Salzkörner

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Eine Frage globaler Solidarität!

Klimaschutz als Herausforderung im Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit
"Hoffnung, aber kein Sieg für die Anliegen der Armen." Auf diese kurze Formel brachte MISEREOR letztes Jahr das Ergebnis der Weltklimakonferenz auf Bali, Indonesien. Mit Blick auf die diesjährigen Klimaverhandlungen in Polen wird die Hoffnung geringer, dass der Bali Aktionsplan aus dem Vorjahr im Sinne der Armen weiter ausgestaltet wird und bis zur Klimaverhandlung 2009 in Kopenhagen tatsächlich ein ausreichend starkes und gerechtes Klimaschutzabkommen verabschiedet werden kann.

Klimawandel verstärkt Armut und Ungerechtigkeit

Mit dem stark gestiegenen Verbrauch fossiler Brennstoffe und der Abholzung der Wälder seit dem Beginn der Industrialisierung hat die Menschheit das Klima verändert. Während die Industrienationen auf dieser Ausbeutung ihr Wachstum gründeten, leiden heute besonders die Armen unter den Folgen der globalen Erwärmung. Extreme Wetterereignisse wie Überflutungen und Stürme nehmen an Stärke und Häufigkeit zu, während andernorts in ohnehin trockenen Regionen der Regen ausbleibt. Für arme Menschen, die sich nicht durch Vorräte, Ersparnisse oder Versicherungen über solche Katastrophen retten können, bedeuten solche Krisensituationen Hunger und Not. Klimawandel ist also nicht "nur" ein Umweltproblem, sondern die Spitze des Eisbergs einer ungerechten Welt.

Internationale Verhandlungen

Letztes Jahr wurde auf der Klimakonferenz in Bali ein Fahrplan verabschiedet, der Ziele und Bestandteile eines neuen Klimaschutzabkommens festlegt, welches nach Auslaufen der ersten Verpflichtungsperiode des Kyoto Protokolls die internationale Klimapolitik regeln soll. Mit dem Kyoto Protokoll von 1997 legten sich die Industrienationen fest, ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis 2012 um 5 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Die derzeit stattfindende Klimakonferenz in Polen ist ein Zwischenstopp auf dem Weg zu einem ambitionierteren Klimaschutzabkommen, welches auf der Klimakonferenz im Dezember 2009 in Kopenhagen verabschiedet werden soll.

Stillstand auf dem Internationalen Parkett?

Die internationalen Verhandlungen gehen inzwischen voran, allerdings sehr langsam. In Polen wird dieser Tage noch immer darüber diskutiert, was überhaupt die gemeinsame Vision, das gemeinsame Ziel der Verhandlungen ist und es ist absehbar, dass die Diskussionen nicht in diesem Jahr enden. Dabei wurde bereits in der Klimarahmenkonvention 1992 festgelegt, dass das Ziel die Bekämpfung eines gefährlichen Klimawandels ist. Die Wissenschaft geht davon aus, dass unser Klimasystem zwei Grad durchschnittliche Erwärmung ertragen kann, ohne dass unumkehrbare Prozesse im Klimasystem in Gang gesetzt werden. Dazu müssen die globalen Treibhausgasemissionen bereits in 10 Jahren ihren Höhepunkt erreicht haben und bis 2050 muss de facto eine emissionsfreie Wirtschaft in den Industrienationen bestehen. Die Industrienationen haben zudem die moralische Pflicht, die Schwellen.- und Entwicklungsländer darin zu unterstützen, eine klimafreundliche Wirtschaft aufzubauen.

Dazu gehört auch, die Abholzung in den Entwicklungsländern zu beenden. Deren Zerstörung der Wälder trägt weltweit mit ca. 20 % zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei. Rodungen schreiten vor allen in den Entwicklungsländern rapide voran. Mit dem Wald werden unzählige Tier- und Pflanzenarten – zum Teil unwiederbringlich – vernichtet. Doch Wald ist nicht nur ein Holzreservoir, eine Kohlenstoffsenke oder Ökosystem, sondern auch Lebens- und Wirtschaftsraum für viele Menschen in den Entwicklungsländern. Sie sammeln hier Früchte, Pilze oder Medizinalpflanzen Bewaldung schützt zudem vor den Folgen extremer Wetterereignisse – sie nimmt den Stürmen die Kraft, sichert Berghänge bei extremen Regenfällen. Zudem ist ein vielfältiges Ökosystem besser in der Lage, sich an verändernde Umweltbedingungen anzupassen- in Zeiten des Klimawandels wird er damit wichtiger denn je.

Nur wenn die Regierungen der Entwicklungs- und Schwellenländer Unterstützung im Klimaschutz erhalten, werden sie bereit sein, einen emissionsarmen Entwicklungspfad einzuleiten. Dies ist allerdings nötig; denn die Industrieländer haben inzwischen die Atmosphäre so sehr aufgeheizt, dass das zwei Grad Ziel ohne einen Beitrag der schnell wachsenden Schwellenländer nicht mehr zu erreichen ist. Viele Wissenschaftler bezweifeln bereits ohnehin, dass die globale Erwärmung noch auf zwei Grad Celsius begrenzt werden kann. Und auch zwei Grad werden bedeuten, dass sich Menschen weltweit an veränderte Umweltbedingungen anpassen müssen. Als historische Verursacher des Klimawandels haben die Industrienationen daher die Pflicht, Entwicklungsländer bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen.

Deiche, Salzwasseraufbereitungsanlagen, Frühwarnsysteme, Regenwasserauffangbecken – technische Maßnahmen, die nicht von Entwicklungsländern alleine umgesetzt werden können. Hinzu kommen soziale Herausforderungen und Konfliktpotentiale, die umfassender Antworten bedürfen. Die Einführung neuer Anbaumethoden etwa ist nicht allein eine technische Frage und auch Menschen, die der ansteigende Meeresspiegel vertreibt, müssen in ihrer neuen Heimat aufgefangen werden. Sozialen Spannungen, ausgelöst durch knapper werdende Ressourcen wie Boden und Wasser müssen vorgebeugt werden. Neue Anbaumethoden sowie neue Nahrungsmittelpflanzen bringen häufig auch kulturelle Veränderungen mit sich und bedürfen intensiver Begleitung, damit sie tatsächlich erfolgreich umgesetzt werden. Auf den Klimawandel und die mit ihm verknüpfte weltweite Ernährungsunsicherheit antwortet MISEREOR etwa mit einer vorrangigen Förderung der nachhaltigen, kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Sie ermöglicht den Menschen auf kleinen Flächen und mit nur geringen Investitionen eine krisensichere, umweltverträgliche Produktion von Lebensmitteln und damit Ernährungssicherheit. Es zeigt sich nachweislich, dass Bäuerinnen und Bauern in den von uns geförderten Projekten die Veränderungen besser bewältigen können. Aber wenn Land verschwindet, gar kein Regen mehr fällt, ist auch mit bester Unterstützung die Anpassungsfähigkeit begrenzt.

Der Klimawandel zeigt uns deutlich, dass unsere heutigen Konsum- und Produktionsmuster nicht mehr tragfähig sind für diesen einen Planeten. Noch immer scheint den meisten nicht bewusst, dass der Klimawandel bereits jetzt stattfindet. Es gibt Menschen, die bereits jetzt aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlieren oder an Hunger leiden., deren Vieh verdurstet, deren Ackerland in Regenfluten versinkt und deren Ernten in der Sonne verdorren.

Deutschland - ein Musterknabe?

Im November diesen Jahres verkündete die Bundesregierung, dass sie ihr Kyoto- Ziel bereits erreicht habe – vier Jahre vor Ablauf der Frist. Wenngleich der Mauerfall erheblich bei der Zielerreichung beigetragen hat, ist dies mehr als viele andere Staaten erreicht haben. Auch international war Deutschland bisher führend. Die EU und insbesondere Deutschland waren im letzten Jahr auf Bali mit ehrgeizigen Klimaschutzzielen und bester Diplomatie ein Vorbild für die Welt und haben entscheidend dazu beigetragen, dass der Bali Aktionsplan verabschiedet wurde. Dieses Jahr versäumte es die EU hingegen, angetrieben ausgerechnet durch Deutschland und Polen, im Vorfeld der Konferenz ein deutliches Signal nach Polen zu senden. Weder hat sie konstruktive Vorschläge zur Umsetzung des Bali Aktionsplans gemacht, noch zeigte sich in den parallel stattfindenden Verhandlungen zum EU Klimaschutzpaket, dass sie bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, wenn es an die konkrete Umsetzung geht. Es bleibt zu hoffen, dass dem Beispiel der EU nicht auch andere folgen werden und entschieden in Richtung Kopenhagen verhandelt wird. Diese Entwicklung zeigt, dass weiterhin erheblicher Druck aus der Gesellschaft erforderlich ist – die ZdK-Erklärung "Schöpfungsverantwortung wahrnehmen - jetzt handeln! Für einen nationalen und internationalen Klimaschutz" wird dazu einen Beitrag leisten können.

Autor: Dr. Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks MISEREOR und Hauptabteilungsleiter für den Bereich "Internationale Zusammenarbeit", Mitglied des ZdK

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