Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Elvira Noa, Bremen


Als Kind gefielen mir in der Schule die Jesus-Bildchen sehr gut. Ich malte sie gerne aus und hörte gerne die Geschichten. Meine Mutter sagte, Jesus war ein guter Mensch und das sollen wir auch werden. Als ich etwa acht Jahre alt war, wunderte ich mich darüber, dass zu Hause Jesus ein Mensch war, in der Schule aber Jesus ein Gott war. Wir wurden zur Sicherheit in die Kirche geschickt. In unserem Bücherschrank entdeckte ich ein Buch mit einem traurigen Foto und einem gelben Stern auf der ersten Seite. Das Buch hieß "Der gelbe Stern".1 Ich wollte es lesen, aber es wurde mir verboten; wenn ich älter würde, dürfte ich es lesen. Jedes Jahr kamen der Onkel und die Tante aus Amerika zu Besuch. Sie wohnten im teuersten Hotel von Karlsruhe und hatten Nummern auf dem Arm eintätowiert. Er hätte sich totgestellt unter Leichenbergen, so hätte er überleben können und dann seien das Kriegsende gekommen und die Befreiung. Er und mein Vater hatten oft Streit, weil mein Vater in Deutschland geblieben war. Zum jüdischen Neujahr mussten wir Glückwünsche nach New York senden. In Ermangelung eines jüdischen Kalenders und einer jüdischen Infrastruktur fiel es schwer, das richtige Datum zu erwischen. Man musste Freunde fragen. Einmal kam der Besuch zu den Hohen Feiertagen und wollte, wie in New York gewohnt, einen Gottesdienst besuchen. Wir fanden eine Wohnung, die für solche Zwecke zu einer Art Bethaus umgestaltet worden war. Durch die Tür quetschten wir uns in einen überfüllten Raum. Nach fünf Minuten bekam mein Vater Erstickungsanfälle und lief raus. Ich musste mit, obwohl ich gerne geblieben wäre und die Gebete und Gesänge weiter anhören wollte. Ich bekam keine Antwort auf meine Frage, warum die Juden sich zum Beten in ein Wohnzimmer drängeln mussten, wohingegen überall schöne Kirchen für die Christen standen. Mein Bruder brachte ein Taschenbuch mit nach Hause, das von den Verbrechen der Kirche und den Päpsten in manchen Jahrhunderten der Kirchengeschichte handelte. Ich sog dieses Buch ein. Als in Israel der Sechs-Tage-Krieg ausbrach, hörten wir die Nachrichten voller Angst um das Land und mein Vater erklärte, wenn er jünger und ohne Familie gewesen wäre, hätte er sich zur israelischen Armee gemeldet und gekämpft. Ich war damals 14 Jahre alt, vergaß das nicht und mit 19 Jahren landete ich in Tel Aviv und blieb zwei Monate. Wegen der Tränen meiner Mutter kam ich zurück, begann mein Studium in Freiburg und besuchte dort regelmäßig ein Einfamilienhaus, dessen Wohnzimmer mit einem zu einem Tora-Schrein umfunktionierten Kleiderschrank ausgestattet war. Ein Chassan sang ergreifend alte Liturgien und jiddische Lieder, erzählte chassidische Geschichten. Plötzlich wurde das Judentum etwas Wundervolles und der gelbe Stern verlor seinen allumfassenden Schrecken, bekam seinen Platz inmitten der Schönheit und behielt ihn. Er schrie davon, nicht alleine übrig bleiben zu wollen. Abends saßen wir am Münsterplatz, tranken badischen Wein. Das Freiburger Münster ragte mit seinen kunstvollen Heiligen und Apostelstatuen, dem Kreuzweg Jesu und manchen antijudaistischen Darstellungen erbarmungslos und faszinierend in den Himmel. Das Wundern meiner Kindheit und Jugend brach vehement auf, spätestens jetzt war die Neugierde auf die inneren und äußeren Unterschiede, die Entstehungsgeschichte des Christentums aus dem Judentum geboren, auf das Wesen, das Miteinander und Gegeneinander Beider, der Entwicklung des Antisemitismus aus dem Antijudaismus der Kirchen. Ich las Eugen Drewermann; Latein und Musikstudien sprachen von ägyptischen Mythologien und griechischem Götterhimmel. Welche Nähe zum christlichen Wunderglauben. Konnte er deshalb eine solche Macht in der Menschheitsgeschichte entfalten? Bis heute frage ich nach all dem.

Meine Eltern wurden nicht fröhlicher, die Geschichte lastete auf ihnen, weder Kirche noch Synagoge konnten ihnen helfen, aber die Gespräche mit dem Einen Gott vor dem Schlafengehen haben sie uns an den Kinderbetten gelehrt.


1    Gerhard Schoenberner, Der gelbe Stern, Hamburg 1960.

 

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