Salzkörner

Samstag, 31. Oktober 2015

Eine/r von uns

Eine Aktion der Christlichen Arbeiterjugend

Seit über zehn Jahren organisiert die Christliche Arbeiterjugend (CAJ) unter dem Aktionsnamen "Praktiker Weltna(h)rr" Veranstaltungen mit und für junge Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, sie wurde dafür u. a. vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Oberste Maxime des Praktikers ist es nicht, über Jugendliche mit Migrations- und Fluchthintergrund zu sprechen, sondern mit ihnen. Neben deutschen TeilnehmerInnen setzt sich die Gruppe zusammen aus Jugendlichen aus Somalia, Sri Lanka, Pakistan, Afghanistan, dem Iran, Angola und Syrien.

Um eine Verbesserung der Situation zu erreichen, arbeiten die Jugendlichen nach der Methode "Sehen-Urteilen-Handeln". Sie tauschen sich über ihre Lebensgeschichte aus und suchen nach den Ursachen, Profiteuren und Folgen ihrer Situation. Sie decken Widersprüche zwischen ihrer Situation und ihrer Würde auf und leiten auf dieser Grundlage ihrer politischen Forderungen ab. Dabei zeigt sich, dass sich die fundamentalen Bedürfnisse, Wünsche und Träume der deutschen TeilnehmerInnen für ein gelingendes und erfülltes Leben nicht von denen der Jugendlichen aus anderen Ländern unterscheiden. Die Chancen darauf, dass sich diese Träume erfüllen, sind in der Realität jedoch sehr unterschiedlich verteilt: Jugendliche mit einem ungesicherten Aufenthaltsstatus sind strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt, die einem würdigen Leben im Wege stehen. Vor allem der gleichberechtigte Zugang zu Arbeit und Ausbildung bleibt ihnen vielfach vorenthalten, ebenso wie die volle Gesundheitsversorgung. Doch auch für Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten muss das Leben in Deutschland und Europa mehr bieten als die Abwesenheit von Krieg. Dies bedeutet konkret, dass strukturelle Benachteiligungen abgebaut werden müssen. Daher fordert der Praktiker Weltna(h)rr u. a. auch den sofortigen, gleichberechtigten Zugang für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt. Junge Menschen sollten einen sicheren Aufenthaltsstatus bekommen, wenn sie eine Ausbildungsstelle erhalten können, sowie das Recht auf Sprachkurse von Anbeginn des Aufenthalts haben. Neben der integrativen Kraft, die von der Erwerbsarbeit ausgeht, sind es vor allem die Talente der Flüchtlinge, die aufgrund der bisherigen Rechtslage nicht entfaltet werden können. Diese Erfahrung haben auch Sabine Friesen und Katharina Tradt, Sprecherinnen des Praktikers Weltna(h)rr gemacht: "Wir sind überzeugt, dass jeder junge Mensch Charismen hat. Doch junge Menschen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus wird es erschwert, diese in der Arbeitswelt einzubringen."

Ängste und Träume

Um auf diesen Umstand auch öffentlich hinzuweisen, haben die Mitglieder des Praktikers eine Ausstellung konzipiert, die unter der Überschrift "Eine/r von uns" die Situation von jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund beleuchtet und deutschlandweit in verschiedenen Diözesen gezeigt wird. Auf Plakaten erzählen die TeilnehmerInnen von ihrem Leben, ihren Ängsten und Träumen, nicht zuletzt aber auch von ihren Talenten und politischen Forderungen. Viele Diözesanverbände der Christlichen Arbeiterjugend stellen die Ausstellung in ihren Diözesen aus. Dadurch beschäftigen sie sich gleichzeitig mit der Lebensrealität junger Flüchtlinge. Auch ist es immer wieder gelungen, Politiker, Presse und Öffentlichkeit durch die Ausstellung auf die Inhalte der Gruppe aufmerksam zu machen. Dass die TeilnehmerInnen ein Teil der Bewegung waren, welche die Aufhebung der Residenzpflicht, den schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt etc. für Flüchtlinge forderte und diese Forderungen nun zum Teil wahr geworden sind, freut die Gruppe. Groß ist aber gleichzeitig die Sorge, dass diese Verbesserungen nun wieder auf dem Spiel stehen. "Im Laufe unseres Projekts haben wir zum einen gesehen, dass gerade Menschen, die der Ethnie der Roma angehören, in den Balkanstaaten diskriminiert werden. Zum anderen haben wir herausgearbeitet, dass es gewisse Standards geben muss, damit Menschen, die in Deutschland ankommen, würdig leben können", so Katharina Tradt. "Dass nun verschiedene Staaten des Balkans einfach zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt werden und lang erarbeitete Rechte – wie etwa Bargeld statt Gutscheinbezug – wieder zurückgenommen werden sollen, finden wir unverständlich. So bleibt, neben der Freude über die bisherige Arbeit, weiterhin viel zu tun."

 

 

 

 

Autor: Michael Herkendell Referent für politische Bildung beim Bildungsinstitut der arbeitenden Jugend Katharina Tradt Diözesanleiterin der CAJ Berlin

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