Salzkörner

Mittwoch, 22. August 2012

Eine vitale und vielfältige Kirche

Katholikentag mit Bereitschaft zum Aufbruch

Der 98. Deutsche Katholikentag im vergangenen Mai in Mannheim hat viele überrascht. Mit 80.000 Teilnehmern, rund 1200 Veranstaltung, über 240 Gruppen und Initiativen auf der Kirchenmeile, bei seinen Festen und nicht zuletzt in den Gottesdiensten hat er eine angesichts zahlreicher Krisen und Herausforderungen erstaunlich vitale und vielfältige Kirche gezeigt. Was hat diesen Katholikentag ausgemacht? Dieser Frage geht der Generalsekretär des ZdK, Dr. Stefan Vesper, nach.

"Dieser Katholikentag war ein großes Fest des Glaubens. Wir haben eine lebendige, glaubensstarke und vitale Kirche erlebt", mit diesem Satz begann die immer wieder von lang anhaltendem Beifall unterbrochene Ansprache des ZdK-Präsidenten Alois Glück am Ende des Schluss-gottesdienstes des Mannheimer Katholikentags. Das war für viele, wie auch für mich, einer der Haupteindrücke der Tage von Mannheim.

Kirche lebt!

Diese Kirche lebt, und sie lebt gerade auch durch das Engagement vieler Laien. 80.000 Menschen haben an Veranstaltungen des Katholikentags teilgenommen, hunderte von Ständen auf der Kirchenmeile bezeugten das große und auch großartige Engagement der Katholiken. Es ist ein Engagement innerhalb unserer Kirche; fromm, loyal, entschieden, kompetent, kritisch. Es ist aber auch ein Engagement in unserer Gesellschaft, von der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung über Kolping und die Frauenverbände bis hin zu den katholischen Akademien.

Vielfalt als Reichtum

Ich zitiere nochmals Alois Glück: "Ja, die Situation in unserer Kirche ist mehr als die Summe ihrer Defizite. In unserer Kirche und im Namen der Kirche, aber auch durch Katholikinnen und Katholiken, die in ihrer eigenen Verantwortung als Bürgerinnen und Bürger handeln, geschieht viel Großartiges! Für mich war es eine beglückende Erfahrung, auf der Kirchenmeile die Vielfalt und das Engagement so vieler kirchlicher Gemeinschaften, von Verbänden und Organisationen, zu erleben. Diese Vielfalt ist nicht Gefahr, sondern Reichtum!" Der lang anhaltende Beifall an dieser Stelle macht deutlich: Der Reichtum, den der Katholikentag zeigt und zulässt, im Gegensatz übrigens zu anderen kirchlichen Veranstaltungen, wird von den Menschen nicht als Bedrohung sondern als Chance für die Kirche begriffen. Der Katholikentag war lebendiges Zeugnis für das, was die Kirchenkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils "Lumen Gentium" so ausdrückt: "Die Laien sind dazu berufen, die Kirche an jenen Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie zum Salz der Erde werden kann." (LG 33) Solche "Stellen" und "Verhältnisse" sind in unserer Gesellschaft in unermesslicher Zahl vorhanden, das zeigt die große Zahl der verschiedenen Verbände und Organisationen und Geistlichen Gemeinschaften. "Das ist", wie Alois Glück sagte, "die Frucht des Einsatzes vieler, vieler Ehrenamtlicher. Sie leben Glauben und Kirche, das ist ein besonderer Schatz."

Auf den Dialog gesetzt

Unsere Kirche ist in einer wichtigen historischen Situation. Der von den deutschen Bischöfen begonnene Dialogprozess ist eine Chance, die der Katholikentag unter seinem Leitwort "Einen neuen Aufbruch wagen" beherzt aufgegriffen hat. ZdK-Präsident Glück hat das so unterstrichen: "Dieser Katholikentag war offen für alle Fragen, die uns in der Situation und der Entwicklung unserer Kirche bedrängen. Für uns sind Vertiefung des Glaubens und notwendige Veränderungen kein Gegensatz. Wir setzen auf den Dialog – und wir erwarten den Dialog und Ergebnisse." Das sind Sätze, das ist eine Tonart, die Wirkung zeigen wird, die schon Wirkung zeigt. Sie sind Beleg für eine ehrliche dialogische Haltung. Unser Weg – der des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und der des Katholikentags – war und ist nicht der des "Aufrufs zum Ungehorsam". Die Zukunft wird zeigen, welcher Weg langfristig der erfolgreichere ist.

Alle Themen jedenfalls, die derzeit strittig sind, wurden in Mannheim beraten. Doch nicht nur die Themen der Podien, sondern eben auch die Gesprächshaltung ist wichtig, wie der Präsident unter großem Applaus bemerkte: "In der Freiheit des Geistes und des Wortes, und mit Respekt vor dem anderen Menschen und seinen Positionen, haben wir beraten, diskutiert und kontrovers debattiert. Diese Gesprächskultur sollte Maßstab werden für alle unsere kirchlichen Debatten." Es wäre sehr viel für das Klima in unserer Kirche getan, wenn sich alle an solche Regeln des Respekts halten würden. Nochmals Alois Glück: "Dafür ist die Haltung des hörenden Herzens, die der Heilige Vater den Politikern im Bundestag ans Herz gelegt hat, auch innerkirchlich eine gute Orientierung. Das ‚hörende Herz‘, das ist der Weg zu den Menschen, so wird Kirche wieder anziehender! Das hilft auch, die oft spürbare Angst vor Veränderung, den Pessimismus, die Verzagtheit zu überwinden."

Aufbruchsstimmung

Eine Frage allerdings bleibt: Wird der Dialog denn wirklich Ergebnisse haben und konnte der Katholikentag dazu einen Beitrag leisten? Die Chance dazu besteht. Es kommt etwas in Bewegung. Die Bischofskonferenz wird, das haben Bischöfe erklärt, sich mit dem Thema wiederverheiratete Geschiedene befassen. Und sie wird einen eigenen Studientag zum Dienst der Frauen in der Kirche durchführen. Im Bistum Trier hat Bischof Ackermann eine Diöze-
sansynode angekündigt. Eine Arbeitsgruppe der Gemeinsamen Konferenz von ZdK und Deutscher Bischofskonferenz hat Arbeitsthesen zum Zusammenwirken von Priestern und Laien in der Kirche vorgelegt. Auch andere Fragen werden neu besprochen. Es gibt Gründe, mit Zuversicht nach vorne zu schauen: auf die Chancen und auf positive Entwicklungen. Der Katholikentag hat gezeigt, wohin der Dialogprozess führen kann, wenn man sich auf ihn einlässt, und er hat die Bereitschaft der Menschen gezeigt, sich aktiv daran zu beteiligen. Er hat aber auch gezeigt, dass die Geduld zwar groß, aber nicht unbegrenzt ist.

Gesellschaft mitgestalten

Der Katholikentag war, auch wenn dies in den Medien wenig aufgegriffen wurde, auch ein politischer Katholikentag. Das lag nicht nur an der Präsenz zahlreicher führender Politiker, die sich der Diskussion zu vielen Zukunftsfragen stellten. Immerhin kamen mit dem Bundespräsidenten, dem Bundestagspräsidenten und der Bundeskanzlerin die Spitzenrepräsentanten der Bundesrepublik. Auch zwei Ministerpräsidenten, fünf Bundesminister und zahlreiche Parlamentarier fast aller Parteien suchten das Gespräch in Diskussionsveranstaltungen mit Fachleuten und den Katholikentagsteilnehmern und besuchten die Stände katholischer Verbände, Initiativen und Gemeinschaften auf der Kirchenmeile – das war Dialog hautnah. Besonderen Zuspruch fanden darüber hinaus Themen wie der Dialog mit den Wissenschaften, Debatten um Globalisierung und Integration oder Begegnungsangebote mit dem Islam und dem Judentum.

Die Zeit der "großen Themen", die die öffentliche Debatte monopolisieren, ist – auch beim Katholikentag – vorbei. An ihre Stelle ist die Welt der "tausend Probleme und Chancen" getreten. Umso größer ist das Bedürfnis nach Orientierung und Information aus erster Hand. Der Katholikentag, das Interesse seiner Teilnehmer wie das Engagement der zahlreichen Initiativen, hat deutlich gemacht was Alois Glück in seiner Rede am Ende sagte: "Nur anklagen oder jammern ist nicht unser Weg. Wir wollen mit Wertorientierung, mit Sachverstand, mit langem Atem die Aufgaben unserer Zeit und den Freiheitsraum unserer Gesellschaft mitgestalten."

Ein großes Trotzdem

"Warum sollten wir ‚einen neuen Aufbruch wagen‘, wo wir doch die letzten Aufbrüche noch gar nicht ans Ziel geführt haben?" fragt der Kommentator der Münchener Kirchenzeitung im Rückblick auf den Katholikentag. Und er gibt die Antwort: "Dennoch war in Mannheim überall ein großer Wille zum Aufbruch erkennbar. Zigtausende Katholiken kamen mit dieser Grundhaltung zusammen. Sie habe die Probleme der Kirche, der Gesellschaft, ja der Welt keineswegs verdrängt, aber sie haben sich auch nicht von ihnen erdrücken lassen. Mit großer Ernsthaftigkeit, gegenseitigem Respekt und viel Wohlwollen wurde diskutiert und um den richtigen oder zumindest den besseren Weg gerungen. Ein großes Trotzdem hat die Menschen erfasst. Trotz aller Defizite war die Freude über den gemeinsamen Glauben spürbar über alle kirchlichen bzw. gesellschaftlichen Grenzen und über die Generationen hinweg". 

 

 

 

 

 

 

Autor: Dr. Stefan Vesper Generalsektretär des ZdK

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