Salzkörner

Montag, 30. August 1999

Einkaufen am Sonntag?

Es ist keine Glaubensfrage, ob man um 8 oder um 20 Uhr einkaufen geht. In einer Gesellschaft, in der Berufstätigkeit für die meisten nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch ein Element persönlicher Erfüllung ist, feste Arbeitszeiten sich aus gesellschaftlichen wie individuellen Gründen auflösen und nicht zuletzt die festen Rollenzuweisungen an Mann und Frau überholt sind, wäre es ein Unding, an der Übereinstimmung von Arbeitszeit und Einkaufszeit festzuhalten. Es ist nicht einmal eine Glaubensfrage, ob man am Sonntag einkaufen geht. Denn auch dafür gibt es innerhalb Deutschlands und schon gar im Ausland unterschiedliche Traditionen. Es berührt aber sehr wohl das staatsbürgerliche Interesse der Christen, wenn jetzt der Versuch gemacht wird, ein prägendes Gemeinschaftselement unseres öffentlichen Lebens zu zerstören. Und der Sonntag ist ein gemeinschaftsorientiertes Element unserer gesellschaftlichen Kultur, weil er durch die grundsätzliche Arbeitsruhe dem gemeinsamen Erlebnis mit Gleichgesinnten und Gleichinteressierten, vor allem aber der Familie eine Chance gibt. Wem der sonntägliche Gottesdienst wichtig ist, wird ihn sich auch künftig nicht nehmen lassen. Gleichwohl bedeutet der Eingriff in den geschichtlichen Charakter des Sonntags einen weiteren Schritt zur öffentlichen Marginalisierung der Kirchen. Und wahrhaft beklemmend ist der bedenkenlose Umgang mit der Verfassungsbestimmung, den Sonntag als Zeit "der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung" zu schützen. Soll das Gewinn- und Konsuminteresse einer Minderheit mobilisiert werden, um gegen die Einstellung der Gesellschaftsmehrheit zum Sonntag eine individualistische Kulturrevolution voran zu treiben?

Autor: Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Präsident des ZdK

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