Salzkörner

Freitag, 19. Dezember 2014

Erinnern. Orientieren. Ermutigen

Aufgaben für den Katholikentag in Leipzig

Sich erinnern an die Erfahrungen der Christen in der DDR und während der Friedlichen Revolution, Orientierung geben, abseits des Strebens nach Optimierung und Wachstum, über Wert und der Würde des Menschen sprechen und ermutigen, auch im öffentlichen Raum aus christlicher Überzeugung heraus tätig zu werden, dies sind Herausforderungen und Aufgaben für den 100. Deutschen Katholikentag, der vom 25. bis 29. Mai 2016 in Leipzig stattfindet.

 

Erinnern

 

Dieses Jahr 2014 ist für die Menschen in Deutschland und ganz besonders für die im Osten ein Erinnerungsjahr, das die meisten von uns mit frohen Gedanken erfüllt. Die Friedliche Revolution, die mir immer noch wie ein Wunder vorkommt, ist schon 25 Jahre her. Es gab 2014 viele Gelegenheiten, sich noch einmal aktiv mit dem Geschehen um das Jahr 1989 auseinanderzusetzen. Mir ist dabei bewusst geworden, wie subjektiv das Erinnern ist. Auch ist Erinnerung kein statischer Zustand, sondern die Geschehnisse erscheinen immer vor dem Hintergrund späterer Erfahrungen.

 

Zu den im Rückblick für mich ganz wesentlichen Stationen der Auseinandersetzung mit dem Alltag in der DDR und der Frage nach der Verantwortung katholischer Christen in diesem Land, gehören der Konziliare Prozess und das  Katholikentreffen 1987 in Dresden. 1987 begann die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der DDR mit der Vorbereitung der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der DDR. Und in diesen Aufbruch hinein fällt das erste und einzige ostdeutsche Treffen katholischer Christen unter dem Leitwort „Gottes Macht - unsere Hoffnung“. In einer weitgehend säkularen und dazu religionsfeindlichen Gesellschaft boten die Kirchen Schutz und Freiraum für Arbeitskreise, in denen sich Christen aller Konfessionen und nicht konfessionell gebundene Menschen kritisch und konstruktiv mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen konnten.

 

Orientieren

 

Es ist ein großes Geschenk, dass nun der 100. Deutsche Katholikentag in Leipzig stattfinden wird. Viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, haben keine Erfahrungen mit der katholischen Kirche oder aus Begegnungen mit katholischen Christen. In einer Situation von Unsicherheit, sei es in Bezug auf die stabil geglaubten Fundamente des eigenen Lebens oder in Hinblick auf die Konflikte in der Welt, sehnen sich Menschen wieder nach Orientierung abseits des Strebens nach Optimierung und Wachstum. Welch eine große Chance für ein Treffen der Katholiken aus ganz Deutschland!

 

Katholikentage kommen aus der Tradition eines sozialen und politischen Katholizismus. Damit sind sie von jeher auch gesellschaftspolitische Foren. So werden in Leipzig ganz bewusst die großen Fragen, die uns heute umtreiben - zum Wert und der Würde des Menschen und unserer Verantwortung für zukünftige Generationen - im Mittelpunkt stehen. Diesen Fragen werden wir uns als gläubige Menschen nähern. Dabei verstehen wir unsere, aus dem Glauben erwachsenden Antworten als Angebot für die gesellschaftliche Diskussion. Das Leitwort „Seht, da ist der Mensch“ ist ein klares Bekenntnis zu den Grundlagen unseres Glaubens und führt uns gleichzeitig in die Verantwortung für die Welt.

 

Ermutigen

 

In Leipzig wird es viele Gelegenheiten geben, miteinander ins Gespräch zu kommen, sich zu begegnen und, wie ich sehr hoffe, auch zu erfahren, wie notwendig und fruchtbar gemeinsames Engagement in einer pluralen Gesellschaft ist.

Beim Katholikentag wird auch die große Vielfalt christlichen Lebens sichtbar. Engagement im christlichen Verständnis kann nicht nur – wie in der ostdeutschen Diaspora oft üblich – in den Räumen und auch Grenzen der eigenen Pfarrei gedacht und organisiert sein, sondern in Interessengruppen und Verbänden wirksam werden. Das zu erleben, kann die Menschen der ostdeutschen Diözesen ermutigen, auch im öffentlichen Raum aus christlicher Überzeugung heraus, tätig zu werden. Gleichzeitig bieten die geographische Lage und die Geschichte der Stadt die Chance, auch mit Gästen aus Osteuropa  ins Gespräch zu kommen, deren Mut und Unbeugsamkeit auch Anstoß und große Unterstützung für die Friedliche Revolution vor 25 Jahren waren.  

Autor: Elke Herrmann, Mitglied im Vorstand des Diözesanrates des Bistums Dresden-Meißen und in der Katholikentagsleitung

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