Salzkörner

Mittwoch, 13. Mai 2015

Eine bunte Kladde kann so viel bedeuten…

Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) bietet Beratung und trägt zu etwas mehr Schutz für Frauen in der Prostitution bei.

Prostituierte sind generell erheblichen psychischen und physischen Gefährdungen und milieutypischen Begleitstraftaten ausgesetzt. Besonders am Straßenstrich prostituieren sich Frauen, die von Suchtmitteln abhängig oder wohnungslos sind, nach ihrer Ankunft in Deutschland noch nicht Fuß gefasst haben oder in anderen besonderen Not- und Zwangslagen leben. Der SkF lässt sie nicht allein. Er bietet ihnen eine Anlaufstelle und trägt zu mehr Schutz für sie bei.

Im Beratungscontainer des SkF Essen für Frauen in der Straßenprostitution liegt sie, die bunte Kladde. Sie enthält Erfahrungsberichte von Mädchen und Frauen über das Geschehen der letzten Tage und Nächte. Ich lese Warnungen wie diese: "Passt auf! Da war einer, der hat mir echt Angst gemacht, …". In der Kladde finden sich auch Grüße, Erzählungen, wie es der einen oder anderen gerade geht oder die Frage nach einer Bekannten, die seit einiger Zeit vermisst wird.

Diese Kladde, der Tisch, auf dem sie liegt und der Container am Rande des Straßenstrichs bedeuten für die Frauen viel. Sie schreiben sich etwas von der Seele, kommen zur Ruhe und zu sich selbst und bekommen lebenswichtige Informationen über das Geschehen auf dem Platz, auf dem sie ihrer Tätigkeit nachgehen.

Schwieriges Unterfangen

Die Hilfe durch den SkF ist ein schwieriges Unterfangen; auch deshalb, weil ständig Anfragen im Raume stehen: Helfen die warme Suppe und das offene Ohr wirklich? Sind die Beraterinnen zu nah am System der Prostitution und stützen sie es damit in gewisser Weise auch? Genügt das Wissen darüber, dass im Container eine Beraterin ist, die auch eine Brücke sein könnte in ein anderes Leben?

Die Unterstützung nicht zu leisten, ist für den SkF allerdings keine Alternative. In Essen und Köln beispielsweise sind die Übergriffe auf Frauen, die sich auf dem ausgewiesenen Straßenstrich prostituieren, erheblich zurückgegangen. Die Frauen sind sich sicherer, sie unterstützen sich auch gegenseitig besser und wenden sich durch die Erfahrung des niedrigschwelligen Angebotes auch eher anderen Unterstützungsangeboten zu. Und: Keinesfalls begünstigt die Arbeit des SkF die Prostitution!

Seit seiner Gründung hilft der SkF Frauen in der Prostitution. Schon immer bewegt sich der Sozialverband damit in einem Spannungsfeld zwischen der Anerkennung der Lebenslage der Frau, deren eigener Lebensentscheidung und einem Menschenbild, das die Nachfrage und das Angebot sexueller Dienstleistung nicht unterstützt. Am 19. Juni 1900 fanden sich die Zentrumspolitikerin Agnes Neuhaus, der Dortmunder Propst Löhers, der Jesuit Julius Seiler und 30 engagierte Frauen in der Propstei in Dortmund ein. Dort gründeten sie gemeinsam den Verein vom Guten Hirten (heute SkF). "Die Türen mussten gut verschlossen bleiben, damit das heikle Thema der Fürsorge für gefallene und gefährdete Mädchen keinesfalls vor nicht ganz sorgfältig ausgewählten Zuhörern behandelt wurde", ist überliefert. Das Gründungsmotiv des SkF war es, einen Frauenfürsorgeverein zu gründen, der sich zunächst vornehmlich den Mädchen und jungen Frauen widmete, die gefährdet waren.

Dabei standen Zuwendung, praktische Hilfen und neue Lebensperspektiven schon immer im Vordergrund. Dies bedeutete und bedeutet noch immer, die konkrete Lebenssituation anzuerkennen und zunächst die akute Lebenslage und den Schutz zu verbessern, Zugänge zu den Frauen zu gewinnen, um sie bei dem Wunsch des Ausstiegs aus ihrer Situation unterstützen zu können. Aus allen Beratungen wissen wir, dass Menschen nur über Veränderungen nachdenken können, wenn sie sich angenommen wissen.

Heute bleiben die Türen nicht verschlossen, wenn über Hilfen für Prostituierte debattiert wird und dennoch gibt es verbandliche Themen und Diskussionen, die freudiger und vollmundiger nach außen getragen werden, als dieses.

Am Rande der bürgerlichen Gesellschaft

An der Seite der Frauen zu sein bedeutet in diesem Fall für den SkF auch, sich am Rande der bürgerlichen Gesellschaft zu bewegen, obgleich wir wissen, dass sowohl die Prostituierten, als auch die Kunden aus allen gesellschaftlichen und sozialen Milieus kommen. Schon mit der Gründung des Verbandes entschieden sich die Frauen aber dafür, sich der oft bitteren Realitäten anzunehmen. So ist von Agnes Neuhaus überliefert, dass sie sagte, sie würde auch selbst in ein Bordell gehen, um ein Mädchen zu retten.

Mit seinen Hilfsangeboten für Frauen in der Prostitution richtet sich der SkF heute vornehmlich an Frauen in der Straßenprostitution. Diese sind in besonderem Maße den genannten Gefahren ausgesetzt. Grundlage für die Arbeit mit Prostituierten ist, wie in anderen Beratungsprozessen auch, den Frauen mit größter menschlicher Wertschätzung zu begegnen. Die Beraterinnen bewerten die Lebensentscheidungen der Frauen nicht. Sie geben ihnen notwendige Informationen und Hilfen zu rechtlichen und medizinischen Themen, bieten einen Rückzugsraum und helfen, neue Lebensperspektiven zu entwickeln und den Ausstieg anzugehen, wenn die Frauen dazu bereit sind.

Aus diesem Engagement heraus setzt sich der SkF seit seiner Gründung vor über 100 Jahren für verlässliche Unterstützungssysteme und verbindliche gesetzliche Regelungen ein.

Schutz und Sicherheit

Das Bemühen um rechtliche Regelungen bei der Ausübung von Prostitution sieht sich einem Dilemma ausgesetzt: Einerseits tragen diese Regelungen dazu bei, den Schutz der in der Prostitution Tätigen zu gewährleisten, andererseits besteht die Gefahr, dass die Einführung verbindlicher Regelungen dazu beiträgt, Prostitution wie jede andere Dienstleistung zu behandeln. Die aktuellen Eckpunkte zur Novellierung des Prostitutionsgesetzes begrüßt der SkF. Sie enthalten bessere Regelungen zum Betrieb von Prostitutionsstätten, sie benennen das Ziel, die Regelungen besser kontrollierbar zu machen und sie haben nicht in erster Linie Sanktionen für die Prostituierten im Blick, sondern nehmen die Nutzer und Gewerbetreibenden sexueller Dienstleistungen stärker in die Verantwortung für Schutz und Sicherheit.

Aus der Arbeit mit den Frauen auf dem Straßenstrich wissen die SkF-Beratungsstellen, dass auch diese neuen gesetzlichen Regelungen an vielen Frauen, die sich am Rande der Legalität und im Dunkelfeld der Prostitution befinden, vorbeigehen werden. Für sie sind niedrigschwellige Anlaufstellen wichtig, an denen sie dennoch Unterstützung, Beratung und Hilfe finden können.

Der SkF steht in der Tradition von Agnes Neuhaus, die aus tiefem Glauben heraus, entfacht durch einen zunächst unbefangenen, dann sehr prägenden Besuch auf einer Geschlechtskrankenstation, und aus der festen Überzeugung, dass Frauen, die der Prostitution nachgehen, liebende Zuwendung, praktische Hilfen und neue Lebensperspektiven benötigen, mutig einen Weg beschritt, dessen Verlauf sie nicht kannte. "Es gehen heute Mädchen daran zugrunde, dass sie kein Dach über dem Kopf haben. Gute Menschen nehmen solche nicht auf. Bei schlechten können sie immer unterkommen", schrieb Agnes Neuhaus dem SkF ins Stammbuch, was den Sozialverband auch jetzt noch veranlasst, andere Verbände und Organisationen in die Debatten einzubinden. So sind wir sehr froh, dass die übrigen katholischen Frauen- und Fachverbände, das ZdK und die katholischen Bischöfe sich ebenfalls in die Debatte um die Novellierung des Prostituiertenschutzgesetzes einbringen und wir gemeinsam deutlich machen können, dass wir unsere Augen nicht davor verschließen, dass Prostitution Realität ist und wir an der Seite der Frauen stehen, die unsere Unterstützung benötigen.

 

 

 

 

 

 

Autor: Nadine Mersch Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein e. V. Stabsstelle Sozialpolitik und Öffentlichkeitsarbeit

zurück zur Übersicht