Salzkörner

Dienstag, 5. November 2013

Ein riesiges Gemeinschaftsprojekt

Erfahrungen einer Wahlkämpferin

Dr. Claudia Lücking-Michel, Vizepräsidentin des ZdK, ist zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag gewählt worden. Wir haben sie gebeten, von ihren Erfahrungen als Wahlkämpferin zu berichten.

In den ersten neun Monaten dieses Jahres habe ich mich mit zunehmender Intensität im Bundestagswahlkampf engagiert. Es war der erste Wahlkampf, an dem ich aktiv beteiligt war und das gleich als Kandidatin. Jenseits aller politischen Streitthemen und parteipolitischer Festlegungen hier einige Beobachtungen und Erkenntnisse.

Wahlkampf als ein Gemeinschaftsprojekt

Wohl kaum hätte ich je vorher halbwegs realistisch eingeschätzt, wie viel ehrenamtliches Engagement in so einem Wahlkampf vor Ort steckt: Allein hier in Bonn hatten wir über 80 Freiwillige, die in unterschiedlichen Gruppen sich fest eingebracht haben. Das reichte von der Bereitschaft, mich mal von Termin zu Termin zu kutschieren, bis hin zu wochenlanger Mitarbeit bei der Standbesetzung für unseren größten Werbegag, einen italienischen Ape als Kaffeeroller. Viele Leute haben mich gefragt: Wieso haben Sie so viele Mitarbeiter? Wer bezahlt das alles? Alles Ehrenamt! Persönlicher Einsatz in der Freizeit, ohne jedes Entgelt, vielleicht aus parteipolitischem Kalkül, persönlichen Ambitionen, aber vor allem aus dem Interesse an einer lebendigen Demokratie. Die braucht viele Demokratinnen und Demokraten, die sich für die Politik engagieren – nicht nur, aber auch im Wahlkampf.

Hausbesuche

Ich stand der Methode ja sehr skeptisch gegenüber. Hausbesuche? Das war mir viel zu aufdringlich, erinnerte mich an Staubsaugervertreter. Doch nach den ersten Anlaufschwierigkeiten klappte es ganz gut, vor allem dann, wenn ich mit jemanden unterwegs war, der in der Nachbarschaft bekannt war. Die Reaktionen deckten das ganze Spektrum ab: von Tür vor der Nase zugeschlagen bis bestens vorbereitet: Mein Wahlprogramm lag auf dem Wohnzimmertisch, war durchgearbeitet, die kritischen Punkte angestrichen. Doch was mich nach vielen Begegnungen vor allem bewegt: Wie viele ältere Menschen, meist Frauen, habe ich angetroffen, die ganz alleine leben. Sie waren einsam, mein Klingeln bot die erste Gelegenheit am Tag zu reden. Manchmal war es eine ganze Zeile Reihenhäuser am Stück: nur Witwen; ein ganzes Stadtviertel, dm man ansieht, dass hier keine Kinder, ja keine Leute unter 50 wohnen. Quo vadis Deutschland? An zwei Türen haben wir geschellt, hinter denen gerade ein Sterbender lag, bei ihm der Pfleger bzw. die Ehepartnerin, aber unbeachtet von der Familie oder Nachbarschaft. Einmal habe ich gleich noch ein "Vater unser" am Bett vorgebetet und habe dann das Haus erschüttert von so viel menschlicher Einsamkeit verlassen.

Bilder sagen mehr als tausend Worte

Natürlich habe ich das gewusst, aber wenn man mittendrin steckt, ist es noch einmal etwas anderes: "Bilder sagen mehr als tausend Worte". Wichtiger als das Ereignis und die Gespräche selbst ist der Bericht in der Zeitung. Wichtiger als ein Termin ist die Frage, ob die Zeitung davon ein Foto bringt, auf dem man vorteilhaft zu sehen ist.     Und was für ein Drama, ein Foto von mir auszusuchen, das für das Wahlplakat zu gebrauchen war. Ausgesucht haben wir am Ende eins, das entstanden ist, als es gar nicht um das Plakat ging. Auf der Homepage, in Facebook, auf jeder Drucksache haben wir uns häufig mehr Gedanken gemacht über die Bilder als über den Text. Die Wirkung ist rasant. Wir beurteilen eine Person über den äußeren Eindruck, über das Bild, schon bevor wir es wahrhaben wollen. Bezeichnend vielleicht die Reaktion einer Passantin beim Straßenstand nach der Woche mit der Debatte um die Frauenquote und die Rolle von Frau von der Leyen. Zitat: "Also diese Frau von der Leyen, die hat sich ja gemacht, die wird der Kanzlerin noch gefährlich." Spätestens da habe ich mich schon innerlich aufgerichtet, hatte alle Argumente für und gegen die Frauenquote parat, hätte jedes Detail der Abläufe in Berlin wiedergeben können. Doch dann: "Wissen Sie noch, was die früher für eine Frisur hatte und wie die dagegen jetzt aussieht?"

Die hohe Kunst der Podiumsdiskussionen

Vertreter von bis zu sieben Parteien, jeweils ein ganzes Wahlprogramm voller Themen, ein Saal mit Zuhörern, die gerne auch mitreden würden. Bei den Podiumsdiskussionen war die hohe Kunst der Moderation gefragt. Ganz schlecht: Eine Frage an alle acht Parteien, von jedem ausführlich beantwortet, das Wort nur weitergegeben und dann auch noch Entgegnungen und Ergänzungen, frühestens eine halbe Stunde später die Chance für eine neue Frage. Aber es gab auch hervorragend vorbereitete, inhaltlich sehr intensive und zugleich methodisch witzige, abwechslungsreiche Veranstaltungen. Am besten aus meiner Sicht die Diskussionen in zwei katholischen Gymnasien, jeweils mit den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe. Da könnten wir uns für jeden Katholikentag etwas abschneiden.

Der Abgeordnete, der Allmächtige?

Jede Woche habe ich – auch schon als Kandidatin – Bürgersprechstunden angeboten, teils zu aktuellen Fragen, in der Regel aber als offene Gesprächsangebote. Die längste Zeit meldeten sich Mitbürger, die mit mir über politische Streitfragen diskutieren oder meine Position abklopfen wollten. Doch zum Schluss kamen auch Menschen, die mir ihre persönlichen Anliegen und Problem vortragen wollten. Darunter waren erschütternde Einzelschicksale und verzwickte Situationen. Was ich hier berichten will, sind die Fälle, wo Menschen mit der Erwartung zu mir kamen, eine Kandidatin, erst recht aber später eine Abgeordnete, könnte an jedem Recht und Gesetz vorbei, "mal eben was regeln". "Sie kennen bestimmt jemanden, den sie fragen können" – ja, oft war das der Fall, und ich frage gerne, um Kontakte herzustellen, Informationen zusammenzubekommen oder neue Lösungsvorschläge zu entwickeln. Aber gestört hat mich die Voreinstellung, dass "Politiker" nicht an Vorgaben und Verfahren gebunden sind, die auch ansonsten gelten – dass es bei ihnen nur auf ihren persönlichen Einfluss ankommt, um Gesetze, Gerichtsurteile oder rechtliche Auflagen im Sinne ihrer persönlichen Interessen unterlaufen zu können.

Die letzten drei Wochen

Nach dem Ende der Sommerferien in NRW blieben bis zum Wahltag drei Wochen. Die Innenstadt füllte sich wieder, die Leute waren zurück aus dem Urlaub, stellten sich auf Schule und Arbeit ein und ab dann war die Bundestagswahl auch ein Thema. Warum soll ich Sie wählen? Jetzt war das mehr als eine rhetorische Frage, sondern zentraler Entscheidungsdruck. Und jetzt konnte man auch länger und differenzierter einzelne Themen diskutieren. Echte Suche, Ringen um Antworten auf der einen Seite, aber auch die Rückmeldung: "Hat ja doch alles keinen Zweck", "Die belügen uns ja doch alle", "Die Politiker sind alle Verbrecher". Tja, noch war ich es gar nicht ganz, da galt dieses Gesamtvotum auch schon unterschiedslos mir, die ich da am Wahlstand stand. Welch großer Auftrag? Welche Verantwortung, es besser zu machen und jedenfalls nicht neuen Stoff für diese Zuschreibungen zu liefern? Umgekehrt aber durchaus auch: Welche Realitätsferne oder Ahnungslosigkeit, die einem manchmal entgegenschlug.

Die eigene Stadt kennenlernen

Seit 2004 wohne ich mit meiner Familie in Bonn. Beruf, Kinder, Ehemann; ich dachte immer, wir wären gut angekommen und vielfältig in unserer neuen Heimat vernetzt – bis ich dann Wahlkampf gemacht habe. Ich habe nicht nur viele Straßen und Stadtviertel, sondern auch viele Organisationen, Einrichtungen, Verbände und Vereine kennengelernt, von denen ich vorher nicht gehört hatte. Ich habe sehr viele neue Menschen kennengelernt und besonders viele, die sich außerordentlich ehrenamtlich einsetzten. Und ich hatte viele gute Gründe, Häuser zu betreten, zu denen ich sonst noch lange nicht, wenn überhaupt jemals Zugang bekommen hätte. Was es nicht alles gibt in unserer Stadt an Leid, Ausgrenzung, Heimatlosigkeit, aber auch an Einsatz und Engagement zugunsten der Ärmsten. Ich bin nachhaltig beeindruckt. Für mich waren allein schon deshalb die Monate des Wahlkampfes eine große Chance, ein Geschenk und im guten Sinne ein Bereicherung.

Erst recht jetzt, nachdem mich die Wählerinnen und Wähler mit so großem Vertrauensvorschuss ausgestattet und als ihre Repräsentantin nach Berlin geschickt haben, denke ich an diese Begegnungen und Erfahrungen des Wahlkampfes zurück und hoffe, ich kann der Verantwortung gerecht werden.

 

 

 

 

 

 

Autor: Dr. Claudia Lücking-Michel MdB Vizepräsidentin des ZdK

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