Salzkörner

Mittwoch, 9. Mai 2012

Ein Ringen um angemessene Lernorte und Bildungsräume

Zur Diskussion um Inklusion in der Bildung

 

Gerade für Menschen mit körperlichen, seelischen und/oder geistigen Beeinträchtigungen ist Bildung existentiell bedeutsam. Vor diesem Hintergrund ist das Ringen um angemessene Lernorte und Bildungsräume für Menschen mit Behinderungen zu sehen, das spätestens durch das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen von 2006 besondere Dringlichkeit erfahren hat.

 

Bildung ist ein Menschenrecht. Sie vermittelt jene kognitiven und ästhetischen, emotionalen und sozialen Kompetenzen, die für eine gelingende Lebensführung jedes Menschen absolut unerlässlich sind. Sie eröffnet maßgeblich den Zugang zur Arbeits- und Berufswelt und sichert damit die notwendigen materiellen und sozialen Ressourcen zum Lebensunterhalt. Sie eröffnet die Chancen zur aktiven Teilhabe am kulturellen und politischen Leben einer Gesellschaft. Und sie eröffnet jedem Einzelnen konkrete Handlungsspielräume, als gleichberechtigte Bürger das persönliche wie das gesellschaftliche Leben in Freiheit und Verantwortung zu gestalten.

Bildung ist zudem ein unabgeschlossener Prozess, der sich über die ganze Lebensspanne erstreckt; sie umfasst formelle wie informelle Lernformen. Gleichwohl besitzen institutionelle Lernorte wie Kindertagesstätten, Schulen, Ausbildungsbetriebe oder Hochschulen eine besondere Bedeutung. Die Art und Weise, wie sie gemeinschaftliche Lernprozesse gestalten helfen, entscheidet erheblich über die individuellen Bildungserfolge und die Persönlichkeitsentwicklung.

Außerhalb der regulären Schulen?

Auch für Menschen mit körperlichen, seelischen und/oder geistigen Beeinträchtigungen ist Bildung in all diesen Facetten existentiell bedeutsam. Dies wird heute von niemandem bestritten. Das war aber nicht immer so. Bis weit in die Neuzeit hinein wurde bestritten, dass Menschen mit Beeinträchtigungen überhaupt zur Bildung fähig und darin zu fördern sind. Vor diesem Hintergrund war und ist es ein kaum zu überschätzender Fortschritt, dass Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Beeinträchtigung der Schulpflicht unterworfen und regelmäßig beschult werden. Damit einhergeht nicht zuletzt die Erkenntnis und Anerkennung, dass für bestimmte Gruppen von Schülerinnen und Schülern aufgrund ihrer besonderen Voraussetzungen auch besonderer Erziehungs- und Förderungsbedarf besteht, dem man durch ein breitgefächertes Repertoire an (sonderpädagogischen) Einzelförderungsinstrumenten Rechnung zu tragen sucht. Freilich: Kann oder soll dieser individuelle Förderungsbedarf außerhalb der regulären Schule (also in 'Schulen mit besonderen Förderschwerpunkten') erfolgen? Oder verstärkt nicht gerade diese schulische "Besonderung" von Schülerinnen und Schülern deren faktische Isolation – mit der Konsequenz, dass ihre Bildungskarriere und ihre Persönlichkeitsentwicklung als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft erheblich beeinträchtigt und sie darin behindert werden.

Zugang zum allgemeinen Bildungssystem

Vor diesem Hintergrund ist das Ringen um angemessene Lernorte und Bildungsräume für Menschen mit Behinderungen zu sehen, das spätestens durch das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ('UN-Behindertenrechtskonvention') von 2006 besondere Dringlichkeit erfahren hat. Mit dieser Konvention verpflichten sich mit Blick auf ein "integratives Bildungssystem" ("inclusive education system") alle Vertragsstaaten, "die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken" sowie "Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen" (Art.24). Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verknüpft diese Grundsätze unmittelbar mit der Pflicht zur Sicherstellung, dass "Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben", wobei ihnen "innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern".

Für das derzeitige Ringen um angemessene Lernorte und Bildungsräume ist es bezeichnend, dass der deutsche Gesetzgeber überwiegend von integrativer und nicht von inklusiver Bildung spricht. Offensichtlich ist er durch diese sprachlichen Nuancierungen bemüht, etwa mit Blick auf die Schule den (sonder-) schulpädagogischen Konzepten und ihren spezifischen Traditionen in Deutschland gewisse Spielräume in der konkreten Ausgestaltung (zum Beispiel Förder-/Sonderschulen neben der Regelschule oder sonderpädagogische Förderung innerhalb der Regelschulen) offenzuhalten. Maßgeblich muss aber immer sein, dass "Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft" befähigt werden. Dazu gehört auch, dass Menschen ohne Behinderungen möglichst frühzeitig unverkrampft mit Menschen mit Behinderungen zusammenleben.

Besondere Verantwortung der Kirchen

Die Kirchen stehen in einer doppelten Verantwortung für eine menschenrechtskonforme, inklusive Gestaltung des Bildungssystems. Denn es ist unbestreitbar gerade ihnen und ihren Orden und Verbänden zu verdanken, dass Menschen mit Behinderungen in ihren Einrichtungen überhaupt eine Aufnahme und individuelle Förderung erfahren haben. Maßgeblich für dieses diakonisch-caritative Engagement sind ihr spezifisch christliches Menschenbild und die daraus resultierenden ethischen Orientierungen, die weit über kirchliche Einrichtungen hinaus für die gesamte Gesellschaft humanitätsförderliche Impulse setzen. Jeder Mensch ist Geschöpf und Ebenbild Gottes – völlig unabhängig von seiner spezifischen Lebensgeschichte, Lebensleistung oder leiblichen und geistigen Lebensdisposition. Jeder und jedem ist deshalb Beteiligung und damit Bildung möglich wie zu ermöglichen. Jeder und jede führt sein bzw. ihr Leben unter dem Vorbehalt, dass nichts perfekt ist.

Zwar haben auch die christlichen Kirchen viel zu lange gebraucht, um die biblischen und insbesondere jesuanischen Impulse für ein Niederreißen der lebensfeindlichen Barrieren und Mauern zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen wirklich zu beherzigen. Heute jedoch gilt der Grundsatz der Achtung vor jedem Menschen als Geschenk Gottes, ja der tiefen Wertschätzung vor der bereichernden Vielfalt ("diversity") seiner Geschenke: "Mit Behinderungen sein Leben zu führen, hat eine eigene Sinnhaftigkeit. Für die Mehrzahl der Menschen relativiert es die gewohnten Maßstäbe des Sinnvollen und Nichtsinnvollen. Nichtbehinderte Menschen erkennen, dass es möglich ist, sinnvoll zu leben – bei allem Anderssein. Festgefahrene und verengte Bilder von dem, was geglücktes, wahrhaft gelingendes Leben ist, werden aufgebrochen. Sie entdecken am Anderen neue Möglichkeiten, mit den Begrenztheiten auch des eigenen Lebens sinnvoll umzugehen. Sie lernen einen respektvollen Umgang mit Verschiedenheiten, ohne immer wieder die alten Muster von besser oder schlechter zu bemühen. Sie lernen, Ängste vor dem Unbekannten und Befremdlichen abzubauen. Sie lernen eine Menschlichkeit, die für vieles Platz hat."

Damit gewinnt die Rede von der Teilhabe bislang in ihrer effektiven Partizipation behinderter Menschen eine neue Qualität. Teilhabe bedeutet nicht einfach nur Teilnahme am, sondern Teilgabe zum gesellschaftlichen Leben: Menschen mit Behinderungen nehmen nicht nur von den kulturellen, ökonomischen und politischen Errungenschaften einer Gesellschaft, sie geben zu allen diesen Bereichen etwas Eigenes hinzu. Denn sie besitzen nicht nur 'Auch-Kompetenzen', die sie mit anderen teilen. Ihnen eignen auch solche 'Nur-Kompetenzen', die sie von anderen unterscheiden und die Vielfalt menschlichen Lebens bereichert: Menschen mit Behinderungen entwickeln soziale Kompetenzen und kulturelle Kreativitäten oder auch Lebenskraft und Lebensfreude, die gewöhnliche Menschen nicht kennen und oftmals nur verblüffen. Genau darin unterstützt inklusive Bildung eine Bildung für alle.

Autor: Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, Mitglied des ZdK

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