Salzkörner

Montag, 3. Mai 2010

Fest der Hoffnung für alle Welt!

Ein Blick auf den 2. Ökumenischen Kirchentag in München
Vom 12. bis 16. Mai findet in München der 2. Ökumenische Kirchentag statt. Hans-Georg Hunstig, Sprecher des ZdK für pastorale Grundfragen, formuliert seine Erwartungen.

An Beginn und Abschluss des Ökumenischen Kirchentages 2003 in Berlin habe ich zwei starke symbolhafte Erinnerungen: Bei der Eröffnungsfeier vor dem Brandenburger Tor saß ich über der "Demarkationslinie", die noch keine 14 Jahre überwunden war, die Ost und West getrennt hatte, an der ein Schießbefehl Menschen am Zusammenkommen gehindert hatte, an der ich selbst oftmals gestanden und die Spaltung unseres Landes hautnah gespürt hatte. Ein dankbarer Schauer erfasste mich beim Gefühl dieses tiefgreifenden Wandels hin zur erlangten staatlichen Einheit.

Und dann der Schlussgottesdienst der 200.000 Menschen auf dem Platz der Republik vor dem deutschen Parlamentsgebäude, wozu über dem Altarzelt unsere Botschaft stand: "Gottes Segen für alle Welt". Dahinter steht über dem Reichstag "Dem deutschen Volke". Plötzlich kam mir die Inschrift, die für unser Land Bedeutung hat und über die ich oft mitdiskutiert habe, kleinkariert, eng, egoistisch vor. Die Botschaft vom Segen Gottes zeigt dazu einen deutlichen Kontrast, gilt allen Menschen auf dieser Erde, erinnert uns an unsere globale Verantwortung – welch eine Weitung.

Zu gern möchte ich diese beiden Erfahrungen mit nach München nehmen, wo uns nur noch wenige Tage vom 2. Ökumenischen Kirchentag trennen. In zahlreichen Sitzungen war ich deutschlandweit bei der Vorbereitung und dem Zusammenfügen des Programms dabei, in Westfalen und meinem Heimatbistum konnte ich Dinge mit anschieben, in meinen christlichen Gemeinden daheim haben wir uns gut ökumenisch vorbereitet – und jetzt geht es los!

Die EINE Kirche Jesu Christi leben!

Ich wünsche mir sehr, dass wir in München noch mehr als bisher auch die "Demarkationslinie" zwischen den christlichen Konfessionen überschreiten, die dann – wie heute in Berlin zur Erinnerung durch Markierungen im Straßenbelag – eine wichtige historische Linie bleibt. Zehntausende Gelegenheiten wird es beim Ökumenischen Kirchentag dazu geben,

• wenn sich zwei einander bislang unbekannte Christen unterschiedlicher Konfession auf dem Weg zum Messegelände in der U-Bahn treffen, dabei feststellen, dass sie zu derselben Bibelarbeit mit anschließendem Podium wollen und beschließen, bis zum Mittag zusammenzubleiben. Im Gespräch darüber bei der Mittagssuppe bemerken sie, wie stark ihre gemeinsamen Einstellungen sind, die jede konfessionelle Trennung überlagern;

• wenn Frauen und Männer, die in einer großen Gruppe aus derselben Stadt angereist sind, aber getrennt dem evangelischen Kirchenkreis bzw. dem katholischen Dekanat angehören, sich immer wieder bei Gottesdiensten, Bibelarbeiten, Diskussionen oder beim ÖKT in der Stadt begegnen. Sie stellen nicht erst bei der Rückfahrt Überlegungen für eine vermehrte Zusammenarbeit der Christen vor Ort an;

• wenn bei der orthodoxen Vesper mit der Artoklasie (= Brotteilen) am Freitagabend die Teilnehmenden an 1000 Tischen erleben, wie sie in ihrer kleinen Gruppe am Tisch beten, Gottes Wort hören, miteinander sprechen und das gesegnete Brot teilen. Sie erfahren als Teil einer größeren Gemeinschaft einen Gottesdienst, den sie auch daheim feiern können;

• wenn das VATER UNSER, das Jesus Christus uns – auch für den Ökumenischen Kirchentag als das dort meistgesprochene Gebet – geschenkt hat, uns alle noch mehr zur gemeinsamen Tat anspornt. Als Anregung aus dem ZdK dazu erschien gerade das Buch im Echter Verlag "... so auch auf Erden. Ökumenisch handeln mit dem Vater unser" und gibt es das Podium "Ökumenisch handeln aus dem Vater unser" (Freitag, 14 Uhr in Halle B0, S. 257 im Programmheft);

• wenn wir uns wechselseitig unsere Erfahrungen gelebten Christentums zeigen im persönlichen Gespräch, auf der Agora – dem riesigen Marktplatz christlicher Praxis – und in unseren ganz verschiedenen Gottesdiensten, die uns wichtig sind. So erfahren wir, wie Unterschiedliches nicht trennen ("markieren") muss, sondern verbinden und zusammenführen kann.

Diese und die von den Teilnehmenden des Ökumenischen Kirchentags darüber hinaus gemachten Erfahrungen können zeigen, dass wir "EINE Kirche" sind und dieses auch mehr und mehr leben. Ich wünschte mir, dass die von München Heimgekehrten dann auch stärker betonen, dass sie Christinnen bzw. Christen sind und nicht so sehr, dass sie Katholiken bzw. Protestanten sind.

Als Christen aktiv IN der Welt leben!

Das umfangreiche Programmheft mit seinen nahezu 3000 Veranstaltungen und Gottesdiensten gibt eine Zeitansage in nahezu alle Lebensbereiche. Wir werden konfrontiert mit allen gesellschaftlichen Fragen, die unser Land beschäftigen, und allen internationalen Konflikten und Herausforderungen, denen wir uns nicht entziehen dürfen. "Christsein in der einen Welt, Christsein in der offenen Gesellschaft, Christsein und die vielfältigen Orientierungen, Christsein in der Vielfalt der Kirchen" sind die Themenbereiche überschrieben.

So können alle Teilnehmenden über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen und Anregungen mitnehmen, als Christinnen und Christen aktiv IN der Welt zu leben und mitzuwirken, dass die Botschaft "Gottes Segen für alle Welt" Wirklichkeit wird.

Lange haben wir im Präsidium des 2. ÖKT beraten, wie sich alle Teilnehmenden des Ökumenischen Kirchentags auf ein Zeichen verständigen können, mit dem sie gemeinsam die Weltgestaltung ausdrücken und so alle konkret mitbauen können am Reich Gottes. Daraus ist eine Postkartenaktion entstanden: "Wir nehmen uns beim Wort". Damit sind alle eingeladen, sich entschiedener für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. In ökumenischer Partnerschaft wollen wir uns vor Gott und untereinander verpflichten.

Konkret geschieht das dadurch, dass sieben aufrüttelnde biblische Wort auf eine Karte gedruckt sind, die 160.000-fach in München und schon vor dem ÖKT verteilt wird mit jeweils einer konkreten Frage an jede und jeden. Ganz persönlich sind dann alle eingeladen, sich eine Frage zum Herzensanliegen zu machen, damit das Engagement zu prüfen, sich entsprechend selbst zu verpflichten und im Lebensumfeld Gleichgesinnte zu suchen – möglichst in ökumenischer Partnerschaft. "Geben Sie einander Ihr Wort!"

Wir nehmen uns bei Gottes Wort und bei unserem Wort – hoffentlich gelingt es, dass wir alle in München Feuer fangen bei dieser Aktion, die dann auch in den Gemeinden und Gruppierungen daheim weitergeführt werden kann. Viele Tausende Christinnen und Christen zeigen dann so, dass sie Gottes Botschaft weitertragen, die Welt aktiv gestalten, Hoffnung weitergeben.

"... und sie erkannten ihn"

Beim Schreiben dieses Beitrags habe ich gerade die Feier der Karwoche und des Osterfestes erlebt. Und im Jahr 2010 hatten wir eine wirklich harte Karwoche, in der uns täglich neu die sexualisierte Gewalt gegenüber jungen Menschen aus jüngster Vergangenheit durch Kleriker und andere kirchliche Mitarbeiter sowie deren Vertuschung durch Amtsträger gespiegelt wurde. Insoweit dauert diese dunkle Karwoche beim ÖKT sicher noch an, bei dem wir auch Wege suchen, die den verletzten Opfern gerecht werden und notwendige Veränderungen in der Kirche einleiten.

Aber dennoch: Es wird auch Ostern beim Ökumenischen Kirchentag! Ich hoffe sehr, dass die Botschaft des Osterfestes "Surrexit dominus" oder "Jesus lebt" am Ende überwiegen kann. Und wenn wir die Verheutigung im Emmaus-Evangelium vom 2. Ostertag dazunehmen: die Belastung der Vergangenheit, die Enttäuschung der Jünger, der Tod Jesu – Niedergeschlagenheit war angesagt. Und dann nahm Jesus das Brot, segnete es, brach es und gab es ihnen. "... und sie erkannten ihn", schreibt Lukas. Vielleicht ist es das Brotbrechen, das Teilen, das uns Hoffnung geben kann. "Damit ihr Hoffnung habt" haben wir den Kirchentag überschrieben. Dieser Hoffnung unter uns Christenmenschen und darüber hinaus kann und soll die Osterbotschaft neue Flügel geben – auch beim Münchener Ökumenischen Kirchentag. So kann dieser ein großes Fest der Hoffnung werden für die Christenmenschen, die dabei sind oder ihn daheim begleiten, und für die ganze Welt.

Autor: Hans-Georg Hunstig, Sprecher des ZdK für pastorale Grundfragen, Mitglied des Präsidiums des 2. ÖKT

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