Salzkörner

Mittwoch, 9. Mai 2012

Engagiert in der Gesellschaft

Ein Beitrag zur Debatte um die "Entweltlichung" der Kirche

In seiner Freiburger Rede vom September 2011 nennt Benedikt XVI. ein Problem beim Namen, das wir alle kennen: Unsere Kirche ist in vielen Feldern des sozialen, kulturellen und politischen Lebens präsent und verliert doch dramatisch an religiöser Überzeugungskraft.

Die Sorge des Papstes teile ich – umso mehr, als ich glaube, dass unserer Gesellschaft mehr denn je eine in sich gefestigte, überzeugungsstarke Kirche guttut. Aber braucht sie auch eine "entweltlichte" Kirche? Dazu die folgenden Anmerkungen.

"Verweltlicht" oder "entweltlicht"?

Im Frühjahr 1887 hatte es Ludwig Windthorst, der herausragende politische Kopf der Zentrumspartei und bedeutendste Gegenspieler Bismarcks im Kulturkampf, mit einer tatsächlich verweltlichten Kirche zu tun. Ich fühle mich Windthorst verbunden, weil ich den gleichen Wahlkreis im Deutschen Bundestag vertrete, den er damals im Reichstag innehatte, und weil ich ihn für einen zu Unrecht fast vergessenen, hoch bedeutsamen christlichen Politiker halte. Windthorst hatte 15 Jahre lang gegen die Diskriminierung der Katholiken im nationalistisch geprägten deutschen Kaiserreich von 1871 gekämpft.

Ende der 1880er Jahre änderte sich die politische Großwetterlage, Bismarck und Papst Leo XIII. verständigten sich über die Köpfe des Zentrums hinweg. Als eine Geste des guten Willens verlangte der Papst von Windthorst die Zustimmung zu einem Militärbudget, das im Kern ein Blankoscheck zur Aufrüstung war und das wichtigste Recht des Reichstags – das Budgetrecht – aushebelte. Für Windthorst war diese päpstliche Direktive eine Zumutung.

Er war schon vorher überzeugt davon, in allen "weltlichen" politischen Fragen ausschließlich seinem Gewissen und keiner anderen Instanz verpflichtet zu sein. "Wir handeln frei nach unserer eigenen Überzeugung", sagt er einmal, "und selbst die Bischöfe Deutschlands haben auf unseren Gang und auf unsere Entschlüsse nicht den geringsten Einfluss". Was ihn umgekehrt nicht daran hindert, sich mit aller Kraft als Laie für Kirche und Glauben einzusetzen. Auf dem Höhepunkt des Kulturkampfs ruft er: "Sie können unsere Herzen verletzen. Aber von unserem Glauben abbringen können Sie uns nicht. Haben wir die Priester nicht, so werden wir alleine beten."

Windthorst steht für die Emanzipation der Politik von der kirchlichen Autorität. Wenn Papst Benedikt XVI. heute in seinem Jesus-Buch schreibt, weltliche Macht stelle keine Gefahr mehr für die Kirche dar, dann stellt er sich damit recht besehen auf die Seite Windthorsts. Auch die Konzilskonstitution Gaudium et Spes baut auf seine Einsicht und definiert Politik als eigenständiges Laienapostolat: Oft werde, so heißt es da, "eine christliche Sicht der Dinge" zwar "eine bestimmte Lösung in einer konkreten Situation nahelegen. Aber andere Christen werden vielleicht, wie es häufiger und zwar legitim, der Fall ist, bei gleicher Gewissenhaftigkeit in der gleichen Frage zu einem anderen Urteil kommen."

Damit ist die Kirche tatsächlich im abgelaufenen Jahrhundert einen großen Schritt der "Entweltlichung" bereits gegangen, sie hat das Gewissen des Einzelnen geadelt. Aus der "Welt" zurückgezogen hat sie sich aber nicht. Der Papst ist kein Player auf der europapolitischen Bühne mehr, aber die Christen tragen umso mehr Verantwortung für die Gesellschaft, in der sie leben.

Impulse für die Politik

Nun ist Leo XIII. eine schillernde Figur; nicht nur der wohl letzte Repräsentant eines (macht-) politischen Papsttums, sondern auch Initiator der Katholischen Soziallehre. Seine Enzyklika Rerum Novarum (1891) ist bis heute ein Fanal. Mit dem Satz, es sei "ein himmelschreiendes Unrecht, dem Arbeiter seinen gerechten Lohn vorzuenthalten", autorisiert er eine kirchliche Option für die Armen, die sich nicht in Caritas und Fürsorge erschöpft, sondern strukturell, politisch denkt. Glaube vertröstet nicht, er verpflichtet. Wie passt das aber zur Forderung Benedikts, die Kirche müsse sich "gleichsam ent-weltlichen", um ihre Sendung zu verwirklichen?

Meine Option lautet: Unsere Gesellschaft braucht Kirche, die zu den Fragen der Zeit sowohl sachkundig als auch grundsätzlich aus einer religiös-theologischen Position heraus Stellung nehmen kann. Wir brauchen Kirche als Partner in einer Zivilgesellschaft, die Pluralität der Lebensstile und Wertvorstellungen nicht vorrangig als Problem, sondern als Chance begreift und deshalb auf den Dialog angewiesen ist.

Oft weiß die Politik nicht mehr sicher, was richtig oder falsch ist. Wir fahren immer öfter "auf Sicht" – nicht nur in der Eurokrise. Einführung des Mindestlohns, Energiewende, frühkindliche Förderung, Schutz des Lebens am Anfang und am Ende der menschlichen Existenz, aber auch Schutz der Kreatur, Schonung der Ressourcen und zugleich Förderung der Wirtschaft – trotz unterschiedlichen Gewichts haben diese aktuellen politischen Themen eines gemeinsam: Sie werden nicht ohne Risiko entschieden, immer sind Abwägung, Unsicherheit und Fehlerwahrscheinlichkeit dabei. Aufgabe der Politik ist es nicht, die vermeintlich beste Lösung durchzusetzen, sondern: Die Risiken zu minimieren, nach verträglichen Lösungen zu suchen. Für mich als christlich orientierten Politiker wäre es deshalb fatal, wenn die Kirche sich aus diesem Dialog zurückzöge und sich in diesem Sinne "ent-weltlichte".

Wie es im Gegenteil gehen kann, hat der frühere Kölner Kardinal Josef Höffner (1906 – 1988) gezeigt. Er war dreierlei: Priester, Professor (für christliche Sozialwissenschaften) und Politikberater. Als Student hatte er in Rom die katholische Soziallehre kennen gelernt und das Erscheinen der zweiten Sozialenzyklika Quadragesimo Anno (1931) miterlebt. Sie ist dem Subsidiaritätsprinzip gewidmet.

Für Höffner war das Soziale immer konkret. Mit allgemeinplatzartigen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit ist es nicht getan. Er hat den demografischen Wandel und seine Risiken für das Rentensystem vorausgesehen. Schon 1953 warnte er vor einer Versorgungsmentalität, der Tendenz zum "alles regulierenden Vater Staat". Freiheit gebe es aber nicht ohne Eigenverantwortung.

Nach seinem Vorbild wünsche ich mir eine Kirche, die sich nicht auf die wenigen, vermeintlich "wesentlichen" Fragen selbst reduziert, sondern durch Weite des Horizonts, Sachkunde und echte Dialogbereitschaft und Kompromissfähigkeit auszeichnet. Ich beobachte, dass die Kultur des Kompromisses noch nicht überall in der Kirche die Anerkennung bekommt, die sie verdient hat. Man sieht die schmerzlichen Abstriche, die man im Blick auf das Wünschenswerte machen muss, aber man sieht nicht, dass der Kompromiss eine eigene Würde hat. Es braucht eine hinhörende, neugierige, ständig aufmerksame Kirche. Aufwändig inszenierte "Dialogprozesse" sind da möglicherweise nicht der effektivste Weg, um sich den Sorgen und Nöten der Menschen, zumal der kirchenfernen, zu öffnen und eigene Lösungen vorzuschlagen.

Hoffnungszeichen

Wir sind auf dem Weg zur Bürgergesellschaft. Die Vielfalt der Engagementformen, ihre Kreativität, ihre Nähe zu den Sorgen der Menschen sind beeindruckend. Die Kirchen spielen hier eine gewichtige Rolle, sie sind aber längst nicht mehr allein und unangefochten Experten für die Humanisierung des Sozialen. Auch der in meinen Augen wichtigste Gedanke der Sozialenzyklika Caritas in Veritate von Papst Benedikt XVI., die Aufforderung zu einer "Kultur der Unentgeltlichkeit", ist längst Realität – weit über den kirchlichen Kontext hinaus. Dass man nur glücklich wird, wenn man andere glücklich macht – davon sind viele überzeugt, die sich gar nicht Christen nennen.

Was heißt das für die Kirche? – Tatsächlich wird sie wohl von manchen lieb gewordenen, gut funktionierenden und möglicherweise lukrativen Aufgaben Abschied nehmen müssen. In diesem Sinne wird sie, wie der Papst es ausdrückt, "auf Distanz zu ihrer Umgebung" gehen und sich ent-weltlichen. Auf ihr waches Interesse an unserer Gesellschaft insgesamt, ihre Analyse von Fehlentwicklungen, ihre karitativen Optionen, ihre ethisch-moralischen Einsprüche, ihren Hinweis auf Not, die noch nicht gesehen wird, aber sich schon abzeichnet – auf all das kann unsere Gesellschaft nicht verzichten.

 

 

 

Autor: Dr. Hermann Kues, Parlamentarischer Staatssekretär im Familienministerium, Mitglied des ZdK

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