Salzkörner

Freitag, 10. September 2010

Einen neuen Aufbruch wagen

Das Evangelium zugänglich machen
Die Kirchen befinden sich in einer der größten Vertrauenskrisen der jüngeren Vergangenheit. Der Skandal um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche hat den Vertrauensschwund beschleunigt, letzte Ursache ist er nicht. Die Gründe liegen tiefer, ihre Auswirkungen treffen den Kernauftrag der Kirche. Der Präsident des ZdK, Alois Glück, fordert dazu auf, angesichts der Krise einen neuen Aufbruch zu wagen.

Wir leiden an unserer Kirche, wir leiden mit unserer Kirche. Aber sie ist weiter unsere Kirche. Wir wollen nicht resignieren, wir wollen uns engagieren. Wir Laien wollen unseren Beitrag leisten, damit aus dieser Krise eine neue Lebendigkeit, eine neue Strahlkraft, eine neue Anziehungskraft wächst. So habe ich beim Abschlussgottesdienst des Ökumenischen Kirchentages in München und in der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken unsere Position beschrieben.

Zeichen der Krise

In den letzten Wochen und Monaten ist immer deutlicher geworden, dass wir uns mit unserer Kirche in der schwersten Krise seit langer Zeit befinden. Wir spüren es in unseren eigenen Erfahrungen. Zahlen dokumentieren dies darüber hinaus bedrückend eindeutig. In diesem Jahr haben sich in ganz Deutschland mit 150 Bewerbern so wenig junge Männer wie noch nie für den Berufsweg zum Priester entschieden. Diese Tatsache fordert uns heraus, uns damit auseinanderzusetzen, was dies, besonders in Verbindung mit der Altersstruktur der Priesterschaft in Deutschland, schon in absehbarer Zeit für die Verkündigung und die Präsenz unserer Kirche in der Gesellschaft bedeutet.

Zwei Zahlen aus einer im Juni veröffentlichten Untersuchung des Instituts Allensbach dokumentieren einen dramatischen Vertrauensverlust: "Der Anteil der Bevölkerung, der der Kirche allgemein zutraut, in moralischen Fragen Orientierung zu geben, ist seit 2005 von
35 % auf 23 % gesunken, allein zwischen März
und Juni dieses Jahres von 29 % auf 23 %.
Zugleich ist die Überzeugung schwächer geworden, dass von den Kirchen Antworten auf Sinnfragen zu erwarten sind. 2005 waren davon noch 50 % der Bevölkerung überzeugt, im März dieses Jahres 45 % , jetzt
38 %." (FAZ 23.6.2010) Gerade die letzte Zahl ist besonders alarmierend, sie trifft den Kernauftrag der Kirche.

Erwartungen

Die positive Erfahrung: Die große Mehrheit der Bevölkerung ist in Sorge, ob die Kirchen in Zukunft noch ihrer Aufgabe gerecht werden können. Was damit gemeint und gewollt ist, ist sicher weithin diffus, dokumentiert aber die Einschätzung über die Bedeutung der Kirchen für die Menschen und die Gesellschaft.

Was ist in dieser Situation die Aufgabe des ZdK?

Wir sind nicht eine Oppositionsgruppe, unser Kirchenverständnis erlaubt uns auch keine einseitige Erwartungshaltung aus der Zuschauerperspektive an die Träger des Amtes. Wir wollen und müssen all das aufgreifen, was die Gläubigen in der Kirche und in unseren Gemeinschaften bewegt, umtreibt, was sie an Erwartungen an ihre Kirche haben.

Wir wollen und können aber nicht nur der Verstärker von Stimmungen und Erwartungen sein, wir stehen auch in der Verantwortung. Sie beginnt bei uns selbst, bei eigenen, selbstkritischen Reflexionen darüber, wo wir selbst Veränderungsbedarf haben, nicht nur in organisatorischen und methodischen Fragen. Wie erleben die Menschen uns als Kirche, erleben sie uns als Christen, als Katholiken und in welcher Weise?

Das Evangelium zugänglich machen

Als Kirche stehen wir an einer Kreuzung mit mehreren Abzweigungen. Die Alternativen sind: Resignation, gewollte oder jedenfalls mit wenig Bedauern hingenommene Schrumpfung zu einer kleinen Gemeinschaft "überzeugter Christen" oder Wille und Mut zu einem neuen Aufbruch.

Für uns kann nur die Bereitschaft zu einem neuen Aufbruch in Frage kommen. Resignation wäre Ausdruck mangelnden Gottvertrauens, ein Ja zur Schrumpfung Verrat an dem missionarischen Auftrag, den Menschen der jeweiligen Zeit und in ihren unterschiedlichen Lebenswelten die Botschaft des Evangeliums zugänglich zu machen. Das ist die Kernaufgabe, die wir nicht verraten dürfen. Daran müssen wir alle unsere Überlegungen und Vorschläge orientieren. Strukturen und Veränderungen sind nicht Selbstzweck. Der Bischof von Rottenburg, Gebhard Fürst, sagte in seiner Pfingstpredigt 2010 in aller Klarheit: "Die ganze Gestalt unserer Kirche muss ausgerichtet, ihre Strukturen müssen so eingerichtet sein und werden, dass sie dazu dienen, den Heiligen Geist, den Gottesgeist, der in Christus lebendig war, zur Wirkung zu bringen. Wo die Gestalt unserer Kirche dies behindert oder verdunkelt, da muss sie sich wandeln und verwandeln lassen." Der Heilsdienst für die Menschen ist die Orientierung und der Maßstab! Alles andere hat dafür Dienstfunktion – die Ämter und das Amtsverständnis, die Laien mit ihrem Auftrag und ihrem Anspruch auf entsprechende partnerschaftliche Beteiligung, die Rolle der Kirche und ihr Erscheinungsbild in Gesellschaft und Staat.

Wo und in welcher Weise verstellt die Kirche – wir miteinander! – den Menschen den Zugang zur heilenden Botschaft des Evangeliums? Die Zahlen über die sinkende Erwartung an die Kirchen – nicht nur die katholische! –, dass diese Antworten zu den Sinnfragen des Lebens geben, müssen uns aufrütteln. Sie lassen uns keinen Raum für Selbstgerechtigkeit, verbunden mit nur pessimistischen Bewertungen unserer Zeit oder Schuldzuweisung an die Menschen. " Der 'kalte Reif', der sich derzeit über unser kirchliches Leben legt, hat etwas mit Gegenwartsverweigerung zu tun. Wir schauen mehr zurück als nach vorn", urteilt der Erfurter Bischof Joachim Wanke (Rheinischer Merkur Nr. 24, 2010).

Eine den Menschen dienende Kirche

Was ist unsere Antwort, was heißt "geistliche Erneuerung"? Welches Leitbild einer erneuerten Kirche haben wir? Bischof Joachim Wanke hat dafür "die Vision einer den Menschen dienenden Kirche" vorgeschlagen. "Wir sollten alle Mühe darauf verwenden, eine den Menschen dienende und uns dabei (zumindest ab und zu) selbst vergessende Kirche zu werden."

Die Situation unserer Kirche und die sich daraus ergebenden großen Herausforderungen werden wir auch in den nächsten Monaten intensiv beraten. Dem dient vor allem auch die Arbeitstagung über die Zukunft der Kirche in Deutschland in der Trägerschaft der Gemeinsamen Konferenz von Deutscher Bischofskonferenz und ZdK.

Eine neue Kultur des Gesprächs

Die grundlegende und ausschlaggebende Frage ist, ob es uns in einer gemeinsamen Anstrengung gelingt, in unserer Kirche eine Kultur des Gesprächs, der Debatte und auch der notwendigen Auseinandersetzung zu gestalten, mit der die vielen Kräfte in unserer Kirche fruchtbar gemacht werden können. Wie können wir Vielfalt und notwendige Einheit miteinander verbinden, wie Einheit und gelebte Subsidiarität, wie eine Aufgabenverteilung und Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien, wie die Präsenz der Kirche und die Verkündigung gestalten?

Präsenz in Politik und Gesellschaft

Für das ZdK ist dabei eine besondere Herausforderung, dass wir, trotz der Größe dieser Aufgabe, den eigentlichen Schwerpunkt unseres Auftrags nicht vernachlässigen dürfen: für die Präsenz des Glaubens in den drängenden gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit einzutreten. Dieser Aufgabe werden wir bei der Vorbereitung des Katholikentages, der im Jahr 2012 in Mannheim stattfinden wird, einen besonderen Schwerpunkt einräumen. Aber wir werden auch in den nächsten Monaten zu Entwicklungen in der Gesellschaft und Entscheidungen in der Politik Position beziehen.

Autor: Alois Glück, Präsident des ZdK  

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