Salzkörner

Samstag, 15. September 2012

Eine innere Angelegenheit der Religionsgemeinschaft

Zur Debatte um das Beschneidungsurteil

 

In seinem Urteil vom 07. Mai 2012 beschreibt das Landgericht Köln die Beschneidung von Jungen aus religiösem Grund als eine einfache Körperverletzung, die nicht durch die Einwilligung der Eltern gerechtfertigt werden kann, "weil sie nicht dem Wohl des Kindes entspricht."Das Urteil hat bei Juden und Muslimen für Empörung gesorgt und Diskussionen über religiöse Rituale in säkularen Gesellschaften und ihre Beziehung zu den Grundrechten entfacht.

Aus unterschiedlichen Gründen ist das Urteil nicht haltbar und wird zu weiteren Irritationen und kontroversen Diskussionen führen.

Kollision von Grundrechten

Das "natürliche Grundrecht" der Eltern, ihre Kinder zu pflegen und zu erziehen (GG, Art. 6, 2), beinhaltet auch die religiöse Erziehung und Sozialisation der Kinder. Die durch das Grundgesetz garantierte Glaubens- und Bekenntnisfreiheit und ungestörte Religionsausübung (GG, Art. 4, 1 und 2) gewährt den Eltern, auch mittels religiöser Praxis den Kindern den Glauben nahezubringen. Dazu gehören Rituale, an denen die Kinder von klein auf teilnehmen. Die Beschneidung gerät insbesondere in Verruf, weil sie die körperliche Unversehrtheit des Kindes "irreversibel" beeinträchtigt. Demnach ist das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit (GG, Art. 2, 2) sowie sein Recht auf freie Auswahl der Religion beeinträchtigt.

In der Tat kollidieren in dieser Debatte mehrere Grundrechte; eine juristische Entscheidung bedarf einer Abwägung, die auch religiöse Aspekte mit einbeziehen muss, ohne sich in die Gefahr zu begeben, das Recht dem "religiösen Diktat" unterzuordnen.

Neutralität des Rechts

In den Diskussionen um Beschneidung, die von allen Seiten überwiegend auch emotional geführt werden, geht es nicht nur um Beschneidung als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit und das Entfernen von einem Stück Haut, wie es seit über 4000 Jahren in unterschiedlichen Kulturen praktiziert wird. Es geht auch nicht darum, dass massenhafte psychosomatische Störungen bei jüdischen und muslimischen Männern einen rechtlich zwingenden Handlungsbedarf hervorriefen. Im Fall des vierjährigen Jungen, der der Auslöser des Gerichtsurteils und der darauffolgenden Debatten war, handelte es sich um eine medizinische Komplikation, die bei jeder Operation vorkommen kann. In vielen Darstellungen wird nun eher der Anschein erweckt, dass die aufgeklärten säkularisierten Menschen sich berufen fühlen, die unterdrückten jüdischen und muslimischen Jungen von einem archaischen religiösen Ritus befreien zu müssen.

Eine der wertvollen Errungenschaften der Demokratie ist es, dass sich Menschen ihre Meinung bilden und aussprechen können. Es ist legitim, die Meinung zu vertreten, dass eine Tradition nicht zeitgemäß ist, solange das Recht neutral bleibt und den anderen zugesteht, ihre Tradition zu pflegen und weiter zu tradieren, solange diese die bestehenden Gesetze und Prinzipien nicht verletzt.

Eine innere Angelegenheit der Religionsgemeinschaft

Es ist zu begrüßen, wenn Religionsgemeinschaften ihre Rituale und Traditionen auf den Prüfstand stellen und dabei die Lebenswirklichkeiten der Menschen berücksichtigen. Dieser Prozess ist ausschließlich ein innerreligiöser, der durch Anfragen von Außen belebt werden kann, die Entscheidung jedoch – so, ob eine Tradition nur für eine bestimmte Zeit und Gesellschaft relevant ist oder zu den Grundprinzipien des Glauben gehört und weiter bestehen muss – ist die innere Angelegenheit der jeweiligen Religionsgemeinschaft.

Das Beschneidungsurteil greift in die religiöse Praxis von Juden und Muslimen direkt ein, und es ist zu begrüßen, dass die christlichen Kirchen, auch wenn sie selbst nicht betroffen sind, sich mit Juden und Muslimen gegen die Einschränkung der religiösen Freiheit solidarisieren.

Islamische Lehre

In der islamischen Lehre ist die Bescheidung von Jungen zwar nicht im Qur`an erwähnt, wird jedoch von allen muslimischen Richtungen der obligatorischen und verbindlichen Tradition zugeordnet. Theologisch wird sie in einer Überlieferung als Tradierung der Tradition von Abraham bezeichnet. Der Zeitpunkt ist nicht zwingend festgelegt, dadurch sind unterschiedliche regionale Traditionen entstanden. Sie kann als eine Handlung für die offizielle Aufnahme in die Männerwelt verstanden werden, die dann feierlich begangen wird, wenn die Jungen bewusst die Prozedur miterleben können. Andere nehmen die Beschneidung kurz nach der Geburt vor, ohne öffentliche Bekundungen oder Feierlichkeiten.

Darüber ob die Beschneidung von Jungen als notwendige Handlung und Ausdruck der Zugehörigkeit zur muslimischen Gemeinschaft zu verstehen ist, gibt es vielfältige Meinungen, die sich in unterschiedlichen islamischen Richtungen unterscheiden. Wenn ein Mann im erwachsenen Alter den Islam annimmt, kann er sich entsprechend seiner Zugehörigkeit zur gewählten Richtung entscheiden, ob er sich beschneiden lassen will. Theologisch gibt es kein Gebot, das auffordert oder erlaubt zu prüfen, ob ein muslimischer Mann beschnitten ist.

An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass diese Darlegung ausschließlich für die Beschneidung von Jungen zutrifft. Die Beschneidung von Mädchen und Frauen ist eine Unsitte einiger afrikanischer Gesellschaften und steht nicht zur Debatte. Sie ist eine eindeutige Genitalverstümmelung, die über tausende Jahre praktiziert wird, um die Lust und Freude der Frauen an Sexualität zu unterbinden. Sie ist weder mit religiösen Geboten zu legitimieren noch mit den Menschenrechten zu vereinbaren.

Der religiöse und anti-religiöse Fundamentalismus vermitteln fixierte Weltsichten, die nicht fähig sind, die eigene Weltsicht zu relativieren und anderen Raum für ihre Meinungen und Prinzipien zu geben. In der Debatte um die Beschneidung wird der anti-religiöse Fundamentalismus sichtbar, wie er versucht, eine religiöse Tradition zu kriminalisieren und die Eltern als "Straftäter" abzustempeln, die so verblendet von archaischen Riten sind, dass sie nicht merken, wie gravierend sie das Wohl ihrer Kinder gefährden!

Verhältnis von Staat und Religion

Für muslimische Bürger Deutschlands bedeutet das Urteil, dass die angestrebte Integration immer wieder vor Herausforderungen steht. Die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft wird unter anderem dadurch gestärkt, dass auch religiös praktizierende Menschen – in diesem Fall Muslime – Zustimmung finden und von ihnen nicht stets erwartet wird, ihre Religiosität in die Privatsphäre zu verbannen. 

Das Wesensmerkmal von Demokratie, Freiheit und Säkularität ist, dass verschiedene Meinungen und religiöse Praxis das Recht auf Existenz und Ausübung haben. Der Staat hat nicht die Aufgabe, in die religiösen Lehren und Praktiken einzugreifen, wenn sie nicht offensichtlich gegen die Menschen- und Grundrechte verstoßen. In säkularen Gesellschaften haben die Religionen das Recht, sich an den politischen, gesellschaftlichen und Wertedebatten zu beteiligen, während der Staat weder verpflichtet noch berechtigt ist, die religiösen Dogmen einer bestimmten Religionsgemeinschaft zu bevorzugen. Diese Debatte um Beschneidung zeigt erneut, wie das Verhältnis zwischen demokratischem Staat, Zivilgesellschaft, religiöser und kultureller Eigenständigkeit immer wieder neu zu diskutieren und zu bestimmen ist.

Die faire Anerkennung und Akzeptanz der unterschiedlichen Lebensformen in unserer Gesellschaft ist die unverzichtbare Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben, das allen ihre Eigenständigkeit zugesteht und zugleich die Menschen- und Grundrechte als unaufhebbare gemeinsame Grundlage für das gesellschafts-politische Handeln festlegt. Glaubensüberzeugungen dürfen nicht mit der Loyalität zu Verfassungsgrundsätzen in Widerspruch geraten. Daran kann ein religiöses Ritual gemessen werden und nicht daran, ob eine religiöse Tradition ausgedient hat und von anti-religiösen Bewegungen bekämpft werden muss. Die Demokratie und Rechtstaatlichkeit unserer Gesellschaft lässt offene Debatten zu. Das ist eine Chance für sachliche und streitbare Diskussionen, die von Vernunft und Wissen gelenkt werden sollten, ohne unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sich gegenseitig zu diffamieren und zu beleidigen.

 

 

 

 

 

Autor: Hamideh Mohagheghi| Rechts- und Religionswissenschaftlerin, Theologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für islamische Theologie an der Universität Paderborn, Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, Mitglied im Gesprächskreis "Christen und Muslime" beim Zd

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