Salzkörner

Mittwoch, 22. August 2012

Ein Rückzug wäre verantwortungslos

Kommunalpolitische Pflichten der Kirche

"Die Kirche zerstört ihre gesellschaftlichen Potenziale, wenn sie ihre Gemeinden um die Reste des Klerus herum organisiert." Mit diesem Warnruf ermahnte Bundestagspräsident und ZdK-Mitglied Dr. Wolfgang Thierse auf dem Katholikentagspodium "Vom Ich zum Wir – Neues Leben im Quartier" die Kirche, ihre Chancen als (noch) flächendeckende Organisation zur Förderung des sozialen Miteinanders im Alltag und an den Lebensorten der Menschen nicht aufs Spiel zu setzen. Tatsächlich bleibt bei vielen Umstrukturierungen des pfarreilichen Lebens die tragende Mitverantwortung der Kirche für das kommunale Leben außer Acht. Dabei hat sie hier genauso Pflichten zu erfüllen wie in ihrem vermeintlichen "Kerngeschäft" Religion. Stefan Eirich und Burkard Vogt (Medienbeauftragter des Bistums Würzburg am bayrischen Untermain) sprachen deshalb mit dem Aschaffenburger Oberbürgermeister Klaus Herzog. Nachfolgend drucken wir eine Zusammenfassung des Interviews ab.

Herr Oberbürgermeister, viele ihrer Kollegen in den ländlichen Regionen Bayerns mahnen die Bischöfe, die Kirche im Dorf zu lassen. Für eine Stadt von der Größe Aschaffenburgs stellt sich die Situation anders dar. Dennoch vollzieht sich auch hier ein tiefgreifender Wandel. Welche Bedeutung hat die Präsenz der katholischen Kirche in Aschaffenburg?

Aschaffenburg hat fast 70.000 Einwohner und gehört zur Diözese Würzburg. In der Stadt leben 34.000 Katholiken. Die 14 Pfarreien in Aschaffenburg wurden bis zum Jahr 2009 zu fünf Pfarreiengemeinschaften zusammengefasst, sie sind aber bislang weitgehend selbständig geblieben, was die Praxis der Seelsorge betrifft. Die Zusammenarbeit zwischen der Katholischen Kirche und der Stadt Aschaffenburg ist gut. Als praktizierender Katholik ist mir dies auch persönlich sehr wichtig.

Wo erleben Sie die Kirche als besonders profiliert?

In vielen Bereichen des sozialen und kulturellen Lebens bringt sich die Kirche mit ihren Institutionen, aber vor allem auch mit ihren Persönlichkeiten im öffentlichen Leben ein. Es gibt viele gemeinsame Projekte. So zum Beispiel die Veranstaltungsreihe "Hinübergehen", die sich mit der "Sterbekultur" beschäftigte. Ich bin den Vertretern der Katholischen Kirche dankbar, dass sie ihre Erfahrungen und Positionen immer einbringen. Alle zwei Jahre wird mit der "Nacht der offenen Kirchen" eine ökumenische Veranstaltung durchgeführt, die kulturelles Ereignis und spirituelle Erfahrung zusammen bringt. In Aschaffenburg gibt es seit zehn Jahren die "Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen", die sich als überkonfessioneller Ansprechpartner etabliert und im kommenden Jahr bei einem Stadtkirchentag das gemeinsame Anliegen der verschiedenen Konfessionen in die Öffentlichkeit bringt.

Und im Alltag?

Die Arbeit der Katholischen Kirche für unsere Stadt ist sehr segensreich. Auch im Bereich der Daseinsfürsorge und der Sozialhilfe. Durch die Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen, durch die Arbeit mit Senioren und die Arbeit in den Jugendeinrichtungen ist die Katholische Kirche sehr stark in der Bürgerschaft verwurzelt. In den Beratungsstellen in katholischer Trägerschaft erfahren die Menschen tagtäglich gelebtes Christentum und Hilfestellung in existenziellen Notsituationen.

Was, um es salopp zu fragen, "bringt" die Kirche der Stadt?

Der gute Geist in unserer Stadt wird ganz wesentlich durch das Engagement der Kirchen geprägt. Ich kann im Wesentlichen drei Arbeitsbereiche ausmachen, die dezentral von Pfarrgemeinden in den Stadtteilen aufgegriffen werden und die weit über ihre liturgischen und katechetischen Aufgaben hinaus gehen:

das soziale Engagement, wie es sich zum Beispiel bei der Nachbarschaftshilfe, den Familien- und Seniorenkreisen, den Krankenbesuchsdiensten, den Krabbeltreffs, den Jugendgruppen usw. zeigt;

das politische Engagement, wie es sich zum Beispiel in der Arbeit der Eine-Welt-Kreise oder bei den kirchlichen Vereinen, Verbänden und Initiativen zeigt, die ganz konkrete Anliegen zu ihrer Sache machen;

das kulturelle Engagement, das beispielsweise durch Chöre und Musikgruppen, Ausstellungen und Konzerte, durch die Bemühungen um den Erhalt der Kunst in den Kirchengebäuden aber auch in den vielen kleinen Festen auf Pfarreiebene seinen Ausdruck findet.

All das bereichert das Zusammenleben in unserer Stadt, all das ist aber auch nur durch ein vielfältiges ehrenamtliches Engagement möglich. Dieses Engagement ist unersetzlich und verdient eine Kultur des Dankes. Das erhöht die Motivation der Ehrenamtlichen und erleichtert die Arbeit des hauptamtlichen Personals, vor allem der Priester.

Wo könnte sich die Kirche noch mehr einbringen?

Anstelle der Werte des Christentums, des Humanismus und der Aufklärung darf nicht "Beliebigkeit" einkehren. Die moral-ethischen Grundsätze des Christentums sollten von der Katholischen Kirche immer wieder eingebracht werden in das Leben unserer Stadt. Das bezieht sich auf das friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen in unserer Stadt und auf den interreligiösen Dialog. Hierfür bedarf es selbstbewusster Pfarrgemeinden vor Ort, die sich auf eine gesicherte Zukunft blicken können.

Kirchliche Planungsstrategen sprechen gerne von einer notwendigen Rückbesinnung auf das "Kerngeschäft". Wie passt das zu Ihren Vorstellungen?

Die Gesellschaft ist im Wandel und überall, so auch in unserer Kirche, wird die Frage diskutiert: "Was sind unsere Kernaufgaben?"Ich bin von ganzem Herzen überzeugt: Die tiefe Verankerung der Katholischen Kirche in der Bürgerschaft, die Hinwendung der Kirche zu den Menschen ist auch in der Zukunft unverzichtbar. Auffassungen, dass sich die Kirche in der Zukunft vor allem mit der Feier der Liturgie und der Weitergabe des Glaubens beschäftigen sollte, greifen meines Erachtens zu kurz. Es ist meiner Meinung nach keine zukunftsweisende Lösung, die Erledigung sozialer Aufgaben ausschließlich den Kirchen nahestehenden Organisationen alleine zu überlassen. Die Kirche braucht die Nähe zu den Menschen! Die Menschen brauchen die Nähe zur Kirche! Eine Konzentration auf so genannte "zentrale Eucharistieorte", wie sie in manchen Bistümern als Lösung für die Personalprobleme in den Blick genommen wird, halte ich deshalb für einen Irrweg.

Wenn wir Sie abschließend um einen guten Rat und ihren Wunsch an die Adresse der Kirche bitten dürfen …

Ich bemerke durchaus, unter welchen wachsenden Anforderungen die Pfarrer als Leiter von immer größer werdenden Pfarreiengemeinschaften stehen. Die Frage ist berechtigt: "Was ist leistbar und auf was kann verzichtet werden?"Ich sehe eine Perspektive darin, den Dialog darüber zu intensivieren, wie ehren- und hauptamtliche Laien stärker mit in die Verantwortung eingebunden werden können. In meiner Arbeit als Oberbürgermeister habe ich die Erfahrung gemacht, dass man Menschen begeistern kann. Voraussetzung ist, dass die Menschen einbezogen werden und dass sie ernst genommen werden. Dann sind sie bereit, sich mit großem Engagement einzubringen.

Ich wünsche mir von meiner Kirche, dass sie sich auch in der Zukunft nicht aus dem sozialen Leben in der Stadt zurück zieht. Sie sollte in der Mitte der Stadt stehen und das soziale Leben tatkräftig im Sinne des Evangeliums gestalten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

 

 

 

Autor: Stefan-B. Eirich Geistlicher Rektor im ZdK Burkard Vogt Medienbeauftragter des Bistums Würzburg am bayrischen Untermain, im Interview mit dem Aschaffenburger Oberbürgermeister Klaus Herzog.

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