereinbar?

Wie kann ein Ortsverband, der als Arbeitgeber und Dienstleister direkten Kontakt zu rund 3.000 Menschen verschiedenster Herkunft, Altersgruppen und Lebensformen hat, auch durch den Umgang mit Lebensbrüchen und existentiellen Herausforderungen glaubwürdig Gott strahlen lassen, Halt und Identifikation anbieten, wenn dies bei zentralen Themen wie den oben benannten bereits so schwer möglich ist?

Dialogprozess – Chancen und Erwartungen

Im Rahmen des zweiten Gesprächs in Hannover wurde in vielen Tischrunden, aber auch in Seitengesprächen deutlich, dass der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen sowohl im Rahmen der Pastoral als auch für die katholischen Dienstgeber, die sich der Grundordnung verpflichtet wissen, ein Indiz für die Erneuerung der Kirche in Deutschland sein könnte. Dies kann der Punkt sein, an dem wir unsere Glaubwürdigkeit wieder stärken können. Hier kann deutlich werden, dass Barmherzigkeit nicht nur gegenüber den "Ärmsten", sondern allen Menschen gegenüber geschenkt wird. An keiner Stelle steht die Bedeutung des Sakraments der Ehe zur Disposition. Bischof Dr. Bode benennt in seinem Impuls am 14.09.2012 in Hannover den Anspruch, alles dafür zu tun, dass Menschen sich in allem, was ihr Leben prägt, von der Kirche angenommen fühlen sollen. Dies verlangt eine Pastoral und Caritas, die diesen Lebenssituationen gerecht wird. Die am Ende ausgesprochenen Selbstverpflichtungen der Gruppe der Bischöfe geben Anlass zur Hoffnung, dass hier ein Weg gefunden werden wird.

Caritas als Kirche in der Welt

Wünschenswert wäre, dass die Deutsche Bischofskonferenz mit dem Deutschen Caritasverband gemeinsam die sich bietenden Möglichkeiten und Chancen für die Stärkung einer glaubwürdigen, dienenden Kirche im Bereich der Diakonia entwickelt. Dazu gehört als Grundvoraussetzung, dass die verbandliche Caritas (mit den angeschlossenen Fachverbänden) auf allen Ebenen als Wesensvollzug der Kirche akzeptiert wird. Das bedarf sicherlich einiger Bewusstseinsbildung (auf beiden Seiten), vielleicht auch weiterer Stärkung und Kommunikation des Selbstverständnisses der Caritas. Eine große Chance für unsere Kirche sehe ich darin, dass die Caritas, durch Ihre Nähe zu den Menschen, als pastoraler Ort an Bedeutung gewinnen sollte. Kirche ist auch durch ihre Caritas glaubwürdig, weil wir uns mit dem Leben beschäftigen. Die Einheit der kirchlichen Wesensvollzüge muss gestärkt werden.

Ist wirklich der Taufschein allein Garantie für gelebte Nachfolge? Auch die christliche Organisation kann den verlässlichen Rahmen bieten, damit Kirche in der Welt erfahrbar wird. Wieviele Gaben, Möglichkeiten zur Mitwirkung am Reich Gottes verlieren wir, wenn wir unseren Blick nicht weiten? Wir sollen Salz der Erde und Licht der Welt sein. Wer dieses Anliegen mit uns teilt, sollte willkommen sein in der Kirche und ihrer Caritas.

 

 

 

 

Autor: Yvonn Hürten Geschäftsführerin Caritasverband Lübeck e. V.

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