Salzkörner

Donnerstag, 30. Juni 2016

Eine dauerhafte Aufgabe in Europa

Was uns sieben Jahrzehnte Wirken der Ackermann-Gemeinde lehren

Die Fähigkeit zum Dialog ist zentral für Europa. Dies macht Papst Franziskus in seiner Rede zur Verleihung des Karlspreises am 6. Mai 2016 im Vatikan deutlich: "Wir sind aufgefordert, eine Kultur des Dialogs zu fördern, indem wir mit allen Mitteln Instanzen zu eröffnen suchen, damit dieser Dialog möglich wird und uns gestattet, das soziale Gefüge neu aufzubauen. Die Kultur des Dialogs impliziert einen echten Lernprozess sowie eine Askese, die uns hilft, den Anderen als ebenbürtigen Gesprächspartner anzuerkennen (…). Der Frieden wird in dem Maß dauerhaft sein, wie wir unsere Kinder mit den Werkzeugen des Dialogs ausrüsten und sie den 'guten Kampf' der Begegnung und der Verhandlung lehren. Auf diese Weise werden wir ihnen eine Kultur als Erbe überlassen können, die Strategien zu umreißen weiß, die nicht zum Tod, sondern zum Leben, nicht zur Ausschließung, sondern zur Integration führen. (..) Rüsten wir unsere Leute mit der Kultur des Dialogs und der Begegnung aus."

Ohne "Pioniere" oder Wegbereiter des Dialogs und ohne echte Begegnungen zwischen Menschen wäre das heutige Europa aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges nicht erstanden. Aus Feindschaft und Hass wären nicht gute Nachbarschaft, Kooperation und sogar Freundschaft geworden. Zu diesen Wegbereitern des Dialogs zählt in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft gerade die Ackermann-Gemeinde, die in diesem Jahr auf 70 Jahre ihres Bestehens blicken kann. Ihre Mitglieder und Förderer haben von Anfang an Brücken zu den östlichen Nachbarn aufgebaut und beschritten, insbesondere nach Tschechien und in die Slowakei. Heute überschreiten diese Brücken ohne Zögern auch die entferntesten Politiker. Gegründet wurde sie am 13. Januar 1946 von katholischen Heimatvertriebenen aus Böhmen, Mähren und Schlesien. Wie die literarische Gestalt des Ackermanns im frühneuhochdeutschen Werk "Der Ackermann und der Tod" des Johannes von Saaz (um 1400) wollten sie das erlittene Schicksal annehmen, zu einem "Ja" und "Amen" finden. Der Augustinerpater Dr. Paulus Sladek, in Prag noch Studentenseelsorger und dann erster Geistlicher Beirat, hatte für das erste Treffen ein Sühne- und Gelöbnisgebet formuliert. Darin ist zu lesen: "Deine Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und Deine Ratschlüsse können wir nicht ergründen. (…) Dir wollen wir vertrauen, Deiner Vorsehung uns unterwerfen. Unser Leben legen wir in Deine Hand." Das Vertrauen auf Gott, auf seine Barmherzigkeit und darauf, dass er es gut mit den Menschen meint, finden in diesem Gebet Ausdruck. Aber genauso das Bewusstsein, dass man als Christ besonders gefordert ist: "Wir wollen es wieder ernst nehmen mit unseren Christenpflichten."

"Wir wollen Bausteine und kein Sprengstoff sein"

Dialog kann nur gelingen, wenn man sich selbst gegenüber kritisch ist. Hierzu gehört auch das Bekennen eigener Schuld. Pater Paulus formulierte es im Gebet vor 70 Jahren: "Wir haben unsere Heimat verloren. Vertrieben von Haus und Hof, getrennt von unseren Lieben, essen wir das harte Brot der Heimatlosen. (…) Mit großem Leid hast Du uns heimgesucht um unserer Sünden willen. Aber alles, was Du uns getan, o Herr, hast Du getan nach gerechtem Gericht. Wir haben nicht nach den Sünden der anderen zu fragen, wir müssen die eigene Schuld bekennen. Wir sind träge gewesen in Deinem Dienste, hartherzig und lieblos gegen den Nächsten, gleichgültig gegen Deine Gnade und die heiligen Sakramente. Auch wir haben Anteil an der Schuld, die unser Volk auf sich geladen hat. Wir bekennen und bereuen!"

Starke und zugleich mutige wie wegweisende Worte. Um Gräben zu überwinden und einen Dialog anzuknüpfen, braucht es solche Worte. Natürlich stand bei der Ackermann-Gemeinde zunächst die Überwindung der materiellen, aber eben auch der seelischen Not, die durch die Vertreibung entstanden sind, im Mittelpunkt. Sie warb früh für Integration und arbeitete an einer Beheimatung der Vertriebenen in der jungen Bundesrepublik Deutschland. "Wir wollen Baustein und nicht Sprengstoff sein!" und "nicht auf gepackten Koffern sitzen bleiben" waren die eindringlichen Worte von Hans Schütz, der nicht nur als erster Bundesvorsitzender, sondern auch als CSU-Sozialpolitiker im Bundestag und als bayerischer Minister unermüdlich für die Integration der Vertriebenen wirkte. Aus der Erfahrung unserer Gemeinschaft heraus wissen wir auch heute, was der Verlust von Heimat und das Gefühl von Heimatlosigkeit bedeuten. Und wir wissen, dass es damals wie heute darauf ankommt, Menschen, die bedürftig und Schutz suchend ins Land kommen, offen und herzlich zu begegnen und ihnen Solidarität sowie eine echte Chance für Integration zu gewähren.

Chancen für Begegnung

Die Ackermann-Gemeinde sah es schon in der Zeit des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs als ihre Aufgabe an, Verbindungen in die alte Heimat aufrechtzuhalten oder neu aufzubauen. Alle Möglichkeiten, die sich dafür boten, wurden genutzt. Zunächst mit den Landsleuten tschechischer Nationalität, die nach der kommunistischen Machtübernahme Zuflucht im Westen fanden. Die damaligen Verantwortlichen warteten nicht auf die ideale Situation, sondern knüpften, wann immer es möglich war, Kontakte und schufen so die Chance für Begegnungen. Nachdem für Westdeutsche ab Anfang der 1960er Jahre Reisen in die Tschechoslowakei erlaubt waren, machten sich Busse auf den Weg und durchlöcherten den Eisernern Vorhang. Aus den Begegnungen mit verfolgten Christen und dem Wissen um ihre Situation entwickelte das Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde breit angelegte Unterstützungsmaßnahmen für Priester und Laien. Allein die "Priesterkartei" des Sozialwerks umfasst 1.258 Namen von Geistlichen, die bis 1989 betreut wurden und Literatur, Medikamente und finanzielle Unterstützung erhielten.

Dialog ohne Vorbedingungen

Neue Möglichkeiten eröffneten sich mit dem "annus mirabilis" 1989. Die bestehenden Kontakte, ja zum Teil Freundschaften boten einen guten Ausgangspunkt, nun offen und ohne Vorbedingungen für eine Überwindung des von Deutschen und Tschechen in der Vergangenheit begangenen Unrechts zu wirken und sich für Versöhnung einzusetzen. Diesem Ziel dienen auch die zahlreichen deutsch-tschechischen Partnerschaftsprojekte, Dialogforen, Jugendbegegnungen und Aktionen zur Förderung des kirchlichen Lebens. Seit 1992 hat die Ackermann-Gemeinde in Prag ein Büro. Am Palmsonntagswochenende 2016 kamen bereits zum 25. Mal Deutsche und Tschechen sowie Teilnehmer aus weiteren Ländern Mitteleuropas zum "Brünner Symposium" zusammen. 1999 schlossen sich Menschen in Tschechien zusammen und gründeten mit der "Sdružení Ackermann-Gemeinde" eine Schwesterorganisation.

Dialog gefragt – immer noch und immer wieder

Heute sind wir als Ackermann-Gemeinde in Deutschland und in Tschechien gemeinsam unterwegs, um die deutsch-tschechische Nachbarschaft zu gestalten und uns aus christlicher Verantwortung für Europa zu engagieren. Gerade jetzt, da sich in Europa scheinbar ein neuer Graben zwischen West und Ost auftut, braucht es Dialog. Die vergangenen Monate lehren uns, wenn man als 28er EU nicht miteinander redet, sondern nur übereinander und dabei als großes Deutschland Mehrheiten gegen kleinere Länder organisiert, dann wird Vertrauen zerstört und Sprachlosigkeit zieht auf. Dabei hat Deutschland gegenüber seinen kleineren östlichen Nachbarn eine besondere Verantwortung.

Europa: Teil der Lösung

Die Pioniere der direkten Nachkriegszeit, in der großen Politik wie im Kleinen, sahen Europa als die Zukunftsperspektive. Europa als Hoffnung für eine Lösung der Probleme, als Friedensprojekt, das die Völker verbindet. Eine Sicht, die heute aus der Mode gekommen zu sein scheint. Ist doch eine Rückbesinnung auf den Nationalstaat in unseren Ländern wahrzunehmen, verbunden mit der irrigen Annahme den Auswirkungen einer immer kleineren und globalisierteren Welt mit ihren Rückwirkungen auf unsere Länder so entkommen zu können. Dieser gefährlichen Entwicklung können wir eine Kultur des Dialoges entgegensetzen. Denn es gilt auch für uns heute: Europa ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung!

 

 

 

 

 

 

Autor: Martin Kastler MdEP a. D. Europapolitscher Sprecher des ZdK und Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde

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