Salzkörner

Montag, 9. März 2015

Familie verstehen und glaubwürdig handeln

Als Katholikin und Katholik Position beziehen

Es ist kein Wunder, dass die Familie in der christlichen Tradition eine so hohe Aufmerksamkeit genießt: Wenn wir erleben, wie uns Mitglieder der Familie - Mutter, Vater, Geschwister, Großeltern, weitere Verwandte - mit ihrer Liebe beschenken, wird dadurch auch die Liebe Gottes konkret erlebbar. Die Definition der Familie ist allerdings nicht mehr ganz so eindeutig. Ist Familie immer da, wo Kinder sind? Ist Familie da, wo sich Menschen verantwortlich umeinander sorgen? Ist Familie ausschließlich generationenübergreifend gemeint oder verstehen sich auch kinderlose Paare oder Geschwister zu Recht als Familie?

In jedem Fall gehört zur Familie immer ein verbindlicher und vertrauter Rahmen, in dem Entfaltung gelingen kann. Verlässlichkeit, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Treue, Verantwortung und Solidarität sind Attribute und Werte, die eng mit der Familie verwoben sind. Insofern wird auch die Familie zur wichtigen Grundgröße in Gesellschaft und Kirche; als kleine Einheit, in der Menschen sich selbst organisieren und beheimaten, auch mit ihrem Glauben. Was die Familie selbst erledigt, auch in finanzieller und fürsorgerischer Verantwortung, braucht der Staat nicht zu übernehmen.

Wer von Familie und der Weitergabe des Lebens redet, kann dies nicht tun, ohne über Paare zu sprechen. Wenn zwei Menschen sich lieben und ihre Liebe Ausdruck findet in Kindern, ist dies ein Geschenk. Die meisten Kinder in Deutschland (über 70 Prozent) kommen heute in sogenannten ehebasierten Familien zur Welt. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Ehe als Form, eine Paarbeziehung verbindlich zu leben, immer noch hohe Attraktivität besitzt. Als Katholikinnen und Katholiken rühren wir seit mehr als 2000. Jahren die Werbetrommel für die Ehe. Zu Recht wie ich finde, nur mit dem Unterschied, dass wir heutzutage nach Begründungen gefragt werden. Was unterscheidet die Ehe von einer festen Partnerschaft? Was spricht – neben etwaigen steuerlichen Vorteilen oder einer Auflage durch den Arbeitgeber oder Vermieter – für eine Ehe? Die öffentlichen Zwänge oder Anlässe für eine Eheschließung nehmen immer weiter ab. Grund genug, sich dafür sprachfähig zu machen.

Den richtigen Zeitpunkt finden

Wenn ich mich an meine eigene Partnerschaft erinnere, war es mein heutiger Schwiegervater, der die Sache ins Rollen brachte. Mein heutiger Mann, also damaliger Freund und ich waren als Studenten zusammengezogen und lebten so schon einige Monate, als mein Schwiegervater – ganz zwanglos – eines Tages mit der Idee einer Verlobung um die Ecke kam. Warum eigentlich nicht, so dachten wir. Wir hatten beide das Gefühl, den Partner bzw. die Partnerin fürs Leben gefunden zu haben, also warum nicht die Beziehung amtlich machen und dazu bewusst den Segen Gottes erbitten. Kleine Verlobungsfeier im Winter, im Sommer darauf eine große kirchliche Hochzeit. Im Freundeskreis waren wir mit 25 Jahren und noch nicht vollendetem Studium die absolut einzigen, die heirateten. "Seid ihr bekloppt? Um Gottes Willen, für den Rest Eures Lebens, wisst Ihr, wie lange das noch ist? Mutig, mutig. Glück gehabt, dass Ihr Euch gefunden habt." Viele Studienfreunde wohnten dem Traugottesdienst damals wohl mit gewisser Neugier und auch Skepsis bei…

Die Chance eines Versprechens

Ich bin heute dankbar, dass wir für uns – dank externer Anfrage – den richtigen Zeitpunkt gefunden haben, und ich muss gestehen, dass ich selbst seitdem bei einigen befreundeten Paaren ungefragte und dezente Hinweise auf die Möglichkeit einer Heirat gegeben habe. Ich persönlich sehe in der Ehe eine große Entlastung. Mir kommt immer wieder ein Gedanke der politischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt in den Sinn, die von der "wohltuenden Wirkung eines Versprechens in einer unübersichtlich gewordenen Welt" schrieb. Ich brauche an dieser Stelle vermutlich nur anzudeuten, was mit der Unübersichtlichkeit gemeint sein kann: die vielen Ungewissheiten im Erwerbsleben, der Zwang zur Mobilität, die grenzüberschreitende Öffnung der realen Welt (auch über digitale Möglichkeiten) mit vermehrten Freiheitsgraden aber auch vergrößertem Entscheidungsdruck und die veränderten Rollenbilder mit all ihren Chancen und Herausforderungen.

Eine verbindlich gelebte Paar- und Liebesbeziehung kann hier Rückenstärkung sein, in Krisenzeiten, die meiner Erfahrung nach in jeder engen Beziehung unvermeidlich sind, ein Sicherheitsgefühl vermitteln und für das Leben von Sexualität einen geschützten Raum bieten.

So weit so gut.

Die innere Distanz beenden

Damit wären der Werbung für die Ehe viele Argumente beigefügt, die sich mit meiner persönlichen Überzeugung und mit der Lehre der Kirche decken. Bis auf die Monate des nach derzeitigem Stand der kirchlichen Lehre sündhaften Zusammenlebens mit meinem Mann vor der Ehe. Und da beginnt eine Schere im Kopf, in meiner eigenen Biografie. Und diese wird nicht kleiner, sondern größer, wenn ich um Antworten gebeten werde von meinen inzwischen jugendlichen Kindern und von unseren Freunden: Was sage ich Bekannten, deren Tochter in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt? Wie begleite ich unsere Kinder, wenn sie demnächst ausziehen werden und dann, vielleicht auch ohne ans Heiraten zu denken, mit einer Partnerin, einem Partner zusammenleben? Und wie stehe ich einer verheirateten Freundin zur Seite, die in einer Ehe lebt, in der die Liebe immer schwächer geworden ist und in der Schmerz und Verletzungen die Beziehung so stark dominieren, dass die Würde der einzelnen nachhaltig verletzt wird?

Wir sollten keine Antworten schuldig bleiben

Dies sind vielleicht die kompliziertesten Fragen, die in der aktuellen Familiendebatte aufgeworfen werden, nicht zuletzt befeuert durch die römische Familiensynode, die eine unerwartet breite Aufmerksamkeit über alle Generationen hinweg erzielt hat. Es ist allerdings nicht nur der Aufruf des Papstes zur Beantwortung dieser Fragen, der mich umtreibt. Es sind die Menschen in meiner direkten Umgebung, die mich zwingen, mich als Katholikin, als Mutter, als Ehefrau und als Freundin zu positionieren.

Im Zentralkomitee der Katholiken haben wir uns entschlossen, uns diesen Fragen zu stellen. Ich bin sehr froh, dass wir mit meiner Wahl zur familienpolitischen Sprecherin im November 2013 eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen haben, die für unsere Herbstvollversammlung vor vier Monaten erste positionierende Thesen vorbereitet hat. Wir konnten damit eine breite Debatte unter den 220 ZdK-Mitgliedern anstoßen, die in kleinen Gesprächseinheiten in großer Offenheit geführt wurde. Dafür danke ich allen Mitwirkenden und Beteiligten ganz herzlich. Wir wollen uns damit nicht nur einbringen in die römische Familiensynode, die mit der Ordentlichen Beratung in diesem Oktober wichtige pastorale und dogmatische Fragen auf der Tagesordnung hat.

Vor allem wollen wir als Kirche in Deutschland mit dem Thema weiterkommen und dafür brauchen wir einen längeren Atem. Es muss darum gehen, die unzumutbaren intrapersonellen Spannungen aufzulösen, die Christinnen und Christen in ihrem Alltagsleben durch einige Normen der katholischen Lehre aufgebürdet werden und die sie in eine innere Distanzierung drängen.

Warum die Zeit drängt

Die Spannungen erleben gleichwohl nur noch diejenigen Christen, die auf die Meinung der Kirche noch etwas geben. Doch so wenige es auch sein mögen, so groß ist die Aufmerksamkeit der säkularen Öffentlichkeit. Und hier wird wiederum von vielen wahrgenommen, ob die Kirche ihre Orientierungsangebote auf die Moderne ausrichtet oder nicht. Das ist der zweite Grund für die Dringlichkeit: Wir werden als Kirche nicht mehr ernst genommen bei den wichtigen gesellschaftspolitischen und bioethischen Fragestellungen, wenn wir unsere Hausaufgaben in der Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre, vor allem in Fragen der Sexualmoral und der Sakramententheologie nicht erledigen.

Schließen möchte ich mit dem dritten, wichtigen Aufgabenfeld im Familienkontext: junge Menschen zu verantwortlichen Beziehungen zu ermutigen, Generationensolidarität zu stärken, Mut machen zu Kindern, und den Familien in der Vielfalt ihrer Konstellationen zur Seite zu stehen.

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Birgit Mock Sprecherin des ZdK für Familienpolitische Grundfragen

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