Salzkörner

Montag, 29. August 2011

Eine Form der Anerkennung des Ehrenamtes

Kompetenz- und Engagementnachweise

"Macht unsichtbare Arbeit sichtbar" und "Macht unsichtbare Qualifikationen sichtbar", das waren die Titel für Aktionen des ökumenischen Trägerkreises Ehrenamtes, in dem von 1993 bis 2003 überwiegend konfessionell gebundene Vereine und Verbände gemeinsam für eine bessere Anerkennung des Ehrenamtes gestritten haben. Der Trägerkreis gab die Nachweise über "ehrenamtlich, freiwillig und unentgeltlich geleistete Arbeit in Kirche und Gesellschaft" heraus.

Mit diesen Nachweisen, die von den ehrenamtlich engagierten Mitgliedern der beteiligten Verbände, unter anderem der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), der Evangelischen Frauenhilfe in Deutschland, der Katholischen und Evangelischen Telefonseelsorge, dem Borromäusverein u. a., ausgefüllt wurden, konnte erstmals in Deutschland in einer Studie der Umfang der ehrenamtlichen Arbeit festgestellt werden. Die Ehrenamtlichen führten über einen gewissen Zeitraum mit diesen Nachweisen Buch über ihre ehrenamtlich geleisteten Stunden und schickten sie den Trägerorganisationen zu.

Länderinitiativen

Im Jahr 2001 führte dann als erstes Bundesland Nordrhein-Westfalen den Landesnachweis ein. Nach eigenen Aussagen des zuständigen Ministeriums wurde dieser Nachweis durch die Aktion "Macht unsichtbare Arbeit sichtbar" maßgeblich beeinflusst. Im Landesnachweis Nordrhein-Westfalen, der heute "Füreinander. Miteinander. Engagiert im sozialen Ehrenamt" heißt, geht es um den Nachweis über eine ehrenamtliche Tätigkeit und die in dieser Tätigkeit erworbenen Kompetenzen. Der Landesnachweis Nordrhein-Westfalen feierte im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011 sein zehnjähriges Bestehen.

Inzwischen haben weitere Bundesländer entsprechende Engagement- oder Kompetenznachweise eingeführt. Dazu zählen Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Berlin und Hamburg. Diese Entwicklung, hin zu offiziell von den Länderbehörden ausgestellten Dokumenten, stellt einen deutlich sichtbaren Erfolg für das Ehrenamt dar. Mit diesen Nachweisen können Ehrenamtliche in der Regel relativ unbürokratisch einen Nachweis sowohl über Umfang und Inhalt ihrer Tätigkeit als auch über Kompetenzen aus dem Ehrenamt bekommen.

In einer Gesellschaft, in der Erwerbsarbeit sich im Wandel befindet und die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit, Familienarbeit und Engagement offener werden, kann ein solcher Nachweis eine Brücke zwischen Ehrenamt und Erwerbsarbeit sein. Er stellt damit gerade für jüngere Menschen eine Form der Anerkennung des Ehrenamtes und einen Anreiz für ehrenamtliches Engagement dar. Für Frauen, aber auch zunehmend für Männer, könnte mit solchen Nachweisen z. B. ein Wiedereinstieg in den Beruf erleichtert werden. Voraussetzung ist die gesellschaftliche Anerkennung und das Bewusstsein über den Wert der im Ehrenamt erworbenen Kompetenzen für die Arbeitswelt.

Informelles Lernen

Bildungsforscher unterscheiden zwischen formalem Lernen, das in Schule und Ausbildung nach festen Lehrplänen geschieht, informaler Bildung, z. B. durch Bildungsangebote von Verbänden und freien Trägern, und informellem Lernen. Letzteres vollzieht sich im unmittelbaren Lebens- und Erfahrungszusammenhang eines Menschen. Es geschieht quasi unbeabsichtigt und folgt keinen Lehrplänen. Es ist mittlerweile wissenschaftlich nachweisbar, welch große Bedeutung informelles Lernen für die Entwicklung der persönlichen und beruflichen Professionalität des Einzelnen in der modernen Arbeitswelt hat. Das Ehrenamt stellt neben der Familie einen wichtigen Lernort für informelle Kompetenz dar. Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, eignen sich wichtige Schlüsselqualifikationen an, die Arbeitgeber schätzen. Zusätzlich erwerben sie durch informale Bildungsangebote im Rahmen ihres Ehrenamtes weitere Kompetenzen und fachspezifische Kenntnisse hinzu.

Zu diesen Kompetenzen zählen "Personale Kompetenzen" wie Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein, "Soziale und Kommunikative Kompetenzen" wie z. B. Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Teamfähigkeit und "Handlungsorientierte oder Methodische Kompetenzen" wie z. B. die Fähigkeit, eine Sitzung zu leiten oder einen Gesprächskreis zu moderieren.

Kompetenzbilanzen

Es existieren mittlerweile unterschiedliche wissenschaftlich basierte Methoden zur Feststellung dieser informell und in informalen Bildungsprozessen erworbenen Kompetenzen. Diese sogenannten Kompetenzbilanzen erfordern jedoch ein begleitetes Feststellungsverfahren und Auswertungen. Die von den Bundesländern angebotenen Engagement- und Kompetenznachweise stellen demgegenüber bewusst ein niedrigschwelliges Angebot dar. Hier reichen eine Benennung des Ehrenamtes, Angaben über den zeitlichen Umfang und Stichworte zur ausstellenden Organisation für den Nachweis. Weitere Angaben sind freiwillig. In einer von Ehrenamtlichen getragenen Organisation und im Rahmen ehrenamtlich erbrachter Leistungen können aufwendige Kompetenzbilanzierungsverfahren in der Praxis kaum durchgeführt werden. Darüber hinaus verbietet die Freiwilligkeit des Engagements ein Zeugnis vergleichbar mit einem Arbeitszeugnis. Die von den Bundesländern angebotenen Nachweise ermöglichen den ausstellungsberechtigten Organisationen dennoch, offizielle Belege für Ehrenamtliche auszustellen.

Beispiel

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands schlägt ihren Diözesanverbänden ein vereinfachtes Verfahren einer Kompetenzbilanz zur Formulierung der Nachweise vor. Dieser Weg stellt einen pragmatischen Kompromiss zwischen den Anforderungen einer Feststellung von Kompetenzen aus dem Ehrenamt und der praktischen Handhabbarkeit dar.

Ehrenamtlich Tätigen, die einen Kompetenznachweis wünschen, werden drei Schritte vorgeschlagen:

Erstellung einer Liste, wann und wie lange die betreffende Person ehrenamtlich in unterschiedlichen Ämtern oder Projekten tätig war,

eine Zuordnung von Aufgaben und Tätigkeiten zu den jeweiligen ehrenamtlichen Ämtern bzw. Tätigkeiten mit möglichst genauer Beschreibung,

Zuordnung von Kompetenzen aus einer vorliegenden Kompetenzliste zu den einzelnen Tätigkeiten.

Ein Engagementnachweis sollte immer folgende Angaben enthalten:

Name, Geburtsdatum, Adresse, Zeitraum und genaue Bezeichnung der ehrenamtlichen Tätigkeit,

Beschreibung der Tätigkeit in Stichworten.

Darüber hinaus können in Ergänzung der konkreten Tätigkeitsbeschreibung die erworbenen sozialen, persönli-chen und fachlichen Kompetenzen genannt werden sowie

die Teilnahme an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen.

Verbände und Organisationen, die Interesse haben, ihren Ehrenamtlichen Nachweise über Kompetenzen aus dem Ehrenamt auszustellen, können in den entsprechenden Bundesländern bei den zuständigen Ministerien die Ausstellungsberechtigung beantragen.

Öffentliche Anerkennung

Das Angebot dieser Nachweise stellt einen wichtigen Schritt in Richtung der öffentlichen Anerkennung ehrenamtlicher Tätigkeit und insbesondere der Anerkennung der im Ehrenamt erworbenen Kompetenzen dar. Es wird in Zukunft darum gehen, auch bei Arbeitgebern für diese Anerkennung zu werben: Je selbstverständlicher Ehrenamtliche nach Beendigung ihres Engagements einen solchen Nachweis zur Anerkennung ausgestellt bekommen, desto attraktiver wird das Ehrenamt werden.

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands bietet zu diesem Thema eine ausführliche Broschüre an mit Hinweisen zur Formulierung von Nachweisen und Feststellung von Kompetenzen sowie den entsprechenden Kontaktadressen in den Ministerien: "Macht unsichtbare Qualifikation sichtbar! Anleitung zur Dokumentation von Kompetenzen aus dem Ehrenamt mit den Nachweisen der Bundesländer" Bezug:
Tel.: 0211/44992-0, E-Mail: order@kfd.de, www.kfd.de.

Autor: Dr. Heide Mertens Abteilungsleiterin Politik/Gesellschaft, kfd

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