Salzkörner

Montag, 30. Juni 2014

Ein starker Brückenschlag

Eine Bilanz

"Mit Christus Brücken bauen" lautete das Leitwort für den 99. Deutschen Katholikentag, den wir vor rund einem Monat in Regensburg erleben durften. Er war ein lebendiger Brückenschlag - in der Kirche, zwischen den Konfessionen und Religionen und nicht zuletzt in die Gesellschaft und Völkergemeinschaft hinein.

Regensburg mit der Steinernen Brücke, neben dem Dom wohl das wichtigste und bekannteste Baudenkmal dieser Stadt, hat uns auch zu unserem Leitwort "Mit Christus Brücken bauen" inspiriert. Wer Brücken bauen will, muss für die Begegnung offen sein, bereit zu hören, aufzunehmen, andere Erfahrungen und Positionen zu achten, aufeinander zuzugehen. Von diesem Geist war der Katholikentag geprägt. 

Brückenschlag in der Kirche

Der Katholikentag war ein starker Beitrag zum Brückenschlag in unserer Kirche. In einer bisher nicht dagewesenen Breite und Vielfalt sind sich hier Menschen und Gruppen mit den unterschiedlichsten Glaubenswegen und Frömmigkeitsformen in unserer Kirche begegnet. Für sie alle bestand die Möglichkeit, ihren Weg anzubieten, für andere erfahrbar zu machen. Der Katholikentag ist ein Forum für Vorbilder. Der Katholikentag war von großer Toleranz aber auch von großer Neugier aufeinander geprägt. In dieser Weise konnte der Katholikentag beispielhaft sein für das Miteinander in unserer Kirche, ja sogar beispielhaft für das Miteinander in einer immer pluraler werdenden Gesellschaft. Der Katholikentag hat sich in Regensburg – neben der erfreulichen Stabilität in der Akzeptanz durch die Teilnehmer - weiter gefestigt als Ort des innerkirchlichen Dialogs.

Starke ökumenische Ausstrahlung

Der Katholikentag hatte eine starke ökumenische Ausstrahlung. Die Sehnsucht nach einem stärkeren Zusammenwachsen der Kirchen ist erneut spürbar geworden. Ich glaube, dass er uns damit den Auftrag gegeben hat, uns sehr ernsthaft auf das Reformationsjubiläum 2017 vorzubereiten. In diesem Jahr erwarten die Menschen – nicht nur in unseren Kirchen - ein deutliches Zeichen der Einheit. Diesen Auftrag werden wir ganz sicher auch auf den Weg zum nächsten Katholikentag 2016 in Leipzig mitnehmen.

Dialog der Religionen

In Regensburg konnten wir aber auch die wichtige und gute Tradition des Dialogs zwischen den Religionen fortsetzen und festigen. Die Brücken zu unseren jüdischen und muslimischen Schwestern und Brüdern konnten in einem gemeinsamen Zentrum, das sich sowohl dem christlich-jüdischen wie dem christlich-islamischen Dialog gewidmet hat, ausgebaut werden.

Ein ganz wichtiger Baustein für den gesellschaftlichen Diskurs über die Bedeutung der Religion für die säkulare Gesellschaft war der Dialog mit dem Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Ein Deutscher Katholikentag in Regensburg

Nach 30 Jahren war der Katholikentag endlich wieder einmal in Bayern zu Gast. Das hat diesen 99. Deutschen Katholikentag nachhaltig geprägt. In Regensburg konnten wir einer Stadt begegnen, die wie kaum eine andere den langen Atem der Geschichte und der Tradition mit der Dynamik unserer Zeit verbindet. Zwischen Steinerner Brücke, Dom und Universität war Regensburg mehr als eine Kulisse für den Katholikentag. Gerade im Kulturprogramm konnte man die Begegnung von Tradition und Moderne sinnfällig erfahren. Beispielhaft steht dafür die Spannweite des musikalischen Angebotes, das von der Mitwirkung der Domspatzen bis zur Uraufführung des Glocken-Te Deums reichte.

Charakteristisch für diesen Regensburger Katholikentag war gleichzeitig auch die starke Präsenz  volkskirchlicher Elemente, die sich in dem umfangreichen Angebot an Wallfahrten und Pilgerwegen niedergeschlagen hat und die in der völkerverbindenden Katholikentagswallfahrt nach Neukirchen am Heiligen Blut ihren Höhepunkt fand.

Ein europäischer Katholikentag

Dieser Katholikentag war ein europäischer Katholikentag.

Unser Wunsch, ihn insbesondere im Blick auf die mittel-osteuropäische Perspektive, also hin zu den unmittelbaren Nachbarn im Osten Regensburg zu öffnen ist gelungen. Das konnte nur geschehen, weil unsere Einladung zur Mitwirkung und zur Teilnahme besonders bei unseren tschechischen Nachbarn offen aufgenommen wurde. Wir sind überrascht, wie viele gekommen sind. Wer in die Besucherströme hineingehört hat, konnte das auch hören. Der Blick auf die Krise in der Ukraine hat unseren Blick dafür geschärft, wie notwendig die Besinnung auf die europäischen Werte, auf Selbstbestimmung und Menschenrechte, aber auch auf die Solidarität, nicht nur in östlicher Richtung, ist. Solidarität muss unteilbar ein. Deutlich geworden ist auch, dass das europäische Projekt auch ein Projekt der Ökumene werden muss. Auch die Kirchen müssen noch deutlicher in ökumenischer Einheit ihren Beitrag für den Frieden leisten.

Den Blick auf die Zukunft Europas in einer immer rasanter zusammenwachsenden Welt hat das Podium "Hat die Welt noch einen Platz für Europa?" mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geweitet.

Einsatz für die Würde des Menschen

Auch eine europäische Perspektive, die aber in unserem eigenen Land beginnen muss, hat der Auftrag an uns Christen, sich für die Würde des Menschen einzusetzen. Dieser Auftrag wird zu einem Prüfstein für die Glaubwürdigkeit unseres Auftrags aus dem Evangelium. In unserer Gegenwart muss er sich im Schutz des ungeborenen Lebens, im Einsatz für die Familie und in der Zuwendung zu Schwerstkranken und Sterbenden bewähren. Der Katholikentag hat erneut gezeigt, dass dies die gemeinsame Überzeugung aller Katholiken ist. Über die richtigen Wege dürfen wir auch untereinander streiten, offen und fair. Dass das möglich ist, ist ein wichtiges Ergebnis von Regensburg.

Gewicht im gesellschaftlichen Dialog

Erneut hat der Regensburger Katholikentag belegt, dass es die großen, Massen mobilisierenden Streitfragen in unserer Gesellschaft derzeit nicht gibt. Trotzdem ist der Gestaltungsauftrag besonders in der Frage nach einem nachhaltigen Lebensstil und einem zukunftsfähigen Weg zu wirtschaften deutlich geworden.

Wir sollten den Aufruf des Bundespräsidenten ernst nehmen und uns einmischen, gerade in die Politik. Die große Präsenz von Politikerinnen und Politikern, aber auch von Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur hat erneut belegt, dass das Wort der Christen Gewicht hat in der öffentlichen Auseinandersetzung über die Zukunft von Staat und Gesellschaft.

Das zentrale Anliegen des Katholikentags war von Beginn an die Mitverantwortung der Christen für die Lebensbedingungen und die Lebenschancen der Menschen. Beim Katholikentag ging es um unseren politischen Auftrag als Getaufte und Gefirmte.

Regensburg hat erneut deutlich gemacht, dass wir uns als Christen der Herausforderung stellen wollen, wie wir aus unserem Glauben heraus und in Verantwortung vor Gott und den Menschen an der Gestaltung einer friedlichen, gerechten und menschenwürdigen Welt mitwirken können. Mehr als zwei Drittel aller Veranstaltungen beim Katholikentag haben sich auf diese Frage gerichtet. Sie haben unseren Blick geschärft für die Solidarität zwischen den Generationen, die Solidarität der Starken mit den Schwachen und die Solidarität unter den Völkern Europas und der Welt.

Bereichernd war hier wieder die große Zahl der Mitwirkenden aus unseren Nachbarländern in Europa aber auch aus Asien, Lateinamerika und Afrika. Sie konnten den Blick auf viele Diskussionen weiten und haben ihnen eine Perspektive verliehen, die bei kaum einer anderen Veranstaltung in unserem Land in dieser Weise sichtbar wird.

Der Auftrag von Regensburg

Ein Katholikentag ist niemals ein Schlusspunkt. Er ist Zeitansage und Auftrag. Innerkirchlich und gesellschaftlich-politisch.

Ich verstehe die Signale des Regensburger Katholikentags als Auftrag, den Dialog in unserer Kirche in aller Offenheit und Toleranz fortzusetzen, die Ökumene zu fordern und zu fördern, Europa neu als eine solidarische Gestaltungsaufgabe zu begreifen und uns in unserem Land für den Schutz der Menschenwürde besonders am Ende des Lebens einzusetzen.

 

 

 

 

 

Autor: Alois Glück Präsident des ZdK

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