Salzkörner

Montag, 20. Dezember 2010

Einen neuen Aufbruch wagen

Gedanken zum Leitwort
"Einen neuen Aufbruch wagen" lautet das Leitwort für den 98. Deutschen Katholikentag, der vom 16. bis 20. Mai 2012 in Mannheim stattfinden wird. In seiner Ansprache zur Eröffnung der Katholikentagsgeschäftsstelle Anfang November deutet der Generalvikar der Erzdiözese Freiburg, Dr. Fridolin Keck, das Leitwort aus der Abrahamsgeschichte (Gen 12, 1-4a). Wir dokumentieren eine leicht gekürzte Fassung.

An Abraham können wir erkennen, worauf es ankommt, wenn Glaubende einen neuen Aufbruch wagen. Abrahams Aufbruch ist nicht zuerst das Ergebnis eigener Überlegungen. Er ist zunächst ein Hörender: Er hört hin auf den Ruf Gottes. So müssen wir immer wieder neu hellhörig und sensibel werden für das, was Gott uns sagen will: in den Worten der Heiligen Schrift, in dem Wort, das in Jesus Christus Person wurde, aber auch in dem, was wir einander sagen und was andere uns zu sagen haben. Und nicht zuletzt: hellhörig und sensibel werden für das, was Gott uns sagen will in den Zeichen der Zeit, die es, wie das Zweite Vatikanische Konzils in seiner Pastoralkonstitution formuliert, "im Licht des Evangeliums zu deuten" gilt.

Doch wie das Hören für einen Dialog zwar unerlässlich, aber eben erst der Anfang des Dialogs ist, so ist es mit dem Hören allein nicht getan. Dem Hören muss die Tat folgen. "Da zog Abraham weg" – das heißt: Er lässt vom Ruf Gottes sein Leben bestimmen und sich in Bewegung setzen, im unbedingten Vertrauen auf den, dessen Anruf er vernommen und angenommen hat. Nichts anderes bedeutet Glauben und solches Glauben gibt Boden unter die Füße.

Gott führt auf neue Wege

Abrahams Geschichte macht uns deutlich: Es ist Gott, der uns aufbrechen heißt. Gott will uns immer wieder auf neue Wege führen, wie auch er selbst immer wieder neue Wege beschritten hat, um seine Sehnsucht nach der Liebe der Menschen und nach einer liebevolleren Welt zu stillen. Ja, Gott liebt neue Wege und er ist nicht müde geworden, die Menschen immer wieder zu Aufbrüchen auf neuen Wegen anzustiften: Einzelne wie Abraham, das Volk Israel, das den Exodus wagt, oder eben auch die Kirche, deren Geschichte eine Geschichte voller Aufbrüche ist. Ich denke an den großen Aufbruch an Pfingsten in Jerusalem, an die Konzilien bis hin zum Zweiten Vatikanum mit seinem wegweisenden Modell von Kirche als Volk Gottes, in dem vor aller Hierarchie zunächst einmal eine grundlegende Gleichheit von Schwestern und Brüdern, von Getauften und Gefirmten herausgestellt wird. Ich denke an die Ordensgründungen, an die zahlreichen Erneuerungs- und Reformbewegungen, an all die sozialen und missionarischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, an die unendlich vielen bekannten und unbekannten Berufungsgeschichten, die allesamt Aufbruchsgeschichten sind. Aufbruch gehört zur Kirche, denn sie ist eine pilgernde Kirche und zur Pilgerschaft gehört der Aufbruch jeden Tag!

In dieser Tradition steht auch das Motto des 98. Deutschen Katholikentags in Mannheim: "Einen neuen Aufbruch wagen". Aber es geht um weit mehr als um das Fortführen einer langen Tradition. Der neue Aufbruch ist einer Situation geschuldet, wie wir sie so bisher noch nicht erlebt haben. Noch nie haben wir derart massiv und geradezu brutal zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Gemeinschaft der Kirche – weit über jeden einzelnen Christen hinaus – eine "ecclesia semper reformanda" ist, eine Kirche, die ständig der Reform, der Erneuerung bedarf. Diese Aussage ist altbekannt; sie ist in den letzten Jahrzehnten schon fast zum harmlosen geflügelten Wort verkommen.

Mehr als Facelifting

Wenn wir ehrlich sind, dann haben wir bisher das Wort von der "ecclesia semper reformanda" eigentlich noch gar nicht so richtig ernst genommen. Wir wollten Änderungen wohl eher auf die Fassade, auf die Kosmetik beschränken; wir dachten an eine Art kirchliches Facelifting. Doch es ist, so müssen wir uns heute eingestehen, weit mehr als ein Facelifting gefordert. Es braucht in unserer Kirche eine tiefe innere Umkehr. In dem Wort von der "ecclesia semper reformanda" findet ebenso wie in der Rede des Zweiten Vatikanischen Konzils von der "ecclesia purificanda" – der Kirche, die stets der Reinigung bedürftig ist – der Wesenskern der frohen Botschaft Jesu über das Kommen des Reiches Gottes einen Widerhall, und dieser Wesenskern, dieses Grundprinzip ist so aktuell wie kaum zuvor: "Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15). Auf dieser Linie liegt auch die innere Umkehr, die wir in unserer Kirche heute brauchen und die sich in ganz konkreten Schritten und Veränderungen zeigen und bewähren muss.

Option für die Menschen

So wird es bei unserem neuen Aufbruch ganz entscheidend darauf ankommen, deutlich zu machen, dass es der Kirche um die Menschen geht und, wenn sie ihrer Sendung treu bleiben will, um die Menschen gehen muss. Das vielzitierte Wort von Papst Johannes Paul II. ist und bleibt für uns die entscheidende Wegweisung: Der Weg der Kirche ist der Mensch. So hat auch Erzbischof Dr. Robert Zollitsch in seinem Impulsreferat zur Eröffnung der diesjährigen Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda in aller Deutlichkeit festgehalten: "Aufbruch verlangt eine konsequente Option für die Menschen."

Und dabei dürfen wir unseren Blick nicht nur nach innen richten und so der Gefahr erliegen, uns immer und immer wieder nur mit uns selbst zu beschäftigen. Wir müssen über den eigenen Kirchturm hinausschauen und über unsere Kirchenglocken hinaushören – auf die Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaft, auf ihre Nöte und Fragen, auf ihre Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchte, aber ebenso auch auf ihre Enttäuschungen, auf ihre Kritik und ihr Unverständnis. All dies gehört zu einer konsequenten Option für die Menschen und zum Dialog mit ihnen.

Mannheim: Wandel war hier immer

Mannheim ist ein idealer Veranstaltungsort, um eine solche Option im Rahmen eines Katholikentags wahrzunehmen. Die Stadt, die schon immer eine Einwanderungsstadt war, ist geprägt von einer reichen Vielfalt und zahlreichen Kontrasten. Sie ist damit ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Die Veränderungen, die sich sowohl im gesellschaftlichen als auch im kirchlichen Bereich vollziehen, sind hier deutlich zu sehen; die Fragen, die die Menschen heute bewegen, sind präsent. "Wandel war hier eigentlich immer", schrieb der "Spiegel" über Mannheim. Gerade im Wandel ist sich Mannheim aber auch treu geblieben, hat es verstanden, Neues mit Altem zu verbinden. Das alles passt gut zu einem Katholikentag, der im Zeichen des Aufbruchs, eines neuen Aufbruchs steht.

Große Aufbrüche setzten sich meist aus einer ganzen Reihe kleinerer Aufbrüche zusammen. So findet auch heute ein Aufbruch statt: Die Geschäftsstelle des Katholikentags bricht auf und wir alle mit ihr. Das Wagnis, das im Motto des Katholikentags zur Sprache kommt, kennzeichnet auch diesen heutigen Aufbruch. Große Aufgaben und viel Arbeit werden in den nächsten eineinhalb Jahren auf diejenigen, die hier tätig sind, zukommen. So ist es gut, dass wir diesen Aufbruch mit der heutigen Feier unter den Segen Gottes stellen und damit über unser Tun hinaus auf ihn verweisen.

Die Segel in den Wind stellen

Gott hat dem Abraham seinen Segen zugesagt und ihm zugleich verheißen: "Ein Segen sollst du sein." Diese Verheißung begleitet auch die Kirche und sie ist schon oft in Erfüllung gegangen. "Ein Segen sollst du sein": Das ist nicht nur Verheißung, sondern auch Auftrag. Bitten wir darum Gott, dass wir diesem unserem Auftrag gerecht werden, dass unser heutiger Aufbruch und der neue Aufbruch, den wir mit dem 98. Deutschen Katholikentag 2012 in Mannheim wagen wollen, ein Segen werde für viele Menschen in Mannheim, in unserer Erzdiözese Freiburg, in Deutschland und darüber hinaus!

Und wenn wir auf unserem Weg vielleicht doch einmal mehr die Grenzen als die Weite der Verheißung Gottes sehen, dann darf uns ein großer Sohn dieser Stadt – Pater Alfred Delp SJ – ermutigen. Eine seiner Grundüberzeugungen lautete: "Du hast viel mehr Möglichkeiten, als du denkst, ganz zu schweigen von den ungeahnten Möglichkeiten Gottes mit dir." Und an einer anderen Stelle schreibt er einmal: "Man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind." Stellen wir also unsere Segel in den Wind des Heiligen Geistes und vertrauen wir den neuen Wegen, die der Herr uns weist!

Autor: Dr. Fridolin Keck, Generalvikar der Erzdiözese Freiburg, Mitglied der Leitung des Katholikentags Mannheim  

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